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Deutschland

"Antisemitismus gibt es auch in teuren Restaurants"

Jung, jüdisch, Aktivist: Michael Groys war auf der Antisemitismus-Konferenz in Berlin. Mit der DW spricht er über seinen "Verschwörungs-Montag", Geld von den Rothschilds für neue Anzüge und 82 Millionen Nahost-Experten.

Grafitto an der Universität Marburg (Copyright: picture-alliance/dpa/A. Dedert)

Grafitto an der Universität Marburg

DW: An der parlamentarischen Konferenz gegen Antisemitismus in Berlin haben etwa 100 Abgeordnete aus knapp 40 Ländern teilgenommen. Warum waren Sie dabei?

Michael Groys: Ich wurde eingeladen, weil ich mich gegen Antisemitismus engagiere. Ich bin im Bündnis gegen den "Al-Quds-Tag", einem bürgerlichen Bündnis, das sich jedes Jahr gegen die große Al-Quds-Demonstration [Anm. d. Red.: am Al-Quds-Tag demonstrieren Gegner und Kritiker Israels] in Berlin formiert. Ich bin jüdischer Aktivist und Mitglied der SPD.

Laut Umfragen steigt der Judenhass in Europa. Was bringt da eine parlamentarische Konferenz?

Es ist wichtig, dass der Kampf gegen Antisemitismus nicht nur auf den Straßen und in den Schulen passiert, sondern auch auf der Ebene der Parlamente. Da hat diese Konferenz eine starke Symbolkraft und ist auch international auf große Resonanz gestoßen. Dennoch bin ich etwas enttäuscht, dass nur wenige deutsche Bundestagsabgeordnete teilgenommen haben.

Michael Groys, jüdischer Aktivist aus Berlin (Photo: privat)

Hofft auf Deutschland als Vorreiter im Kampf gegen Antisemitismus: Michael Groys

Immerhin war Angela Merkel da sowie Außenminister Frank-Walter Steinmeier und Justizminister Heiko Maas.

Ja. Und die Kanzlerin hat das Thema Israel-Feindschaft noch einmal sehr betont. Das ist wichtig, denn alle reden über Judenhass, aber dieser Israel-bezogene Antisemitismus wird oft vernachlässigt. Insofern bin ich ihr dafür dankbar. Was mir bei den Reden aber fehlte, waren Lösungen. Was folgt aus diesen Analysen? Wird es Gesetzesänderungen geben?

Justizminister Maas hat erklärt, dass er einen einheitlichen Kodex in Europa gegen Hassreden in sozialen Netzwerken möchte.

Es ist kein nationales Problem. Deshalb ist es unumgänglich, das auf europäischer Ebene zu bekämpfen. Ich wäre froh, wenn Deutschland in diesem Punkt Vorreiter wäre, wenn es nach dieser Konferenz nicht nur beim Reden bleibt, sondern wenn Heiko Maas und andere politische Verantwortliche dies vorantreiben in der Europäischen Union. Es hat mich bewegt, dass sich die Kanzlerin trotz der katastrophalen Gesamtlage nach den Landtagswahlen zehn, fünfzehn Minuten Zeit genommen hat, um am Montag zu dieser Konferenz zu kommen. Das soll nicht naiv klingen, aber das bedeutet schon etwas, dass sie diese Priorität hat.

Berlin Antisemitismus Konferenz ICCA Angela Merkel (Copyright: picture-alliance/dpa/M. Kappeler)

Bundeskanzlerin Angela Merkel auf der Antisemitismus-Konferenz in Berlin

Hat denn der Rechtsruck bei den drei Landtagswahlen vom Sonntag die Diskussion dominiert?

Das hat einen leichten Schatten auf die Konferenz geworfen. Aber es wäre falsch, das als zentrales Thema zu sehen. Ich glaube generell, dass der alte Hass, dass Antisemitismus in Deutschland noch immer in der Luft liegt. Und auch im Rest Europas ist das wieder spürbar. Die Grenzen sind gefallen zwischen Kritik und ganz klar judenfeindlichen Parolen. Es gibt viel weniger Hemmungen.

Woran liegt das? Ist das Internet schuld?

Es sind Debatten, die nicht klar judenfeindlich verpackt werden, die aber ein Türöffner für Antisemitismus sind. Beispielsweise die Beschneidungsdebatte. Man kann zur Beschneidung von Knaben unterschiedliche Meinungen haben, aber damit werden auch Ressentiments geschürt. Ich habe das auch schon selbst erlebt. Soziale Medien wie Facebook spielen dabei natürlich auch eine Rolle. Es gibt einfach extrem viele Verschwörungstheorien, die dort kursieren.

Was kann man dagegen tun?

Ich habe auf meinem Facebook-Account eine Kampagne gestartet. Jeden Montag ist bei mir Verschwörungs-Montag und ich präsentiere ein Mitglied der Rothschild-Familie. Ich schreibe, dass ich für pro-israelische Posts Geld von der Rothschild-Familie bekomme. Wenn ich ein Bild von mir im neuen Anzug einstelle, dann schreibe ich: sponsored by Rothschild. Und die Leute glauben das. Rational kann man dem nicht entgegentreten. Deshalb versuche ich, den Leuten den Spiegel vorzuhalten und zu zeigen, wie dusselig das ist. Es muss einem einfach klar sein, dass Antisemitismus in der letzten Konsequenz tödlich endet. Es beginnt mit Worten, so war das auch vor 1933, dann wurden Bücher verbrannt und wie es endete, wissen wir alle. Das muss man sich immer vor Augen halten. Ein Antisemit wird auch durch Gesetze nicht von seinem Wahn abkommen. Deshalb braucht es präventive Maßnahmen. Beim Thema Schulbücher muss sich etwas tun, die Geschichte darf nicht 1945 enden. Dass viele Holocaust-Überlebende in Israel, im Schutzraum für Juden, eine neue Heimat gefunden haben, das ist wichtig, zu lernen.

Symbolbild Kippa und Kopftuch (Photo: Britta Pedersen dpa/lbn +++(c) dpa - Bildfunk+++)

Zusammenleben? Möglich!

Gerade auch für Neuankömmlinge aus muslimischen Ländern? Stichwort "importierter Antisemitismus".

Wenn man Null-Toleranz-Politik sagt, dann muss man das auch allen gegenüber so meinen. Das gilt auch für Flüchtlinge. Aber zu behaupten, wie das etwa die Pegida-Kreise tun, dass erst mit den Flüchtlingen das Thema Antisemitismus hochgekocht sei, ist falsch. Leute, die sich nie um Antisemitismus geschert haben, werden auf einmal zu Judenfreunden. Das finde ich seltsam. An dieser Stelle möchte ich auch ganz klar widersprechen. Antisemitismus ist ein gesamtgesellschaftliches Problem. Er begegnet uns auch in teuren Restaurants und selbst im wissenschaftlichen Raum. Aber natürlich muss man die Sorgen von Juden ernst nehmen bezüglich der Menschen, die aus Ländern zu uns kommen, in denen Antisemitismus Normalität war. Das sind keine schlechteren Menschen, aber sie sind damit aufgewachsen. Zu sagen, das gibt es nicht, wäre fatal. Man muss den Dialog suchen.

Wo hört denn für Sie Israelkritik auf und wo fängt der Hass an?

Ich glaube, dass die Politik des Staates Israel einfach überdurchschnittlich häufig thematisiert und kritisiert wird. "Der Spiegel" schreibt sogar über Netanjahus Hund. Wen soll das interessieren, der Hund des Regierungschefs eines Staates von der Größe Hessens? Es gibt da eine Überpräsenz. Wir haben doch in Deutschland 82 Millionen Nahost-Experten. Jeder kann mir erzählen, wie er den Nahost-Konflikt lösen würde.

Sie vermuten eine Obsession?

Zumindest in den Medien, ja. Und dabei wird vieles verkürzt dargestellt, die Vielfältigkeit Israels nicht gezeigt. Nicht jede Kritik an der Politik des Staates Israel ist antisemitisch. Aber diesen Staat als Monolith darzustellen, das ist sehr problematisch.

Michael Groys ist Publizist und jüdischer Aktivist. Der 26-Jährige studiert an der Universität Potsdam Verwaltungswissenschaften.

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