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Nahost

Antar: "In Gaza gibt es keinen Schutz"

Die Menschen im Gazastreifen leiden unter den Luftangriffen der israelischen Armee. Viele unterstützen deshalb die Hamas - zumindest moralisch, meint der Politikwissenschaftler Usama Antar aus Gaza-Stadt.

Deutsche Welle: Herr Antar, die israelische Armee fliegt Luftangriffe im Gazastreifen und bereitet sich auf eine Bodenoffensive vor. Was passiert gerade vor Ort?

Usama Antar: Der Gazastreifen wird seit Tagen sehr heftig bombardiert. Allein in den vergangenen zwei Tagen gab es mehr Luftangriffe als während der gesamten israelischen Operation im Gazastreifen im November 2012. Das zeigt, wie heftig die Bombardierung ist. Der Gazastreifen steht bereits seit sieben Jahren unter einer harten Blockade. Es herrscht eine sehr schlechte wirtschaftliche, soziale und politische Situation in Gaza. Dazu kommt jetzt noch der Krieg. Die Gesellschaft kann nicht mehr verkraften.

Wie haben Sie die vergangene Nacht erlebt?

Die vergangene Nacht war sehr heftig. Die Zahl der Todesopfer ist auf 78 gestiegen. Außerdem gibt es mehr als 680 Verletzte. Das Innenministerium wurde bombardiert. Es liegt nur etwa 200 Meter Luftlinie von mir entfernt. Die Explosionen waren so heftig, dass das ganze Haus gezittert hat. Die Kinder standen aufrecht im Bett. Sehr viele Fensterscheiben in benachbarten Häusern sind durch die Wucht der Bombardierung zerborsten. Selbstverständlich haben wir Angst. Aber in Gaza gibt es keine Bunker und keine Sirenen. Das heißt, wir bleiben unserem Schicksal überlassen.

Wie versuchen Sie, sich zu schützen?

Es gibt keinen Schutz. Auch moderne Häuser haben keine Bunker. Ich lebe selber in einem recht modernen Haus, aber es gibt keinen Schutz. Das ist üblich in Gaza. Man kann von einer Minute auf die andere getötet werden.

Die Luftangriffe der Israelis dauern an, aber auch der Raketenbeschuss aus dem Gazastreifen geht weiter. Wie stehen die Palästinenser dazu?

Dieses Mal ist es anders als die Male zuvor. Die Palästinenser leben unter sehr schlechten Bedingungen. Im Gazastreifen und im Westjordanland unterstützen sie den Widerstand - moralisch. Für die Palästinenser ist es so, dass sie versuchen, sich zu verteidigen. Ich will die Hamas nicht verteidigen. Aber in den Augen der Gesellschaft hat es die Hamas geschafft, Tel Aviv anzugreifen. Dort wird es keine Todesopfer oder Verletzte geben. Aber viele finden es wichtig, dass die Hamas es wagt, eine Botschaft an die Gesellschaft in Tel Aviv zu senden: dass wir auch in Gaza Menschen sind und ohne ständige Bombardierung leben wollen. Jetzt kennen die Menschen in Tel Aviv das Gefühl, ständig bombardiert zu werden. Das ist die Botschaft der Hamas.

Wie viel Unterstützung bekommt denn die Hamas?

Das ist eine moralische Unterstützung. Die Hamas wird nicht als Feind vor Ort angesehen, sondern Israel und die Bombardierung Tag und Nacht.

Nun sagen die Israelis, sie würden die Bombardierung beenden, wenn die Raketenangriffe aufhören.

Die gesamte Bevölkerung hofft darauf, dass so bald wie möglich die Ruhe zurückkehrt. Aber sie fordert auch, dass die Blockade im Gazastreifen gelockert wird. Die Leute hier im Gazastreifen leben in einem Gefängnis.

Gibt es denn auch Stimmen im Gazastreifen, die die Hamas auffordern, die Raketenangriffe einzustellen?

Nein, diese Stimmen gibt es nicht - oder nur hinter den Kulissen. In den Medien kommen diese Stimmen nicht vor. Man hat hier die Erfahrung gemacht: Wenn die Hamas die Raketenangriffe einstellt, hören die Israelis trotzdem nicht auf, sondern bombardieren Gaza weiter. Dieser Krieg war von Anfang an von Israel geplant und wurde bis zu dieser Eskalationsphase gebracht. Alle Menschen im Gazastreifen leiden darunter. Weniger als die Hälfte der Gesellschaft unterstützt die Hamas. Aber die gesamte Gesellschaft leidet unter den Angriffen von Israel.

Wie könnte denn der Konflikt gelöst werden?

Ohne eine konkrete, faire, politische Lösung wird der Konflikt nie gelöst werden. Israel muss damit aufhören, weiter Land zu enteignen und neue Siedlungen zu bauen. Israel muss das nationale Recht der Palästinenser anerkennen und akzeptieren, dass die Palästinenser ihren eigenen souveränen Staat begründen können. Die Israelis sollen einer Versöhnung zwischen den Palästinensern nicht im Wege stehen. Das war übrigens auch einer der Gründe, warum die Israelis mit dem Krieg begonnen haben: weil die Palästinenser sich vor sechs Wochen versöhnt und eine neue Regierung gebildet haben.

Was sollte Ihrer Meinung nach die internationale Gemeinschaft unternehmen?

Die internationale Gemeinschaft soll sich endlich fair und objektiv verhalten. Wir fordern von Europa nur eins: fair zu sein. Mehr nicht. Wenn es von den Europäern oder von den Amerikanern einen fairen Vorschlag zur Lösung des Konflikts gibt, werden die Palästinenser ihn akzeptieren. Bis jetzt haben sich aber auch die Europäer nicht ganz objektiv verhalten.

Das Interview führte Anne Allmeling.

Usama Antar ist Politikwissenschaftler in Gaza-Stadt.

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