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Fokus Osteuropa

Annäherung zwischen der Türkei und Russland

Während die Türkei und die Europäische Union bei ihrer Annäherung nicht weiterkommen, einigten sich Ankara und Moskau über die jeweiligen gemeinsamen politischen und wirtschaftlichen Interessen.

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Suche nach starken Verbündeten?

Vor dem Hintergrund der Abkühlung der Beziehungen zur EU hat Ankara begonnen, andere starke außenpolitische Verbündete zu suchen. "Die Reibungen mit der Europäischen Union an solchen Themen wie der Kurden-Frage und der Genozid an den Armeniern verärgern die türkische Führung immer mehr", erläutert der Experte der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), Elkhan Nuriyev. "Die Folge ist, dass Ankara nach Alternativen sucht. Mit der Machtübernahme durch Premier Recep Erdogan begann die Annäherung an Russland", so der Experte.

In den vergangenen 12 Monaten trafen sich der russische Präsident Wladimir Putin und der türkische Premier Erdogan fünf Mal. Nach jedem Treffen gab es zwischen Moskau und Ankara einige politische Meinungsverschiedenheiten weniger. Beispielsweise stoppte Russland die Unterstützung für die Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) und die Türkei reagierte nicht mehr auf die Bitten der tschetschenischen Separatisten um Unterstützung.

Anerkennung russischer Einflusssphäre

Moskau kommt auch die veränderte Haltung Ankaras gegenüber Georgien entgegen. Seit mehreren Jahren treibt die Türkei regen Handel mit der nicht anerkannten selbsternannten Republik Abchasien. Nachdem Tiflis mehrere türkische Schiffe beschlagnahmt hatte, die nach Suchumi unterwegs waren, kühlten die Beziehungen zwischen beiden Staaten merklich ab. Dies hatte zur Folge, dass Russland einen neuen geopolitischen Verbündeten gegen die USA erhielt, denn nach Ansicht Moskaus will Washington Georgien in seiner außenpolitischen Einflusssphäre sehen.

"Im Unterschied zur Regierung von Bülent Ecevit erkennt die heutige türkische Führung in größerem Maße die Interessen des Kreml im postsowjetischen Raum als legitim an", erklärt Elkhan Nuriyev von der Stiftung Wissenschaft und Politik. Die Türkei habe ihren Appetit im Kaukasus und in Zentralasien gezügelt, so der Experte. Das freue den Kreml.

Gemeinsame Wirtschaftsinteressen

Nach Meinung des türkischen Experten Suat Kiniklioglu ist der Handel die Lokomotive der bilateralen Beziehungen. Vor einem Jahr nahm Präsident Wladimir Putin persönlich an der Eröffnung der Erdgasleitung "Blue Stream" teil, die auf dem Grund des Schwarzen Meeres von Dschubga an der russischen Schwarzmeerküste in der Nähe von Noworossijsk bis zum türkischen Hafen Samsun verläuft. Heute liefert Russland an die Türkei 65 Prozent des im Lande verbrauchten Erdgases. Türkische Geschäftsleute verdienen im Gegenzug jedes Jahr immer mehr an russischen Touristen. Darüber hinaus werden in Russland vermehrt Gebäude von türkischen Firmen errichtet.

Neue "Politik der Mitte"

Der Berater des türkischen Premiers für Außenpolitik, Ahmet Davutoglu, bezeichnet die Strategie der heutigen Regierung als "Politik der Mitte". Während des Kalten Krieges sei Ankara gezwungen gewesen, mit dem Westen zusammenzuarbeiten, darunter auch mit Hilfe des NATO-Beitritts. Heute fühle sich die Türkei in der Wahl ihrer außenpolitischen Partner freier. Deswegen baue die Regierung Beziehungen zu allen großen Spielern der internationalen Politik auf, so Davutoglu.

Die Annäherung an Russland ist Davutoglu zufolge aber keine "rote Karte" für Europa oder die USA. Dennoch sorge diese Entwicklung im Westen für Unruhe. Dies sei aber völlig unbegründet, meint der Politologe Elkhan Nuriyev. Die Türkei und Russland können in der Tat ihre strategischen Interessen in der Region effektiver durchsetzen, wenn sie ihre Bemühungen bündeln. Der Einfluss beider Staaten werde aber nicht auf Kosten der Positionen des Westens verstärkt, meint der Experte er SWP.

Tatjana Petrenko
DW-WORLD.DE/Russisch, 8.11.2006, Fokus Ost- Südost

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