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Kultur

Ansichtssache - deutscher Film

Zu viele Dramen, zu wenig gute Komödien, inflationär eingesetzte Stars und Fernsehfilme fürs Kino. Doch es gibt auch viele positive Zeichen. Ein widersprüchliches Bild. Der Filmpublizist Harald Mühlbeyer im DW-Gespräch.

Gemeinsam mit Bernd Zywietz hat Harald Mühlbeyer ein Buch zum Stand der Dinge beim deutschen Film geschrieben. Beide Autoren, aber auch andere Filmjournalisten, haben für den Band "Ansichtssache - Zum aktuellen deutschen Film" vieles zusammengetragen: Ein- und Ansichten über die Genrevielfalt, über ästhetische Fragen, inhaltliche Orientierungen, das Kino im digitalen Wandel. Ein Gespräch mit Harald Mühlbeyer ein paar Tage vor der Verleihung des Deutschen Filmpreises in Berlin.

Insgesamt eine gute Entwicklung

Deutsche Welle: Sie haben in Ihrem Buch den deutschen Film der letzten drei Jahre untersucht. Haben sie den Eindruck, dass sich der Zustand des deutschen Kinos zum Besseren gewendet hat - im Vergleich zu früheren Jahren?

Harald Mühlbeyer: Der deutsche Film ist seit den 1990er Jahren in einer permanenten Aufbruchstimmung: zuerst mit den Publikumserfolgen der Til Schweiger/Katja Riemann-Komödie, dann, um 2000 herum, der ernsthaftere Zugang über Coming-of-Age-Filme mit neuen "Stars" wie Daniel Brühl und Julia Hummer. Inzwischen gibt es ein vielfältiges Panorama, vom kleinen Independentfilm über Hochschul-Abschlussfilme bis zum deutschen Blockbuster - insgesamt eine gute Entwicklung, die hoffen lässt.

Was sind die Ursachen für den mangelnden Publikumserfolg?

Mühlbeyer: Es ist ja auch so, dass die Filme aus allen anderen Ländern außer den USA einen schweren Stand haben - von gelegentlichen französischen Ausnahmen abgesehen. Dem deutschen Publikum wurde jahrelang angewöhnt, sich popkulturell angelsächsisch zu orientieren. Die wechselvolle deutsche Filmgeschichte hat nicht viel getan, um da Abhilfe zu schaffen - im Wechselspiel zwischen künstlerisch wertloser Unterhaltung und "Neuem Deutschem Film" seit den 1950/60er Jahren. Es sind einfach Vorbehalte gegen deutsches Kino da, die allzu oft unbegründet sind.

Zu viele Dramen, zu klein produziert...

In ihrem Buch sprechen Sie auch von den allzu viel Dramen, die produziert würden und dann schließlich nur jeweils vor kleinem Publikum laufen. Was meinen Sie damit?

Mühlbeyer: Zu viele Debütfilme sind Dramen, und zu viele dieser Dramen sind "klein gehalten". Ob Generationenkonflikt oder Vergangenheitsbewältigung, egal ob RAF, Stasi oder Nazistoff: zu oft bleibt der Konflikt im familiären, zu oft bleibt das Politische allzu privat. Man sollte sich öfter an größere Dimensionen wagen. Immer wieder glückt das zwischendurch, vom "Leben der anderen" bis zu Filmen wie "Die Kommenden Tage".

Viele Komödien - wenig Qualität

Haben die Deutschen kein Talent für gute Komödien?

Mühlbeyer: Es werden in Deutschland viele Komödien gedreht. Gut sind die aber im Allgemeinen nicht. Entweder zu populistisch - Kinoversionen von Didi Hallervordens "gespieltem Witz", oder zu sehr auf Anspruch getrimmt, zu sehr mit Bedeutung aufgeladen. Aber es gibt ein paar, die Hoffnung machen, Regisseure wie Dietrich Brüggemann oder André Erkau. Auch Lola Randl scheint viel von Komik zu verstehen.

Til Schweiger (Foto: dpa)

Kommerzielles Aushängeschild: Til Schweiger

Liegt der mangelnde Erfolg, oder besser der ausbleibende noch größere Erfolg des deutschen Kinos, an einem fehlenden Starsystem hierzulande?

Mühlbeyer: Was Stars angeht, muss man immer vorsichtig sein. Allzu oft geht es nur um ein kurzfristiges Image, das wenig auf Qualität aufgebaut ist. Und allzu oft wird das Populäre mit dem Populistischen verwechselt. Schauspieler, die tatsächliche Starqualitäten haben, werden wiederum inflationär eingesetzt.

Ein Traum: Regisseure als Zugpferde fürs Kino

Wäre es nicht auch schön, wenn in Deutschland Regisseure Stars wären - und viele Leute in einen Film gingen, weil er von einem Andreas Dresen oder einem Christian Petzold (unser Bild oben) ist? In Deutschland gibt es sehr viele Filmhochschulen, die den Markt mit immer neuen Talenten "überschwemmen". Ist das Nachwuchssystem hierzulande gut?

Mühlbeyer: Ein Problem ist, dass (auch durch bestimmte Förderregularien) viele der Nachwuchsfilme ins Kino kommen müssen, ohne dass sie wirkliche Kinofilme sind. Das senkt sozusagen den Klassendurchschnitt. Ein Problem ist dann, aus der Masse des Nachwuchses herauszustechen. Wenn es viele Regieneulinge gibt, gibt es sicherlich auch viele gute - aber die müssen es eben erstmal schaffen, wahrgenommen zu werden und sich dann durch den Förderdschungel durchkämpfen. Als Regisseur anfangen ist relativ leicht. Sich zu halten ist schwieriger.

Der Band "Ansichtssache - Zum aktuellen deutschen Film" von den beiden Herausgebern Harald Mühlbeyer und Bernd Zywietz enthält Essays zu verschiedenen Teilaspekten der deutschen Kinoszene und des deutschen Films sowie Porträts deutscher Nachwuchsschauspieler. Er ist im Schüren Verlag erschienen (ISBN 978-3-89472-821-2), hat 334 Seiten und kostet 19,90 Euro

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