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SPD

Ansichten eines Kandidaten: Schulz und was ihm wichtig ist

Offen, ehrlich und bodenständig erklärt der SPD-Chef und Kanzlerkandidat Martin Schulz seine Welt. Doch sein Buch sei kein Wahlprogramm, betont der ehemalige Buchhändler aus Würselen. Von Volker Witting, Berlin.

Der SPD-Bundesvorsitzende und Kanzlerkandidat Martin Schulz schreibt Tagebuch; seit über 30 Jahren. Für jedes Jahr einen Band und "für jeden Tag genau eine Seite", bekennt er in seinem Buch "Was mir wichtig ist". Zuerst habe er gedacht, was für eine verrückte Anfrage: Im Wahlkampfjahr ein Buch schreiben. Aber dann fiel ihm auf, dass er sich die Zeit nehmen müsse, "um aufzuarbeiten, was ich erlebt habe, was mich bewegt hat und was mir Sorgen macht."

Und das ist ehrlich, teils anrührend persönlich aber auch sehr politisch. Schulz erklärt den Kanzlerkandidaten Schulz einfach selbst, aus seinem Leben heraus, seinem Erleben und seinen Gesprächen.

Kanzlerkandidat ganz nah

Vieles in diesem Buch hat mit einem Ort im Dreiländereck zwischen Deutschland, Belgien und den Niederlanden zu tun: Würselen bei Aachen. Dort ist die Heimat von Martin Schulz. Hier ist er aufgewachsen, hier hat er die Höhen des Daseins und die Tiefen der Alkoholabhängigkeit durchlebt, Fußball gespielt, ist der Jugendorganisation der SPD, den Jungsozialisten, beigetreten, hat seine berufliche und politische Karriere gestartet. Als Buchhändler und dann als Bürgermeister.

"Für mich sind es vor allem meine Familie, meine Nachbarn und Freunde, die mir die Bodenhaftung ermöglichen. Da gibt es kein 'Herr Vorsitzender' oder 'der Kandidat', sondern da bin ich einfach 'der Martin'." Authentisch eben. Wie diese 188 Seiten, die ab sofort in den Buchhandlungen liegen werden. Auch wenn das Buch keine wirklich neuen Einsichten oder Ansichten des Politikers Schulz offenbaren.

Würselen ist so etwas wie das Brennglas für die Biografie von Martin Schulz. Seine Ideen und politischen Überzeugungen haben viel mit dieser Kleinstadt in Nordrhein-Westfalen zu tun und dem, was Martin Schulz, seine Familie, hier erlebt hat.

Das hat Schulz übrigens mit Sigmar Gabriel gemein, seinem Vorgänger im Amt des SPD-Parteivorsitzenden. Das Würselen von Gabriel heißt Goslar, die Kleinstadt im Harz. Für beide ist die Heimat Dreh- und Angelpunkt, Erdung, im politischen Dauergetöse.

Europa als Projekt "Nie wieder!"

Ein ganzes Kapitel widmet Martin Schulz seinen Eltern, die im April 1940 geheiratet haben. Nur kurz bevor Vater Albert Schulz als Soldat zur Wehrmacht eingezogen wurde. Er wollte seiner Ehefrau soziale Sicherheit geben. Würde er nicht aus dem Krieg zurückkehren, wäre sichergestellt, dass seine Ehefrau eine Witwenrente bekäme. Schulz' Eltern überlebten. "Die düsteren Erlebnisse des Krieges aber prägten ihr Leben bis in ihre letzten Tage", schreibt Schulz. Und dem Schwur der Eltern hat er sich schon damals angeschlossen: "Nie wieder!"

So erklärt sich auch die Begeisterung des Europa-Parlamentariers und späteren Vorsitzenden des Europaparlamentes für das Friedensprojekt Europa. Für ihn, der in direkter Nähe der Niederlande und Belgiens aufwuchs, war die Antwort auf "den Zivilisationsbruch" der beiden Weltkriege logisch: "Die Europäische Union war, ist und bleibt deshalb in erster Linie immer ein Einigungswerk für den Frieden." Europa bedeutet für ihn auch die internationale Verantwortung: Nicht im Sinne eines Weltpolizisten, "sondern im wohlverstandenen Eigeninteresse und um unsere Werte zu verteidigen".

Und worin die bestehen, macht der Kanzlerkandidat in seinem Buch auch deutlich: Gerechtigkeit, Bildung für alle, gleiche Löhne für Männer und Frauen, Kampf gegen Ultranationalismus.

Ein Buch - keine Parteiprogramm!

Doch Schulz insistiert in einem Interview des Senders RBB: "Das Buch ist ja nicht ein Buch, wo ich ganz konkrete politische Forderungen mache, in Form eines Partei- oder Wahlprogramms." Das soll ja eh' erst am 25. Juni auf einem Parteitag in Dortmund vorgestellt werden.

Ob die Veröffentlichung von "Was mir wichtig ist" noch einen Schub bei den Umfragen bewirken kann? Wohl kaum. Die Sozialdemokraten von Martin Schulz liegen wieder bei nur 24 Prozent - nach dem Schulz-Hype weit abgeschlagen hinter der Union. Schulz schreibt: "Nur wenige Länder sind so frei, so demokratisch, wohlhabend und sozial sicher wie Deutschland." Nur schreiben die meisten Deutschen das eben nicht der SPD von Martin Schulz zu, sondern der Dauerkanzlerin Angela Merkel.

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