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Politik & Gesellschaft

Anti-Gewalt-Programme an deutschen Schulen

Seit etwa 20 Jahren nimmt die Gewalt unter Jugendlichen zu. Studien bestätigen diesen europaweiten Trend, der längst auch an den Schulen zu verzeichnen ist. Eine Schule setzt sich zur Wehr, um den Trend zu stoppen.

Symbolbild Mobbing (Foto: Bilderbox)

Alle gegen einen: Mobbing

Der Schwimmunterricht der sechsten Klasse ist gerade vorbei, die Haare der Schüler sind noch nass. Trotzdem drängen die Elfjährigen plappernd und rempelnd zur Pause an die kalte November-Luft. Lehrer Norbert Kehmeier hat dabei ein wachsames Auge auf seine Schäfchen.

Zwei unidentifizierbare Schüler raufen sich (Foto: DW/picture-alliance)

Noch Rempelei oder schon Mobbing?

Denn auch an dieser Schule, in deren Einzugsbereich überdurchschnittlich viele Problemfamilien leben, sieht man natürlich die ganz alltäglichen Rempeleien. Aber eben nicht nur die.

Der elfjährige Philipp hat schon einmal gesehen, wie ein anderes Kind nicht nur angerempelt, sondern richtig verprügelt wurde: "Alle bildeten einen Kreis, guckten zu und feuerten an, wie der andere Junge verhauen wurde." Das erste, was er gedacht habe, war: "Bloß nicht dabei sein, bloß nicht verhauen werden", sagt der dunkelhaarige Junge. "Aber man will dem anderen auch helfen."

Tatenlose Zuschauer

Aber wie? Die Angst der Schüler ist groß. Mobbing an Schulen - auch Bullying genannt - hat viele Gesichter: Schäge, Hänseleien, Beleidigungen. Oder auch simples, aber schmerzvolles Ignorieren. Betroffen sind immer Einzelne, Täter sind oft Gruppen. Und oft sind da die tatenlosen Zuschauer.

Lehrer Norbert Kehmeier der Ganztagsrealschule bei der Demonstration einer Anti-Mobbing-Übung (Foto: DW)

Lehrer Norbert Kehmeier

Also hat die Ganztagsrealschule Neuss-Norf für ihre Schüler das Anti-Gewalt-Training "Gewaltfrei lernen" gebucht. Ziel: Starke Schüler und ein gutes Schulklima, in dem es sich gut lernen lässt. Insgesamt 200 Schüler seien geschult worden, berichtet der Lehrer Norbert Kehmeier.

Es reiche eben nicht, Beleidigungen nur zu überhören: "Es muss also dann noch mehr passieren. Da spielt die Körpersprache eine sehr große Rolle. Und die haben wir den Kindern beigebracht."

"Halt, stop!"

Starke Körpersprache heißt: Kinn hoch, Kopf hoch, Rücken gerade. Vielleicht noch eine wegwerfene Handbewegung, die besagt: Du kannst mir gar nichts anhaben! Und wie fühlt man sich, wenn man so über den Schulhof läuft? "Eigentlich besser, als so verkrüppelt zu laufen…", antwortet Maurice aus der sechsten Klasse.

Schüler auf dem Schulhof der Gesamtrealschule Neuss-Norf (Foto: DW)

"Gewaltfrei lernen" an der Ganztagsrealschule Neuss-Norf

Und zu der starken Körperhaltung gehört auch eine starke Sprache, die den Angreifer abhalten soll, berichtet die zwölfjährige Vanessa: "Halt, stopp, ich will das nicht!", würde sie laut rufen, wenn sie jemand angreifen wolle. Dabei streckt die resolute Zwölfjährige dem imaginären Angreifer die flache Hand entgegen. Auf Abstand halten, lautet die Devise. Die Sprache kann aber auch eine Waffe der Täter sein, hat Vanessa beobachtet: "Der Ausdruck 'Opfer' ist ja auch eine schlimme Beleidigung. Und was darüber hinaus geht, das geht bei mir gar nicht."

Enttäuschende Elternbeteiligung

Auch die Lehrer wurden in zwei Fortbildungen geschult. Die Einbindung der Eltern war dagegen etwas enttäuschend: Von 200 Elternpaaren kamen nicht einmal 20.

Sybille Wanders, Initiatorin des Vereins 'Gewaltfrei lernen' (Foto: S. Wanders)

Engagiert sich seit zehn Jahren gegen Gewalt an Schulen: Sybille Wanders

Das entspreche allerdings der üblichen Teilnehmerzahl und dem Trend, dass Eltern einen großen Teil der Kindererziehung den Lehrern überlassen wollen, meint Norbert Kehmeier. Genau das hat auch Sybille Wanders beobachtet. Sie ist die Initiatorin der deutschlandweit agierenden Initiative "Gewaltfrei lernen".

Die Diplom-Sportpädagogin hält wenig von Stillsitzen und Zuhören: In Bewegungsspielen lernen die Kinder, sich selbstbewusst zu bewegen, Angreifer gewaltlos zu stoppen und sich im Konfliktfall zu entziehen.

Hilfe holen, abhauen oder sich wehren

Einfache Beleidigungen kann man ignorieren. Aber im Fall eines längeren Angriffs? Welche Handlungsanweisungen könnten da helfen? "Wenn du festgehalten wirst oder länger hin und her geschubst wirst, hast du eigentlich Zeit. Und dann sind diese drei Stufen der Selbstverteidigung schnell da."

Sie lauten: Erstens - die Lage sondieren und Hilfe holen. Zweitens - versuchen, wegzulaufen. Und drittens - wenn es nicht anders geht - sich notfalls selbst mit Gewalt verteidigen.

Das Training wird von Banken, Unfallversicherungen, aber auch Rotary-Clubs oder verschiedenen Unternehmen gesponsort.

Jeder dritte Jugendliche war schon Cybermobbing-Opfer

Auf einem Computerbildschirm erscheint ein Beleidigung in Fettschrift (Foto: picture-alliance)

Besonders perfide - Cybermobbing

Eine relativ neue Form des Mobbing findet im Internet statt: Im Netz werden Lügen oder Unstellungen verbreitet, manchmal auch Drohungen, Beleidigungen und im schlimmsten Fall kompromittierende oder gar verfremdete Fotos. Jeder dritte Jugendliche in Deutschland ist schon einmal Opfer von Cybermobbing geworden, wie das Meinungsforschungsinstitut Forsa im Juni 2011 ermittelte.

Psychische Probleme bis hin zum Selbstmord können die Folgen sein. An der Ganztagsrealschule Neuss-Norf gab es bislang nur einen Fall, der bekanntgeworden ist. Norbert Kehmeier erinnert sich, dass im Internet Unterrichtsmitschnitte veröffentlicht wurden. Es betraf einen Lehrer dieser Schule. Allerdings war der Vater des Täters ausgerechnet Polizeibeamter. "Und dann hat es nur drei, vier Stunden gedauert, dann waren sie mithilfe des Vaters auch wieder gelöscht", berichtet Lehrer Kehmeier schmunzelnd.

Doch es geht nicht immer so glimpflich aus. Mobbing, ob im Internet oder ganz real auf dem Schulhof, ist ein weltweit zu beobachtendes Phänomen. Entsprechend arbeitet Sybille Wanders daran, ihr Engagement europaweit ausdehnen.

Schüler kauert an einer Wand (Foto: Fotolia)

Mobbing macht einsam

Ihre Erfahrungen an den verschiedenen Schultypen, die es in Deutschland gibt, könnten ihr dabei helfen, sagt sie. Den in Frankreich sehr verbreiteten "Mach-vor-mach-nach"-Unterricht hat sie selbst in ihrer Schulzeit kennengelernt. Auch manche deutsche Schulen arbeiten noch so: "Dort wird weniger auf Teamwork gesetzt. Wenn die Schüler große Konflikte untereinander nach der Schule oder in der Pause austragen, brauchen sie viel mehr das Wir-Gefühl", glaubt Sybille Wanders.

Und gerade dieses "Wir-Gefühl" einer Klasse ist entscheidend: Nur ein starker Klassenverband kann Außenseiter herzlich aufnehmen - und verhindern, dass sie gemobbt werden.

Autorin: Daphne Grathwohl
Redaktion: Hartmut Lüning

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