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Kultur

Anna Amalia und die Bounty

Der Leiter der Bücher-Restauration Matthias Hageböck über seine Arbeit in der Anna-Amalia-Bibliothek - und was diese mit der Meuterei auf der Bounty zu tun hat.

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In alter Pracht

DW-WORLD.DE: Herr Hageböck, wie haben Sie sich gefühlt, nachdem der Umfang der Zerstörung bekannt geworden ist?

Matthias Hageböck: Nach der Brandnacht war ich erstmal froh, dass das Gebäude nicht komplett abgebrannt ist. Es hätte schlimmer kommen können. Als ich dann den Überblick bekam, wie viele Bücher beschädigt sind, ging die Stimmung natürlich runter. Es waren ja zehntausende Bücher, die wir restaurieren müssen. Da dachte ich schon, dass wir das in unserem Leben nie schaffen. Das hat sich mittlerweile geändert. Wir wollen bis 2015 fertig werden.

Deutschland Weimar Anna Amalia Bibliothek Werkstattleiter Matthias Hageböck

Retter: Werkstattleiter Matthias Hageböck mit einem wertvollen Bach-Autograf

Welche Materialien versuchen Sie zu retten?

In erster Linie Papier - und zwar zwei grundsätzlich verschiedene Papiersorten, die aus unterschiedlichem Rohrstoff hergestellt wurden. Alle Papiere vor 1850 wurden aus Lumpen hergestellt. Danach kamen die so genannten Rollschliffpapiere, die uns heute viel Sorgen machen wegen ihrem Säuregehalt. Ansonsten haben wir es viel mit verschiedenen Einband-Materialien zu tun: Leder, Pergament, verschiedene Arten von Textilien, Papier und Pappe.

Was sind das für Bücher? Sind das besondere Raritäten?

Sowohl das Gebäude, wie auch der gesamte Bestand zählen zum Weltkulturerbe. Dadurch bekommt natürlich jedes Buch eine Bedeutung. Goethe, Schiller und andere klassische Persönlichkeiten haben mit diesen Büchern hantiert. Nicht jedes Buch ist unheimlich wertvoll, aber es gibt natürlich viele, Erstausgaben zum Beispiel.

Viele Bücher sind durch das Löschwasser beschädigt worden, wie versucht man ein Wasser durchdrängtes altes Buch zu retten?

20.000 Bände mit Wasserschäden sind jetzt noch übrig, die wir restaurieren müssen. Die Buchseiten haben gelblich-bräunliche Wasserränder. Das ist ein rein ästhetisches Problem. Die Bucheinbände stellen uns vor besondere Herausforderungen. Leder zum Beispiel ist durch Hitze und Wasser und beim Trocknen stark geschrumpft, dadurch hat es viele Risse, dann lassen sich die Bücher nicht richtig aufschlagen. Dieses harte und geschrumpfte Leder vom Buchrücken abzunehmen, ist eine der schwierigsten Arbeiten, mit denen wir konfrontiert sind.

Und die Bücher, die durch das Feuer beschädigt worden sind, wie geht man da vor?

Das sind etwa 28.000 Bücher. Die haben wir in vier Klassen unterteilt: leichte Schäden am Einband ist die Schadensklasse 1. Nur die können wir restaurieren. Das sind etwa 8000 Bücher. Die Einbände aus dem Bereich des Brandherds sind alle total verbrannt, da gibt so gut wie nichts mehr. Deshalb geht es dort um Papier-Restaurierung. Entstandene Fehlstellen müssen ergänzt werden. Die Bücher sind ja dadurch, dass sie am Rand verbrannt sind, ohne Heftung. Das sind oft nur einzelne Blätter.

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Journalisten im sanierten Rokokosaal der Herzogin Anna Amalia Bibliothek

Was für einen Sinn hat es im digitalen Zeitalter Bücher zu restaurieren? Wäre es nicht ausreichend, wenn man die Information speichert und das Buch bei Seite lässt?

Es gibt bestimmte Dinge am Buch, die können Sie nur im Original untersuchen. Nicht alles ist digital übertragbar. Dinge, die gar nicht zu sehen sind, können sehr viel zur Geschichte des Buches erzählen. Zum Beispiel, wo dieses Buch gebunden wurde und wann. Manchmal kann man wegen der Technik den Buchbinder bestimmen, die Zeit, den Ort. Man kann auch möglicherweise was zum Vorbesitz sagen, wenn das älter Bücher sind, etwa aus bestimmten Klöstern.

Oder Untersuchungen am Material. Ein Beispiel: Alle alten Handschriften sind ja mit Löschsand getrocknet worden, man hatte ja kein Löschpapier. Der Kapitän Bligh von der Bounty hat in seinem Logbuch Vulkansand genommen, und der ist schwarz. Ein Kollege von mir, ein Restaurator aus Australien, hat festgestellt, dass die Seite vom Tag der Meuterei später ausgetauscht worden ist, weil der Zwischenraum dieser betroffenen Seiten eben nicht schwarz war. Wahrscheinlich hat Bligh das Log-Buch entschärft. Das sind Informationen, die sie ohne weiteres nicht digitalisieren können.

Sie haben schon zehntausende Bücher restauriert, wie ist der weitere Plan?

Wir wollen bis 2015 die gesamten Brandschäden restauriert haben. Das kann allerdings nur dann klappen, wenn wir auch genügend Geld zur Verfügung haben. Was bisher an Spenden eingegangen ist, wird sicher nicht bis zum Ende reichen. Wir haben bei den Wasser- und Hitzeschäden noch 20.000 Bücher zu restaurieren, bei den Brandschäden 8000 Bücher.

Wie sind ihre persönlichen Gefühle am Tag der offiziellen Wiedereröffnung der Bibliothek?

Es ist einer der schönsten Tage in meinem Leben, während der Tag des Brandes einer der schwärzesten war.

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