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Wissen & Umwelt

Antibiotika-Resistenz - eine tickende Zeitbombe

Multiresistente Keime sind auf dem Vormarsch: Weite Teile der Weltbevölkerung tragen sie laut Gesundheitsorganisation WHO schon heute in sich. Experten warnen vor einem "post-antibiotischen Zeitalter".

Noch handelt es sich in seinem Krankenhaus um Ausnahmefälle, sagt Benedikt Huttner. Aber immer öfter hat der deutsche Infektiologe in der Uniklinik Genf mit Patienten zu tun, die sich mit multiresistenten Keimen angesteckt haben, gegen die kein Antibiotikum mehr hilft. "Die extrem resistenten Keime, die wir hier sehen, betreffen häufig Patienten, die vielleicht auf einer Intensivstation in einem anderen Land waren, zum Beispiel nach einem Autounfall in Indien oder Ägypten - und dann hierher verlegt wurden."

Antibiotika-Resistenzen befinden sich weltweit auf dem Vormarsch und stellen eine ernsthafte Bedrohung der öffentlichen Gesundheit dar. Zu diesem Schluss kommt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in ihrem ersten globalen Bericht zum Thema. Die Folgen sind fatal, erklärt WHO-Vizedirektor Keiji Fukuda. "Krankenhäuser in sämtlichen Regionen der Welt melden Infektionen, die gar nicht oder nur schwierig behandelbar sind."

Ein globales Problem

Der Bericht über das Ausmaß von Antibiotika-Resistenzen war schon länger überfällig. Er wird nicht nur von Medizinern wie Benedikt Huttner begrüßt, die in gut ausgestatteten Kliniken in Ländern mit exzellenter Gesundheitsversorgung arbeiten. Auch die medizinische Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" zeigt sich erleichtert, dass die WHO das Thema Antibiotika-Resistenzen endlich ganz weit oben auf die Tagesordnung setzt. "Dies ist bei all unseren Einsätzen überall in der Welt ein täglich wiederkehrendes Problem", erklärt Jennifer Cohn von der "Medikamentenkampagne" der "Ärzte ohne Grenzen". "In Niger tritt es bei Kindern auf, die unter Mangelernährung leiden und in Jordanien sehen wir es bei Patienten mit Verletzungen. Wo immer wir hinschauen, sehen wir unterschiedliche Bakterienarten, die gegen Antibiotika resistent sind."

Benedikt Huttner

Kennt die Resistenzen aus dem Klinikalltag: Benedikt Huttner

In 114 Ländern hat die WHO Daten zu sieben weit verbreiteten Bakterienarten zusammengetragen, die eine Reihe von häufigen Krankheiten auslösen können. Das Ergebnis ist alarmierend: weite Teile der Weltbevölkerung tragen inzwischen Keime in sich, die nicht auf Antibiotika ansprechen. "Die genauen Zahlen mögen von Region zu Region abweichen, aber insgesamt zeigt sich doch ein einheitliches Bild", fasst WHO-Vizedirektor Keiji Fukuda zusammen. "Die Fähigkeit zur Behandlung von schweren Infekten nimmt ab und zwar in allen Weltgegenden."

Vor allem Geschwächte sind gefährdet

Ohne wirksame Medikamente drohen Blutvergiftungen, Lungenentzündungen, Geschlechtskrankheiten wie Tripper oder Durchfallerkrankungen wieder so lebensbedrohlich zu werden wie vor der Erfindung des Penicillins. Die WHO warnt vor einem "post-antibiotischen Zeitalter".

Als erstes trifft es ohnehin verletzliche und geschwächte Menschen. Diese Erfahrung macht im Klinikalltag auch Benedikt Huttner. Er erinnert sich an den komplizierten Fall eines Patienten aus Griechenland, der sich bei einer Operation in seiner Heimat infiziert hatte und anschließend in die Schweiz verlegt wurde. "Das war ein Patient mit einem Hirntumor, der operiert wurde. Er hatte eine postoperative Infektion mit einem Keim, der auf keines der Antibiotika, die wir zur Verfügung haben, mehr angesprochen hat. Das ist dann schon dramatisch, wenn man als Arzt praktisch nichts mehr zur Verfügung hat."

Antibiotika sind im Fleisch und im Trinkwasser

Laut Schätzungen der WHO sterben allein in Europa jedes Jahr 25.000 Menschen an den Folgen einer Antibiotika-Resistenz. Über das globale Ausmaß liegen keine Angaben vor, da zahlreiche Länder die Gesundheitsbedrohung durch resistente Keime nicht ernst nehmen und dementsprechend keine Daten erheben.

Bild Massentierhaltung 8Hühner) (Foto: picture alliance)

Der Mensch nimmt Antibiotika auch über seine Ernährung auf

Über die Ursachen der Resistenzbildung herrscht weitgehende Einigkeit. Es ist der leichtfertige Umgang mit Antibiotika. "Antibiotika werden viel zu viel verschrieben, nicht nur bei Menschen, sondern auch bei Tieren: ungefähr 80 Prozent der Antibiotika werden Tieren gegeben", erklärt Benedikt Huttner. Antibiotika sind damit heute überall: Sie stecken im Fleisch auf dem Teller, sie werden mit der Gülle aus den Tiermast-Betrieben auf die Felder geschwemmt und gelangen ins Trinkwasser. Keime haben so ausgiebig Gelegenheit, Resistenzen zu bilden. Und sie tun dies mit einer Geschwindigkeit, die die Entwicklung neuer Antibiotika für die profitorientierte Pharmaindustrie uninteressant macht.

Viel wäre laut WHO schon gewonnen, wenn Antibiotika nur unter ärztlicher Aufsicht abgegeben und von Patienten korrekt eingenommen würden. Noch wirkungsvoller seien Maßnahmen, die das Infektionsrisiko von Mensch zu Mensch senken, erklärt Keiji Fukuda von der WHO. Die dazu nötigen Schritte seien denkbar einfach. "Es gibt Impfungen, mit denen Infektionen reduziert werden können. Eine weitere Methode im Kampf gegen Infektionen ist das Händewaschen."

Wer zu spät kommt...

Auch wenn das gesamte Ausmaß des Problems derzeit noch nicht zu fassen ist, hoffen Ärzte, dass der WHO-Bericht das Bewusstsein für die Gefährlichkeit der Antibiotika-Resistenz schärft. Die Problematik würde immer noch unterschätzt, meint Benedikt Huttner. Der Genfer Infektiologe plädiert für entschlossenes und koordiniertes Handeln. "Man hat in der Vergangenheit immer wieder gesehen: Wenn man das nicht frühzeitig erkennt und frühzeitig etwas unternimmt, wird es viel viel schwieriger, das zu kontrollieren. Wenn die Resistenzen einmal da sind, gehen sie in der Regel nicht so einfach wieder weg."

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