1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Kultur

Anschlag auf eine Ikone

Rudi Dutschke hat wie kein zweiter der Studentenbewegung seinen Stempel aufgedrückt. Vor 40 Jahren wurde in Berlin ein Attentat auf ihn verübt, bei dem er lebensgefährlich verletzt wurde. Sein Erbe wirkt bis heute fort.

Mann vor Rednerpult (Quelle: dpa)

Rudi Dutschke: Cheftheoretiker, brillianter Redner

Fahrräder liegen auf einem Bürgersteig (Quelle: dpa)

Der Tatort -vor 40 Jahren und heute: Menschen gedenken des Anschlags auf Dutschke

Am Nachmittag des 11. April 1968 liegt ein Mann, von drei Schüssen lebensgefährlich verletzt, auf dem Kurfürstendamm in Berlin. Abgefeuert hatte die Schüsse der Bauarbeiter Josef Bachmann. Das Opfer: Der 28-jährige Rudi Dutschke. Heftige nationale und internationale Proteste waren die Folge. Denn der charismatische Dutschke war einer der führenden Köpfe der Studentenbewegung. Als geistigen Hauptverantwortlichen für seinen gewaltsamen Tod bezeichneten viele die konservative Presse des Springer-Verlags: Sie habe mit ihrer Hetzkampagne gegen die Studentenrevolte den Nährboden für das Attentat bereitet.

Rudi Dutschke, Sohn eines Postbeamten aus der Mark Brandenburg, hatte die DDR vor dem Bau der Mauer verlassen und war zum Studium nach Westberlin gegangen. An der Freien Universität hatte er sich für Soziologie eingeschrieben und wurde schnell politisch aktiv. Auf den ersten so genannten "Teach Ins" – den Diskussionen der Studenten – sprach Rudi Dutschke über Imperialismus oder die bevorstehende Revolution in Westdeutschland.

"Skeptiker des Sozialismus"

Er engagierte sich beim SDS, dem Sozialistischen Studentenbund, sprach vom "Marsch durch die Institutionen", verehrte die Philosophen Ernst Bloch und Herbert Marcuse, protestierte gegen den Vietnamkrieg, gegen die große Regierungskoalition – überhaupt gegen das Establishment.

"Er war nicht so ein militanter Antikommunist wie es zum Beispiel Daniel Cohn-Bendit auch schon 1968 war, aber er war äußerst skeptisch allen Formen des autoritären Parteisozialismus gegenüber", sagt Stefan Reinecke, Redakteur bei der Berliner Tageszeitung taz, zu dessen Arbeitsschwerpunkt die Studentenbewegung gehört.

Überleben auf Zeit

Zwei Straßenschilder (Quelle: dpa)

Ein Teil der Berliner Koch-Straße vor der Zentrale des Axel-Springer Verlags wurde 2007 in Rudi-Dutschke-Straße umbenannt

Rudi Dutschke überlebte das Attentat vom 11. April 1968 nur knapp. Nach schweren Operationen verließ er wenige Monate später Deutschland, um sich im Ausland zu erholen. Die 68er Bewegung verebbte, Dutschke versuchte in England einen Neuanfang. Aber wegen "subversiver Aktivitäten" musste er das Land verlassen. Mit seiner Familie zog er nach Dänemark.

1979 starb Rudi Dutschke unerwartet im dänischen Aarhus, vermutlich an den Spätfolgen des Attentats. Sein Sohn Marek kam kurz danach zur Welt. "Rudi ist zu Recht hoch angesehen", sagt der heute 28-Jährige, der in den USA aufwuchs und erst vor einigen Jahren nach Deutschland kam. "Wenn man Geschichten hört, wie sie ihn damals bei Demos gesehen haben, da ist man stolz auf ihn, dass er den Leuten damals so viel gebracht hat, dass die Leute in ihm eine führende Persönlichkeit gesehen haben."

Umstrittenes Verhältnis zur Gewalt

Rudi Dutschke und seine Generation erstritten viele Freiheiten, die heute selbstverständlich sind. Aber die Einstellung des Studentenführers zu Gewalt hat immer wieder Fragen aufgeworfen. Dass er ein Vordenker der RAF gewesen sei, wird heute allerdings von den meisten verneint. Seine Biographin Michaela Karl schreibt in ihrem Buch "Revolutionär ohne Revolution", er "wollte Gewalt nicht ausschließen, sondern musste sich letztendlich ein für die jeweilige Situation angemessenes positives Verhältnis zur Gewalt bewahren."

Heute entzünden sich die Geister an der Gewaltfrage längst nicht mehr so, wie vor vierzig Jahren. Das ist Geschichte. Auch taz-Redakteur Reinecke sieht Rudi Dutschke heute vor allem als historische Figur: Seit 1968 habe es eine Vielzahl von weitaus größeren, auch wirkungsvolleren sozialen Bewegungen in der Bundesrepublik gegeben, sagt er und nennt die Öko- und die Friedensbewegung. "Keine dieser Bewegungen hat eine ähnliche Figur hervorgebracht. Ich glaube, das hat auch damit etwas zu tun, dass diese Bewegungen weniger Führungsfiguren – wie Dutschke eine war – brauchen. Und das scheint mir ein Schritt nach vorne zu sein – keiner nach hinten."

Die Redaktion empfiehlt