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Asien

Ansprüche im Inselstreit

Als wäre die Situation im Ostchinesischen Meer nicht schon kompliziert genug: Neben Japan und China erhebt auch Taiwan Anspruch auf die umstrittene Inselgruppe. Und das nicht erst seit dem jüngsten Fischkutter-Protest.

Gefecht mit Wasserwerfern zwischen Schiffen aus Taiwan und Japan (Foto: AP)

Gefecht mit Wasserwerfern zwischen Schiffen aus Taiwan und Japan

Schon ein Blick auf die Landkarte gibt einen Eindruck davon, warum neben Japan und der Volksrepublik China auch Taipeh Ansprüche auf die Diaoyu-Inseln erhebt. Taiwans Küste liegt gerade einmal 180 Kilometer südwestlich von der Inselgruppe und damit dichter als das japanische Okinawa in der anderen Richtung, das chinesische Festland oder gar Japans Hauptinseln. Seit Jahrhunderten betrachten die Fischer an Taiwans Nordostküste das Gebiet als ihre angestammten Fischgründe, was sich auch in der Bezeichnung niederschlägt: Diaoyu bedeutet soviel wie "Fischfang-Plattform". Seit Jahren klagen Taiwans Fischer darüber, dass sie immer wieder von der japanischen Küstenwache zurückgedrängt werden. Kein Wunder also, dass gerade sie nun mit ihrer Protestflotte den Anstoß dazu gaben, dass die Situation sich weiter zuspitzt.

Regierung billigt Protestaktion

Gefecht mit Wasserwerfern zwischen Schiffen aus Taiwan und Japan (Foto: AP)

Kampf mit Wasserwerfern: Taiwanesische und japanische Schiffe vor umstrittener Inselgruppe

Dabei agierten sie mit Rückendeckung der Regierung in Taipeh. Zehn Schiffe der Küstenwache begleiteten die Fischkutter auf ihrer mehr als 24-stündigen Protestfahrt. Als sich in unmittelbarer Nähe der Inseln die japanischen Schiffe in den Weg stellten, richteten beide Seiten Wasserwerfer aufeinander, und Taiwans Küstenwache forderte per Lautsprecher dazu auf, die taiwanischen Hoheitsgewässer zu respektieren. Flagge zu zeigen und selbstbewusst aufzutreten, kommt bei den Taiwanern generell gut an - leidet ihr Selbstbewusstsein doch darunter, dass ihr Staat international isoliert ist und normalerweise politisch kaum wahrgenommen wird. Im eigenen Land steht Taiwans Regierung in Umfragen derzeit nicht gut da, und wirtschaftlich läuft es auch nicht mehr rund. Davon abzulenken, mag ein Grund für das neue betont patriotische Auftreten sein. Dabei werden historische Ansprüche geltend gemacht, die lange vergessen schienen.

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Schiff aus Taiwan nimmt an Protest vor umstrittener Inselgruppe teil

Taiwans offizielle Bezeichnung lautet "Republik China". Dieser auf dem Festland gegründete Staat war nach dem zweiten Weltkrieg eine der Siegermächte über Japan. Somit gehören für Taipeh die Diaoyu-Inseln (die Japan Senkaku-Inseln nennt) - die ebenso wie Taiwan selbst seit 1895 japanisch waren - zu den Gebieten, die Japan nach 1945 wieder an China zurückgeben musste. Und zwar an die Republik China, die damals noch nicht den Bürgerkrieg gegen die Kommunisten verloren hatte.

Zulauf für radikale Gruppen

Der damalige Präsident Chiang Kai-Shek protestierte allerdings nicht, als statt dessen US-Truppen die Inselgruppe besetzten. Und auch nicht, als die Amerikaner sie 1972, gemeinsam mit Okinawa, in japanische Verwaltung übergaben. Die USA und Japan hatten damals noch diplomatische Beziehungen mit Taipeh und waren im kalten Krieg wichtige Verbündete gegen die kommunistische Bedrohung vom Festland. Entzürnt über das Schweigen der eigenen Regierung gründeten damals taiwanische Studenten in den USA anti-japanische Bewegungen.

Lin Shiaw-Shin, Vorsitzender einer Bewegung zum „Schutz der Diaoy-Inseln“ (Foto: Klaus Bardenhagen) Bild geliefert per mail von Klaus Bardenhagen.

Lin Shiaw-Shin, Vorsitzender einer Bewegung zum 'Schutz der Diaoyu-Inseln'

Einer von ihnen war Lin Shiaw-Shin. Seit Japans Regierung Mitte September einige Inseln aufkaufte und den Konflikt damit neu anheizte, freut sich der 68-jährige Professor über großen Zulauf für seine 'Allgemeine Allianz zum Schutz der Diaoyu-Inseln'. "Japan muss die Inseln sofort und bedingungslos aufgeben", lautet seine Kernforderung. Damit brachte er vor einigen Tagen in Taipeh mehrere tausend Demonstranten auf die Straße - weit mehr als bei früheren Veranstaltungen. Im Gegensatz zu anti-japanischen Protesten in China ging es aber friedlich zu. "Wir lehnen Gewalt ab", sagt Lin. "Aber ich kann die Emotionen dort verstehen. Schließlich hatte fast jede Familie auf dem Festland unter Japans Militarismus gelitten." Seine Skepsis gegen Peking ist weniger ausgeprägt. Sogar gemeinsame taiwanisch-chinesische Patrouillenfahrten zum Schutz der Fischerboote kann er sich vorstellen. "Die japanische Besetzung zu beenden, ist unser gemeinsames Interesse. Die übrigen Probleme werden beide Seiten der Taiwan-Straße später friedlich gemeinsam lösen."

Japan eigentlich wichtiger Verbündeter

Titelseiten taiwanesischer Zeitungen mit Berichten über anti-japanische Proteste (Foto: Klaus Bardenhagen)

In Taiwans Medien sind die anti-japanischen Proteste Top-Thema

Für die Mehrheit der Bevölkerung sprechen Nationalisten wie Lin wohl noch nicht. Obwohl zwischen Taiwan und der Volksrepublik seit einigen Jahren Schönwetter-Politik herrscht, gehen Gedankenspiele über militärische Zusammenarbeit den meisten Taiwanern zu weit. Außerdem ist Japan auch ohne diplomatische Beziehungen eigentlich Taiwans wichtigster Verbündeter in der Region. Die Wirtschaftsgroßmacht ist seit Jahrzehnten ein wichtiger Investor und Abnehmer. Japanisch ist nach Englisch die beliebteste Fremdsprache, und Touristen reisen gern zwischen beiden Ländern hin und her. Zudem hat Taiwans Schutzmacht USA klargestellt, dass die Diaoyu-Inseln unter das US-Japanische Verteidigungsabkommen fallen.

Vieles spricht also dafür, dass Taiwans Regierung dem symbolträchtigen, aber provokanten Fischkutter-Scharmützel zunächst keine ähnlichen Aktionen folgen lässt. Schon vor Wochen hat Taiwans Präsident Ma eine Friedensinitiative vorgestellt, nach der alle drei Seiten in Verhandlungen Konflikte aus dem Weg räumen sollen. Mögliches Ergebnis: eine gemeinsame Verwaltung der Rohstoffvorkommen. Da aber zugleich Taiwans Souveränität über die Inselgruppe nicht in Frage gestellt wird und weder China noch Japan die Regierung in Taipeh als gleichwertigen Verhandlungspartner anerkennen, ist der Erfolg dieser Initiative fraglich.

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