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Amerika

Antanas Mockus erobert das Internet

Jugendliche und soziale Netzwerke im Internet könnten den Ausgang der Präsidentschaftswahlen bestimmen. Doch wird sich der Enthusiasmus der kolumbianischen Internetsurfer auch in realen Wählerstimmen niederschlagen?

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Die größte Überraschung bei der kolumbianischen Präsidentenwahl an diesem Sonntag (30.05.2010) ist ohne Zweifel der Erfolg von Antanas Mockus' Wahlkampagne bei Facebook. Antanas Mockus war zweifacher Bürgermeister der Stadt Bogotá und ist nun Präsidentschaftskandidat der Mitte-Links-Partei "Die Grünen". "Wir haben es in Kolumbien noch nie erlebt, dass soziale Netzwerke und das Internet eine so große Rolle spielen, wie es in dieser Wahlkampagne der Fall ist", sagt Laura Jaramillo von lasillavacia.com, ein kolumbianisches Portal für unabhängigen, investigativen Journalismus.

Das wirklich Erstaunliche am Facebook-Erfolg von Mockus ist, dass die Internet-Kampagne von den Nutzern selber angeschoben wurde. Sie folgt nicht der Strategie von Mockus' politischen Beratern. Vielmehr hat sich seine politische Botschaft nur deshalb so weit verbreitet, weil seine Wählerschaft sich freiwillig engagiert – seine virtuellen Anhänger, zum großen Teil Jugendliche.

Internet: Neue Räume für politische Öffentlichkeit

Facebook Artikelbild

Der kolumbianische Präsidentschaftswahlkampf findet zunehmend im Internet statt.

Kein anderer Kandidat in Kolumbien hat eine vergleichbare Zahl von virtuellen Anhängern. Dem Statistikportal Facebakers.com zufolge steht Mockus an siebter Stelle der weltweit wichtigsten Personen – mit 684.341 Fans allein auf Facebook. Darüber hinaus ist Mockus der einzige Lateinamerikaner, der es unter die ersten 15 auf der Liste geschafft hat. Auf dem ersten Platz des Rankings steht Barack Obama – nur die Hoffnungsträgerin der US-Republikaner, Sarah Palin, Präsidentengattin Michelle Obama und einige asiatische Politiker sind vor dem kolumbianischen Präsidentschaftskandidaten platziert.

Allein im letzten Monat erhöhte sich die Mitgliederzahl von Mockus' Facebook-Seite um 60%, was 255.322 neuen Fans entspricht. Damit schafft Mockus es auf den zweiten Platz unter den Facebook-Gruppen mit den meisten Mitgliedern weltweit.

"Die virtuellen Netzwerke sind ein faszinierender öffentlicher Raum", sagt Laura Jaramillo. Alle Aktivität geht von den Nutzern aus. Sie sind es, die Demonstrationen oder Flashmobs für Mockus organisieren, die Werbematerial für die Kampagne entwerfen und finanzieren – Plakate, Flyer bis hin zu Fernsehspots und einer ganzen Sammlung politischer Lieder. Alles, was auf der Seite von Antanas Mockus veröffentlicht wird, wird von tausenden Menschen gelesen, sie kommentieren es oder klicken auf "gefällt mir". "Die Menschen interagieren mit der Information", so die kolumbianische Journalistin.

Antanas Mockus: "Demokratische Legalität" und "Bildung"

Kolumbien Wahlen 2010 Die Grünen Antanas Mockus

Hat gut lachen: täglich steigt die Zahl der virtuellen Anhänger von Antanas Mockus

Der Präsidentschaftskandidat der Partei "Die Grünen", Antanas Mockus, ist durch und durch Akademiker. Er ist Mathematiker und hat einen Ehrendoktortitel in Philosophie. Der Sohn litauischer Eltern ist in Kolumbien unter anderem wegen seiner demonstrativen Aktionen berühmt. Wie beispielsweise 1993, als er – damals noch Rektor der staatlichen Universität – 500 Studenten seinen blanken Hintern zeigte, um sie zum Zuhören zu bewegen.

Doch Mockus ist auch auf der internationalen Bühne bekannt. Die Harvard-Universität verlieh ihm die Titel "Herausragender Lateinamerikaner" und "Vermittler des kulturellen Wandels" wegen seines Engagements als Oberbürgermeister von Bogotá (in zwei nicht aufeinanderfolgenden Legislaturperioden 1995 und 2001). In dieser Zeit wurden die Einwohner der kolumbianischen Hauptstadt zu Zeugen und Beteiligten seiner Politik der Stadtkultur.

Antanas Mockus schaffte es, die negative Einstellung der Hauptstadtbewohner zu verändern. Der Wandel der Stadt lässt sich am Sicherheitsindex ablesen, an der beachtlich sinkenden Mordrate und an der verbesserten Finanzlage des Distrikts – um nur einige seiner vielen Erfolge zu nennen. Mockus' Maßnahmen waren nicht immer beliebt, aber dank ihnen konnte die Stadt ihr Image ändern.

Mockus wird von seinen Anhängern als eine ehrliche Person des öffentlichen Lebens angesehen, die mit der Korruption und der Illegalität in Kolumbien aufräumen möchte. Das Motto seiner diesjährigen Wahlkampagne – er kandidierte auch 1998 und 2006 schon für das Präsidentenamt – formuliert seine Einstellung zur Macht folgerndermaßen: "Mit demokratischer Legalität, Bildung und Begabung werden wir die Ungleichheit überwinden und die soziale Veränderung in die Hand nehmen."

Reale Politik oder rein virtueller Aktivismus?

Kolumbien Wahlen 2010 Die Grünen Antanas Mockus Flash

Gehen die Anhänger des "grünen" Kandidaten Mockus tatsächlich am Sonntag alle zur Wahl?

Antanas Mockus liefert sich Umfragen zufolge ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Juan Manuel Santos von der Mitte-Rechts-Partei "La U", dem ehemaligen Verteidigungsminister in der Regierung von Álvaro Uribe.

Für Politikexperten bleibt die große Frage bei diesen Wahlen, ob die Mockus-Anhänger aus Facebook und anderen sozialen Netzwerken sich auch real beteiligen werden. Ob die Jugendlichen am Wahltag abstimmen und, wenn es eine zweite Runde geben sollte, auch am 20. Juni zu den Urnen gehen werden. "Da es ein völlig neues Phänomen ist, weiß keiner mit Sicherheit, was passieren wird. Es bleibt abzuwarten, ob vormalige Nichtwähler dieses Mal wählen gehen", meint Laura Jaramillo.

Sollte sich die Mobilisierung in den sozialen Netzwerken auch in den Wahlergebnissen niederschlagen, könnten dies die Wahlen mit der höchsten Beteiligung der kolumbianischen Geschichte werden. Die Beteiligung schwankte bei den Wahlen sonst um die 50%. In Kolumbien sind 29,2 Millionen der 43 Millionen Einwohner stimmberechtigt. Den kolumbianischen Wahlbehörden zufolge sind mindestens 3,2 Millionen davon "Erstwähler", das heißt, sie sind nur knapp über 18 Jahre alt. An ihnen liegt es, die digitale Mobilisierung in reale Wahlergebnisse umzuwandeln.

Autorin: Cristina Mendoza Weber

Redaktion: Oliver Pieper