1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Globale Zusammenarbeit

Anschläge auf die Gesundheitsversorgung

Angriffe auf Krankenhäuser, medizinisches Personal und Patienten nehmen in Krisenregionen zu, klagen humanitäre Organisationen. Die Folgen für die Menschen in den Gebieten sind fatal.

Marguerite Samba hat einen fast unmöglichen Job. Seit Anfang des Jahres ist sie Gesundheitsministerin der Zentralafrikanischen Republik. Sie steht einem Gesundheitssystem vor, das durch

den brutalen Bürgerkrieg

nur noch bruchstückhaft funktioniert: "45 Prozent der Gesundheitseinrichtungen im Land sind zerstört. Ambulanzen, Patrouillenfahrzeuge, Kühlschränke, die zur Kühlung von Impfstoffen benötigt werden, Krankenhausbetten, Funkgeräte zur Übermittlung von Informationen - alles geplündert."

Auf der Weltgesundheitsversammlung in Genf zählt sie Fälle von

gezielten Angriffen auf Krankenhäuser

und medizinisches Personal auf. "Es gibt Ärzte und Pfleger, die sich und die medizinische Ausrüstung vor bewaffneten Banden im Busch verstecken", berichtet Samba. "Aber die Gruppen verfolgen sie bis in den Busch und bringen sie um."

Der neue Normalzustand?

Was derzeit mit den Gesundheitsdiensten in der Zentralafrikanischen Republik passiert, ist Teil einer Entwicklung, die humanitäre Organisationen in allen Regionen der Welt mit Sorge registrieren: Angriffe auf medizinisches Personal, auf Patienten, auf Ambulanzen und medizinische Einrichtungen nehmen zu. "Dieser Trend ist zutiefst beunruhigend", sagt Margaret Chan, Chefin der

Weltgesundheitsorganisation (WHO)

. "Aber wir haben in den vergangenen Jahren keinen Aufschrei der Entrüstung vernommen, die Empörung hat sich gelegt. Nur weil diese Angriffe weit verbreitet sind, dürfen wir sie noch lange nicht als neuen Normalzustand hinnehmen."

WHO_Generaldirektorin Margaret Chan in Berlin (Foto: AP)

Chan: "Dieser Trend ist zutiefst beunruhigend"

Die Regeln der humanitären Hilfe im Kriegsfall und der Grundsatz der Unantastbarkeit medizinischer Hilfe

sind 150 Jahre alt

. Um diese Prinzipien ins 21. Jahrhundert hinüber zu retten, rufen die WHO, das Internationale Komitee des Roten Kreuzes (IKRK) und andere humanitäre Organisationen zu entschlossenem Handeln auf. "Das Problem heute besteht nicht in einem Mangel an Konsens und an Kenntnis der grundlegenden Regeln", sagt IKRK-Präsident Peter Maurer, "sondern im weitverbreiteten Mangel an Respekt für bestehendes Recht."

Gesundheitsversorgung in Gefahr

Direkte Gewalt gegen Gesundheitspersonal und Krankenhäuser ist der offensichtliche Ausdruck dieses Problems, doch der alarmierende Trend geht tiefer: Er umfasst den Missbrauch von Gesundheitseinrichtungen für militärische Zwecke, die Verweigerung medizinischer Hilfe für bestimmte Personengruppen oder die Angriffe auf medizinisches Personal, das lebensrettende Polioimpfungen durchführt. Auch der Missbrauch von Impfkampagnen, die als Deckmantel für geheimdienstliche Operationen dienen, wie er den USA vorgeworfen wird, ist Teil dieser Entwicklung.

Unter dem Schlagwort

"Gesundheitsversorgung in Gefahr"

hat das IKRK eine Kampagne gestartet, um den Trend umzukehren. In 23 Ländern, in denen die Organisation präsent ist, hat sie im Zeitraum von Januar 2012 bis Dezember 2013 mehr als 1800 Vorfälle registriert, bei denen Patienten, medizinisches Personal, Ambulanzen oder medizinische Einrichtungen bedroht oder angegriffen wurden. Mehr als 160 Ärzte und Krankenpfleger wurden demnach im Dienst getötet, mehr als 260 verletzt und 560 entführt oder verhaftet.

Rebellen im Südsudan (Foto: Reuters)

Rebellen in Südsudan - in dem Land gab es zuletzt viele Angriffe auf medizinische Einrichtungen

Bevölkerung ohne medizinische Versorgung

Zu 90 Prozent sind die Opfer solcher Angriffe einheimische Helfer. Häufig sieht sich das lokale Gesundheitspersonal massiven Drohungen ausgesetzt. Aus Angst um ihr Leben erscheinen viele Ärzte und Pfleger in solchen Situationen nicht zur Arbeit, sie verstecken sich oder flüchten. Die Folgen für die Gesundheitsversorgung in den betroffenen Krisenregionen sind fatal. Darauf weist auch Françoise Duroch von den

"Ärzten ohne Grenzen"

hin. Medizinische Einrichtungen dieser humanitären Organisation werden immer wieder Zielscheibe von Angriffen. Besonders hart hat es in den vergangenen Monaten Krankenstationen im Südsudan getroffen.

"Mehrere unserer medizinischen Einrichtungen sind Gegenstand von Angriffen geworden. Bewaffnete Männer haben sich Zugang zu den Einrichtungen verschafft und Patienten wurden im Innern dieser Schutzzonen hingerichtet", berichtet Duroch. "Ein Teil des Gesundheitspersonals dieser Einrichtungen ist geflüchtet, was zur Folge hat, und das ist ein ganz wichtiger Punkt, dass ganze Bevölkerungsgruppen jetzt ohne medizinische Versorgung auskommen müssen."

Es gibt kein Allheilmittel

Die erfahrenen Helfer von den Ärzten ohne Grenzen und dem Internationalen Roten Kreuz wissen, dass man Angriffe bewaffneter Gruppen auf Krankenhäuser und Ambulanzen in der Regel nicht dadurch stoppt, dass man die Einhaltung des internationalen humanitären Völkerrechts verlangt. Die Aufklärungs- und Überzeugungsarbeit muss vorher laufen. In Konsultationen mit Militärs, Gesundheitsministerien und Vertretern der Zivilgesellschaft in Krisenregionen hat das IKRK jetzt knapp hundert Empfehlungen ausgearbeitet, die in den kommenden Monaten in Konfliktregionen getestet werden sollen.

Ärzte ohne Grenzen in einer Klinik in Bangui (Foto: Getty Images)

Ärzte ohne Grenzen in einer Klinik in Bangui in der Zentralafrikanischen Republik

"Es gibt kein Allheilmittel", warnt IKRK-Chef Maurer vor überzogenen Erwartungen. "Es gibt nicht die eine Empfehlung, mit der die Gesundheitsversorgung in allen Situationen gewährleistet wäre. Jedes Land hat spezifische Probleme und deshalb liegt es bei den jeweiligen Behörden und Gesundheitsdiensten zu entscheiden, welche Empfehlungen sie umsetzen wollen."

Die Stärke des IKRK und auch der Ärzte ohne Grenzen liegt darin, dass sie in vielen Konflikten dauerhaft vor Ort präsent sind und sich den Ruf erworben haben, unabhängig, neutral und überparteilich zu arbeiten. Die Gefahr von Angriffen bleibt trotzdem bestehen und verlangt von humanitären Organisationen einen permanenten Austausch mit ihrer Umgebung: "Für eine Organisation wie Ärzte ohne Grenzen besteht die erste Lösung bei drohenden Konflikten immer in Verhandlungen mit den Akteuren vor Ort, mit den nationalen Regierungen und auch mit den lokalen Gemeinschaften", fasst Françoise Duroch ihre Erfahrungen zusammen. "Nur so können wir den Zugang zu bedürftigen Personen sicherstellen."

Die Redaktion empfiehlt

WWW-Links