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Deutschland

Anklage wegen Nazi-Massakers in der Toskana

Dies könnte der letzte große Prozess gegen einen mutmaßlichen NS-Kriegsverbrecher in Deutschland sein. In München steht ein Ex-Kompaniechef vor Gericht, der 1944 die Ermordung von 14 Zivilisten befohlen haben soll.

Symbolbild Prozess

Prozess nach 60 Jahren

Ein Verfahren, wie man schon viele erlebt hat, aber diesmal mit Aussicht auf Erfolg: Der Angeklagte Josef Sch. aus Bayern gilt – anders als Mitbeschuldigte – ungeachtet seiner 90 Jahre als verhandlungsfähig. Ein Gutachter hatte bescheinigt, trotz des hohen Alters könne der rüstige Rentner zumindest für jeweils einige Stunden an dem Prozess teilnehmen. Der Prozess ab Montag (15.09.2008) vor dem Schwurgericht München ist vorläufig auf elf Tage bis zum 21. Oktober angesetzt. Geladen sind bislang mehr als 20 Zeugen und mehrere Sachverständige.

Vergeltung für Partisanenüberfall?

Die Münchner Staatsanwälte werfen Josef Sch. vor, im Juni 1944 in der Toskana als Reaktion auf einen Partisanenüberfall einen Racheakt befohlen zu haben. In diesem Sommer ging es damals in Mittel-Italien schon um den deutschen Rückzug. Zunächst erschossen Angehörige der 1. Kompanie des Gebirgspionierbataillons 818 laut Zeugenaussagen in Falzano bei Cortona drei Männer und eine Frau. Dann sollen die Soldaten der Wehrmacht elf Personen in einem Bauernhaus zusammengetrieben haben, das anschließend in die Luft gesprengt wurde. Nur ein damals 15-jähriger Junge überlebte das Massaker; der heute 79-Jährige ist einer der wenigen Augenzeugen und soll in München aussagen.

In Italien bereits verurteilt

Der Angeklagte war bereits 2006 - ebenso wie ein weiterer Offizier - von einem Militärgericht im italienischen La Spezia in Abwesenheit zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt worden. Er wurde nicht ausgeliefert. Die Münchner Staatsanwaltschaft hatte ihn aber in diesem Jahr wegen grausamen Mordes aus niederen Beweggründen in 14 Fällen doch noch angeklagt.

"Honorige Existenz" in bayerischer Heimat

Gebirgsjägerveteranentreffen

Gedenkfeier der Veteranen vor dem Ehrenmal der deutschen Gebirgsjäger am Hohen Brendten bei Mittenwald

Lange hatte Josef Sch. unbehelligt in seinem Heimatort Ottobrunn bei München gelebt und als Schreinermeister ein Möbelgeschäft betrieben. Er gilt als honoriger Bürger und war erst vor drei Jahren mit einer "Bürgermedaille" geehrt worden. Er nahm weiterhin an den traditionellen Veteranentreffen der Gebirgsjäger in Mittenwald teil. Der so genannte "Kameradenkreis" der Gebirgstruppe wird von kritischen Beobachtern schon einmal in die Nähe von Neonazis gerückt. Ein Korrespondent der "Süddeutschen Zeitung" beschrieb das Unverständnis in der Gemeinde, dass ihr Ehrenbürger jetzt nach über 60 Jahren noch zur Verantwortung gezogen werden soll.

Josef Sch. hat jegliche Schuld oder Mitschuld stets bestritten. Einer seiner drei Anwälte soll Klaus Goebel aus München sein, der bereits den SS-Aufseher Anton Malloth und verschiedene Holocaust-Leugner vertreten hat. Von den Verteidigern verlautete im Vorfeld, man wolle sich "nicht in Verfahrenstricks flüchten".

Wenig Chancen für weitere Prozesse

Kaum Aussichten auf einen Prozessbeginn machen sich die deutschen Justizbehörden im Fall des ehemaligen SS-Manns Heinrich B. vor dem Aachener Landgericht. Gegen den 86-Jährigen wurde Anklage wegen Mordes an drei Zivilisten 1944 in den Niederlanden erhoben, als Mitglied des SS-Kommandos "Silbertanne". Er stand lange auf der Liste der zehn meistgesuchten Nazi-Kriegsverbrecher des Simon-Wiesenthal-Zentrums. Es sei noch nicht einmal ein Gutachter bestellt, dessen Stellungnahme dann auch erst einmal abzuwarten sei, bestätigte der Richter am Landgericht in Aachen, Georg Winkel, der Deutschen Welle. Eine Eröffnung in den kommenden Monaten bleibe "höchst unwahrscheinlich".

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