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Politik & Gesellschaft

Antibiotika-Skandal bei Masthähnchen

Deutsche Verbraucherschützer schlagen Alarm: In Hähnchenfleisch aus Massentierhaltung würden häufig Antibiotika-resistente Keime gefunden. Nur Biofleisch ist sicher, doch das kostet den fünffachen Preis.

"Heute gibt es bei uns Rindfleisch", sagt die junge Mutter, die an der Kasse eines Kölner Supermarktes ihre Einkäufe einpackt. "Meine Tochter isst lieber Hähnchen, aber darauf ist uns der Appetit erst mal gründlich vergangen." So geht es derzeit vielen deutschen Verbrauchern,

Foto: dpa

BUND-Vorsitzender Hubert Weiger

seit die Umweltschutzorganisation Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) am Montag (09.01.2012) ihre jüngste Untersuchung über Antibiotika im Hähnchenfleisch veröffentlicht hat. Jede zweite Probe aus deutschen Supermärkten ist demnach mit resistenten Keimen belastet. Dies hatte der BUND bei Testkäufen in mehreren Regionen Deutschlands festgestellt. "Das ist die erschreckende Folge des Antibiotika-Missbrauchs", sagte der BUND-Vorsitzende Hubert Weiger.

Der Grund ist nach Einschätzung der Umweltschutzorganisation in der Massentierhaltung zu suchen. In den Ställen der Hähnchenzüchter würden bis zu 24 Tiere pro Quadratmeter gehalten. "Dies ist nur unter Einsatz großer Mengen von Antibiotika möglich", kritisierte Weiger und forderte strengere Tierschutz-Gesetze. Denn die so genannte Intensivtierhaltung ist in der Europäischen Union nach der Masthühner-Richtlinie erlaubt, die pro Quadratmeter 39 Kilogramm "Besatzdichte" erlaubt. Geht man davon aus, dass ein Hähnchen bis zur Schlachtung knapp zwei Kilo wiegt, sind dies mehr als 20 Tiere auf einem Quadratmeter.

So billig wie möglich

Grill-Hähnchen in einem Imbiss Foto: dpa

Sie kosten oft weniger als vier Euro: Grill-Hähnchen in einem Imbiss

Leise piepend kuscheln sich die kleinen Küken auf dem Stroh. Vier Tage alt sind die 120.000 Tiere, die innerhalb von einem Monat im Stall von Rainer Wendt zu Grillhähnchen der Marke "Wiesenhof" heranwachsen sollen. Wendt ist Landwirt in Niedersachsen, dem deutschen Bundesland mit den meisten Hähnchenfarmen, und Präsident des Bundesverbands der Hähnchenerzeuger. "Ich habe seit einem halben Jahr keine Antibiotika eingesetzt", sagt Wendt und blättert zum Beweis in einem Ordner, in dem er jeden Tierarztbesuch dokumentiert. "Das ist Vorschrift und unsere Branche hält sich daran", betont der Landwirt. Sein Verband bereite gerade eine eigene Studie über den Gebrauch von Antibiotika vor. "Wir wollen Transparenz schaffen und den Einsatz von Medikamenten reduzieren."

Dies könne zum Beispiel über verbesserte Lebensbedingungen und die Gabe von Futterzusatz geschehen, der das Immunsystem der Tiere stärke. Wichtig sei die richtige Temperatur, die in seinem Stall über einen Klima-Computer gesteuert werde. "Außerdem muss man die Hygiene-Vorschriften beachten, dann braucht man nur im Ausnahmefall Antibiotika." Dass seine Tiere industrielle Massenware sind, gibt Rainer Wendt ohne zu zögern zu. "An einem Kilo Hähnchenfleisch verdiene ich fünf Cent, und da sind noch nicht meine Investitionskosten abgezogen. Bei solchen Preisvorgaben kann ich nicht anders produzieren", sagt der Züchter. "Die Verbraucher wollen billiges Fleisch und sind nicht bereit, für Qualität mehr zu zahlen."

Freilaufende Bio-Hühner auf der Wiese Foto: dpa

Artgerecht aber teuer: Freilaufende Bio-Hühner

Der Marktanteil von Bio-Hähnchen in Deutschland liegt dagegen gerade mal bei einem Prozent und ist seit Jahren nicht gestiegen. Eine Studie des Umweltministeriums Nordrhein-Westfalen vom November, in der zum ersten Mal der Einsatz von Antibiotika bei der Hähnchenzucht in Deutschland systematisch untersucht wurde, hatte ergeben: Einzig Biobetriebe verwenden keine Antibiotika. "Aber unser Produkt hat seinen Preis", sagt Volker Rahm, der in Düsseldorf einen Bio-Hof mit rund 200 Hühnern hat. Die Tiere haben ein Außengehege mit großem Auslauf, bekommen Biofutter und werden drei Monate lang gemästet. "Ein Huhn kostet bei uns deswegen rund 20 Euro und nicht vier", sagt der Landwirt.

Keine Gefahr für Verbraucher

Der Einsatz von Medikamenten ist in Deutschland im Arzneimittelgesetz geregelt. Demnach dürfen Antibiotika eingesetzt werden, wenn Tiere erkranken. In einem Hähnchenmastbetrieb, in dem in der Regel mehrere Zehntausend Tiere auf einmal gehalten werden, ist eine individuelle Behandlung nicht möglich – ist ein Huhn krank, bekommen alle Antibiotika. Die Medikation muss von einem Tierarzt angeordnet und überwacht werden.

Gefahr für die Verbraucher durch möglicherweise mit multiresistenten Keimen belastetes Geflügel besteht jedoch nicht - sofern man die gängigen Regeln für den Umgang mit rohem Fleisch beachtet. "Man sollte sich die Hände waschen, wenn man das Fleisch geschnitten hat und das Messer zum Beispiel nicht hinterher noch zum Gemüseschneiden verwenden", rät Sabine Klein von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Zudem sei es wichtig, die Arbeitsflächen und das Spülbecken nach jedem Kontakt mit rohem Fleisch gründlich zu reinigen und das Fleisch vollständig zu garen.

Fehlender Tierschutz

Hähnchen in einem Mast-Stall Foto: dpa

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"Es gibt Antibiotika-resistente Keime überall in der Umwelt. Das liegt einerseits am viel zu hohen Einsatz dieser Medikamente in der Tierhaltung, aber auch in der Humanmedizin", betont die Verbraucherschützerin. Deswegen sei nicht bewiesen, dass die auf dem Hähnchenfleisch entdeckten Keime durch die Verabreichung von Antibiotika bei der Mast entstanden seien. "Das kann der Fall sein, muss aber nicht", gibt Klein zu bedenken und warnt vor voreiligen Schlüssen. "Wenn solche Keime auf Fleisch gefunden werden, ist dies nicht automatisch das Verschulden des Tierhalters."

Die Bundesregierung hat nun auf die Kritik des BUND reagiert und noch für diese Woche einen Gesetzesentwurf angekündigt, mit dem das Arzneimittelgesetz verschärft werden soll. Aus Sicht von Verbraucherschützerin Klein greift dies jedoch zu kurz. Das Hauptproblem sei der Umgang mit den Tieren. "Die Hähnchen werden unter Bedingungen gehalten, die sie krank machen und die den Einsatz von Antibiotika erfordern. Dies darf nicht länger so sein", meint die Verbraucherschützerin und fordert die Politik zum Handeln auf. "Was wir brauchen, ist ein wirksamer Tierschutz."

Autorin: Friederike Schulz
Redaktion: Miriam Klaussner

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