Antiapartheid-Kämpferin statt Kolonialherr: Berlin benennt Straßen um | Kultur | DW | 20.04.2018
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Kultur

Antiapartheid-Kämpferin statt Kolonialherr: Berlin benennt Straßen um

Es sind kleine Schritte zu mehr Bewusstsein für die eigene koloniale Vergangenheit. Im letzten Jahrzehnt hat sich in Deutschland einiges bewegt. Ein Blick auf Europa zeigt: Es könnte überall noch mehr sein.

Es war ein langes Ringen, aber nun steht die Entscheidung - drei Straßen in Berlin-Wedding werden offiziell umbenannt: die Lüderitzstraße in Cornelius-Frederiks-Straße, der Nachtigalplatz in Bell-Platz, die Petersallee in Anna-Mungunda-Allee und der Teil zwischen Nachtigalplatz und Windhuker Straße wird künftig Maji-Maji-Allee heißen. Damit werden im sogenannten "Afrikanischen Viertel" zukünftig Widerstandskämpfer einen Platz im Stadtbild bekommen und nicht, wie bisher, deutsche Kolonialherrscher: die Antiapartheid-Kämpferin und Herero-Nationalheldin Anna Mungunda, der Nama-­Widerstandsführer Cornelius Frederiks, die in Douala herrschende rebellierende Familie Bell aus Kamerun und die mehr als 20 Gemeinschaften des heutigen Tansanias vereinende Maji-Maji-Widerstandsbewegung gegen die deutschen Kolonialherren.

Abtritt der Kolonialisten

Drei umstrittene Kolonialherren werden aus dem Stadtbild entfernt: Da wäre der Arzt und Afrikaforscher Gustav Hermann Nachtigal, einer der Wegbereiter des deutschen Kolonialismus. 1884 hisste er in Togo und Kamerun die deutsche Flagge und zwang den dort lebenden Afrikanern "Schutzverträge" auf.

Schwarz-weiß Foto von Nama-­Widerstandführer Cornelius Fredericks. (berlin postkolonial e.V.)

Nama-­Widerstandskämpfer Cornelius Frederiks

Franz Adolf Lüderitz hatte bereits 1883 die Lüderitzbucht (damals portugiesisch besetzt, im heutigen Namibia gelegen) "erworben", indem er mit dem lokalen Chief Joseph Frederiks II. einen Handel abschloss, der diesen klar übervorteilte. Dieser Erwerb war Ausgangspunkt für die spätere Kolonie Deutsch-Südwestafrika (1884-1915), dessen Kerngebiet das heutige Namibia umfasst. Hier ermordeten die deutschen Kolonialherren von 1904 bis 1908 zwischen 50.000 und 70.000 Menschen der Volksgruppen Herero und Nama, ein Völkermord, den die Bundesregierung mittlerweile als solchen anerkannt hat.

Carl Peters, Gründer der "Gesellschaft für Deutsche Kolonisation" (GfdK), war ab 1891 Reichskommissar für das Kilimandscharo-Gebiet in Ostafrika und wurde 1896 wegen seiner brutalen Methoden aus dem Staatsdienst entlassen. Die 1939 nach ihm benannte Petersallee in Berlin wurde 1986 umgewidmet und bezog sich fortan auf Hans Peters, einen Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime. Aus diesem Grund ist noch offen, ob eine Umbenennung in diesem Fall juristisch überhaupt möglich sein wird. 

Würdigung der Widerständler

Bis zur Umbenennung der Straßennamen war es ein langer Kampf, in dem sich verschiedene zivilgesellschaftliche Gruppen in Berlin außerordentlich engagierten. Tahir Della, Vorstandsmitglied der "Initiative Schwarze Menschen in Deutschland", freut sich sehr, dass das Vorhaben nun umgesetzt wird: "Mit den neuen Namen werden im Afrikanischen Viertel nun nicht nur erstmals Menschen aus Afrika geehrt. Es werden die gewürdigt, die im Widerstand gegen die deutschen Kolonialherren ihr Leben ließen." Das Afrikanische Viertel könne erst jetzt mit gutem Recht als "afrikanisch" und als kritischer Lern- und Erinnerungsort zum deutschen Kolonialismus betrachtet werden, so Della.

Projekte deutschlandweit

Berlin ist nicht die einzige Stadt, in der sich Deutschlands koloniale Vergangenheit zeigt. In 74 deutschen Städten existieren laut des Online-Projekts "freedom roads" koloniale Straßennamen. Allen voran Hamburg, aber z.B. auch München, Bremen, Köln oder Hannover haben Straßen, die koloniale Spuren tragen.

Christian Kopp engagiert sich mit dem Verein Berlin Postkolonial e.V. schon seit über zehn Jahren für die Anerkennung kolonialer Verbrechen. In mehr als 15 Städten gibt es vergleichbare Initiativen. Immer sehen sie sich dem Vorwurf ausgesetzt, sie wollten die Geschichte auslöschen. "Völlig absurd, weil wir die Ersten sind, die überhaupt nach Jahrzehnten wieder darüber reden und das thematisieren und Führungen vor Ort machen und so wirklich eine Geschichtsaufarbeitung vor Ort betreiben”, so Kopp. Die Umbenenungsinitativen sind zwar langwierig und mühsam, fördern aber eine intensive Auseinandersetzung mit der Kolonialgeschichte.

Koloniale Schatten in ganz Europa

Neben Straßennamen entzünden sich Fragen der kolonialen Vergangenheit immer wieder an Denkmälern oder Kulturinstitutionen wie dem geplanten Humboldt-Forum in Berlin. "Man kann schon Fehler machen oder in viele Fettnäpfchen hineintappen", sagt Professor Andreas Eckert, Direktor vom Internationalen Geisteswissenschaftlichen Kolleg der Berliner Humboldt-Universität. Er hat sich mit dem europäischen Erinnern des Kolonialismus' aus einer vergleichenden Perspektive heraus beschäftigt. Natürlich sei die Wucht in Frankreich und England eine andere als in Deutschland, erklärt er. "Da sind die Kinder des Empire präsenter, auch im Alltag, und die Fragen nach der kolonialen Vergangenheit können viel leichter mit Debatten über Einwanderung und Migration verknüpft werden."

Frederiks-Denkmal in Namibia. (berlin postkolonial e.V.)

Das Cornelius Frederiks-Denkmal in Namibia

Das sei hierzulande schwieriger: "Gerade in Deutschland ist die Haltung verbreitet: Mein Gott, dass ist alles so lange her und wir haben nun wahrlich schlimmere Sachen gemacht", beobachtet Eckert. "Wir haben doch eigentlich ganz vorbildlich den Nationalsozialismus aufgearbeitet und den Holocaust. Also bitte, das ist doch nun ein Problem der anderen." Vor so einem Hintergrund seien die Straßenumbenennungen eine positive Sache, weil dadurch auch allgemeinere Fragen zum Kolonialismus und zum kolonialen Erbe debattiert würden, so der Experte.

Wie geht angemessenes Erinnern?

Wäre nicht auch eine gemeinsame europäische Erinnerungskultur denkbar? Professor Eckert ist wenig optimistisch: "Das einzig Europäische besteht vielleicht darin, dass man mit dem Finger auf die anderen zeigt: 'Hier, ihr wart noch etwas schlimmer als wir.' Ich sehe leider wenig Initiative auf europäischer Ebene, das Thema von politischer Seite als europäisches Problem anzugehen. Das wäre notwendig und es wäre auch angemessen. Aber ich sehe da momentan leider wenige Ansatzpunkte."

Es ist nicht die Politik, die eine kritische Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus vorantreibt, im Gegenteil. Oft wird sie eher getrieben. Meist sind es zivilgesellschaftliche Initiativen oder die Wissenschaften, die dem Thema punktuell Aufmerksamkeit verschaffen. Mehr Sensibilisierung könnte allen gut tun, meint Christian Kopp, nicht nur im Hinblick auf die Straßennamen: "Wir sind alle betroffen und ganz besonders die Nachfahren Kolonisierter, die wirklich Bauchschmerzen kriegen, wenn sie so etwas sehen - und das zu Recht."

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