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Terror in Berlin

Anschlag auf Weihnachtsmarkt: Tunesier Amri saß am Steuer

Nach dem verheerenden Terroranschlag in Berlin halten die deutschen Ermittler den flüchtigen Tunesier Anis Amri für den Attentäter. Nach ihm wird jetzt mit Haftbefehl gefahndet.

Ja, man müsse davon ausgehen, dass der geflohene Tunesier Anis Amri am Montagabend den Lastwagen in den Weihnachtsmarkt an der Berliner Gedächtniskirche gelenkt habe. Nach dem 24-Jährigen werde jetzt per Haftbefehl gefahndet, teilte eine Sprecherin der Bundesanwaltschaft mit. Zuvor hatte bereits Bundesinnenminister Thomas de Maizière vor der Presse in Berlin verkündet, Amri sei "mit hoher Wahrscheinlichkeit der Täter". Beide bestätigten Medienberichte über Fingerabdrücke, die an und im Führerhaus des vermutlich gekaperten polnischen Sattelschleppers entdeckt wurden. Die Spuren seien außen am Lkw, an der Fahrertür und an der sogenannten B-Säule sichergestellt worden, hieß es.  

In der Fahrerkabine waren bereits Ausweispapiere des Tunesiers gefunden worden, die erst auf die Spur des Mannes geführt hatten. Nach ihm läuft wegen des Attentats mit zwölf Toten und rund 50 Verletzten eine europaweite Großfahndung.

Amri nach der Tat gefilmt

Nach Informationen der Rundfunkanstalt RBB wurde Amri kurz nach dem Terroranschlag in Berlin gefilmt. Der Verdächtige sei auf einem Überwachungsvideo zu sehen, das ihn der Nacht zu Dienstag im Stadtteil Moabit zeige, berichtete der Sender. Ort der Observation war demnach eine Moschee, die als Treffpunkt von Islamisten gelte und am Donnerstagmorgen von der Polizei durchsucht worden sei. Der 24-Jährige sei außerdem in den Nächten vom 14. und 15. Dezember von Sicherheitskräften gefilmt worden, so der RBB weiter.

Der Ort an den der Tunesier nachts kam wird seit längerem vom Berliner Verfassungsschutz beobachtet. Der Moschee-Verein "Fussilet 33" ist laut Verfassungsschutzbericht ein „Treffpunkt von Salafisten“. Im Bericht steht auch, dass der Verein immer wieder radikale Islamisten hervorgebracht hat. Unter anderen, den Verurteilten Terror-Vorbereiter Murat S. Am Donnerstag wurde der Moschee-Verein von einem Spezialkommando der Polizei gestürmt. 

Berlin PK zu LKW Anschlag Merkel, Maas, de Maiziere (Reuters/H. Hanschke)

Ein wohl eher symbolischer Besuch beim BKA: Kanzlerin Merkel (2.v.r.) und ihre Minister Maas (l.) und de Maiziere (r.).

De Maizière hatte gemeinsam mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundesjustizminister Heiko Maas das Bundeskriminalamt (BKA) in Berlin besucht und sich über die Ermittlungsarbeiten informiert. Merkel sagte, man habe "theoretisch schon seit langem gewusst, dass wir auch Zielscheibe des islamistischen Terrorismus sind." Und trotzdem sei es dann, wenn ein solcher terroristischer Anschlag Wirklichkeit werde, "natürlich noch einmal etwas ganz anderes." Deshalb seien die Gedanken bei den Angehörigen der Opfer und bei den Verletzten im Krankenhaus. "Und gerade ihnen schulden wir auch die bestmögliche Arbeit", so die Regierungschefin.  Sie sei "sehr stolz gewesen" auf die besonnene Reaktion der Bevölkerung, sagte Merkel.  

Berlin Breitscheidplatz Wiedereröffnung Weihnachtsmarkt (DW/F. Hofmann)

Trauer am Berliner Breitscheidplatz

Bei Salafisten als Attentäter beworben   

Der Tunesier stand bereits sei Monaten unter Beobachtung der Behörden, die ihn als "Gefährder" einstuften. Bisherige Anhaltspunkte reichten aber offensichtlich für eine Festnahme nicht aus. Er soll sich laut Medienberichten bereits vor Monaten als Selbstmordattentäter angeboten haben. Die Magazine "Der Spiegel" und "Focus" berichten übereinstimmend, entsprechende Absichten habe Amri im Kreise islamistischer Hassprediger geäußert. "Focus" meldet unter Berufung auf einen V-Mann des Landeskriminalamtes in Nordrhein-Westfalen, Amri habe bei dem salafistischen Prediger Abu Walaa aus Hildesheim wiederholt von seinen Attentatsplänen gesprochen. Monate zuvor habe die Gruppe versucht, den Tunesier nach Syrien zur Extremistenmiliz "Islamischer Staat" (IS) zu schleusen. Walaa sitzt mittlerweile in U-Haft. Er gilt als vermutlich wichtigster Verbindungsmann in Deutschland zum IS. 

Video ansehen 02:32

Fingerabdrücke von Anis Amri gefunden

Amri auch den US-Behörden bekannt 

Laut "Spiegel" soll sich Amri in seiner "Telekommunikation" zwar als Selbstmordattentäter angeboten haben, allerdings so verklausuliert, dass die Fahnder nicht zuschlagen konnten. Zudem solle sich Amri bei einer Quelle der Sicherheitsbehörden nach Waffen erkundigt haben. Nach einem Bericht der Zeitung "New York Times" hat sich Amri im Internet auch über den Bau von Sprengsätzen informiert. Er werde auch auf den amerikanischen Flugverbotslisten geführt. Mindestens einmal soll er laut US-Ermittlungen direkten Kontakt zum IS gehabt haben. 

Hinter Gittern radikalisiert?

Zwei Brüder Amris berichteten dem Sender Sky News Arabia, Anis habe Tunesien nach der Revolution verlassen und sei als Teil einer Gruppe nach Italien gereist. Diese sei dort in eine Schlägerei geraten, nach der sie ihre Bleibe angezündet hätten. Anis habe deswegen dreieinhalb Jahre im Gefängnis verbracht. Anschließend sei er über die Schweiz nach Deutschland eingereist. "Als er Tunesien verließ, war er ein normaler Mensch", sagte Walid Amri. "Er hat Alkohol getrunken und nicht einmal gebetet." Möglicherweise habe er sich im Gefängnis verändert, wo er "Algerier, Ägypter und Syrer" getroffen habe. Auch Abdelkader Amri sagte Sky News Arabia, dass sich sein Bruder in der Haft verändert haben könnte. "Er ist mit einer Einstellung ins Gefängnis gegangen und mit einer anderen herausgekommen." 

Debatte um Fußfesseln und Transitzentren

Laut Generalbundesanwaltschaft gab es am Donnerstag Polizeieinsätze und Durchsuchungen in Nordrhein-Westfalen und Berlin. Es habe sich dabei um frühere Aufenthaltsorte Amris gehandelt. In Heilbronn sei ein Reisebus kontrolliert worden. Meldungen über die Festnahme von vier Kontaktpersonen Amris wurden erneut dementiert. 

Vor allem von Politikern von CDU und CSU kommt Kritik am Verhalten der Behörden, die Amri zwar auf dem Radar hatten, aber offensichtlich nicht genügend belastendes Material gegen ihn in der Hand. Bekannt ist, dass der Tunesier mindestens acht Identitäten benutzte. Es werden Forderungen nach einer "lückenlosen" Überwachung von "Gefährdern" laut, zum Beispiel durch elektronische Fußfesseln. Zudem wird wieder heftig über eine längere Abschiebehaft, verschärfte Duldungsbestimmungen und sogenannte "Transitzentren" an den Grenzen debattiert.   

SC/rb (afp, rtr, dpa, ARD, n-tv)

     

 

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