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Aktuell Europa

Anke Engelke zeigt Alijew lächelnd die Zähne

Aserbaidschans Führung wollte das Song-Contest-Finale politikfrei halten. Das gelang - fast. Denn der deutsche Comedy-Star machte dem autoritären Staatschef vor einem Millionenpublikum einen Strich durch die Rechnung.

Der deutsche Teilnehmer beim Eurovision Song Contest (ESC) in Aserbaidschans Hauptstadt Baku, Roman Lob, kam "nur" auf Platz acht. Aber am Ende hat neben Schweden mit Sängerin Loreen auch Deutschland gewonnen. Denn in der von Politik konsequent frei gehaltenen Fernsehshow zeigte die deutsche TV-Comedian Anke Engelke Aserbaidschans mit eiserner Hand herrschenden Präsidenten Ilham Alijew vor geschätzt 120 Millionen Fernsehzuschauern in Europa lächelnd die Zähne - weil sie die Punktevergabe in der Bundesrepublik mit einem politischen Statement verband.

Der Staatschef von Aserbaidschan, Ilcham Alijew (Foto: picture-alliance/dpa)

Der autoritär herrschende Staatschef von Aserbaidschan, Ilcham Alijew

"Europa beobachtet Dich, Aserbaidschan"

Beim ESC ist es Tradition, dass jedes Teilnehmerland einen Moderatoren bekannt geben lässt, an wen sein Land wieviele Punkte vergeben hat. Normalerweise sind dabei nur warme Worte zu hören. Als 38. der 42 Teilnehmerländer vergab Deutschland die Punkte, und auch Engelke gab sich charmant. Ihre Botschaft an Aserbaidschan fiel aber eindeutig zweideutig aus. Nach einem freundlichen Dank an die Gastgeber sagte Engelke: "Heute Abend konnte niemand für sein eigenes Land abstimmen. Aber es ist gut, wählen zu können. Und es ist gut, eine Wahl zu haben. Viel Glück auf Deiner Reise, Aserbaidschan. Europa beobachtet Dich."

Eurovision Song Contest - Anke Engelke vergibt am 26.05.2012 bei der Grand-Prix-Party zum Finale des Eurovision Song Contest in Hamburg die Punkte für Deutschland. (Foto: picture-alliance/dpa)

Anke Engelke auf der Grand-Prix-Party in Hamburg während der Live-Schalte nach Baku

Dafür wurde sie inzwischen hochgelobt: In Medienkommentaren, im Internet und von der ARD selbst. "Anke Engelke hat mit ihren klaren, klugen und charmanten Worten die Ehre des ESC gerettet", sagte der ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber. In der Tat: Obwohl bei den Demonstrationen gegen den harten Kurs von Präsident Alijew in den vergangenen Tagen zahlreiche Menschen festgenommen worden waren, schien die PR-Strategie der Regierung in Baku nämlich zunächst aufzugehen: Die Fernsehshow war perfekt und ohne Engelkes Auftritt hätte sie auch nach Paris, London oder Berlin gepasst. So aber dürften viele Zuschauer daran erinnert worden sein, dass hinter Bakus schöner Fassade eklatante demokratische Defizite stecken.

Loreen mit zweithöchster Punktzahl in der Geschichte des Wettbewerbs

Die spätere Siegerin Loreen war die Teilnehmerin, die sich am offensivsten mit der Opposition in Aserbaidschan solidarisiert hatte. Am Mittwoch traf sie Vertreter der Organisation "Sing for democracy". Ein starkes Signal - und ähnlich stark fiel auch der Auftritt der 28-Jährigen mit ihrem Lied "Euphoria" aus: Loreen holte mit 372 Punkten die zweithöchste Punktzahl in der Geschichte des Wettbewerbs nach dem Norweger Alexander Rybak 2009.

Begeisterung bei Loreen und dem schwedischen ESC-Team über den Ersten Platz (Foto: dapd)

Begeisterung bei Loreen und dem schwedischen ESC-Team über den Ersten Platz

Auf dem zweiten Platz folgten wie prognostiziert die russischen Großmütter Buranowski Babuschki mit ihrer "Party for Everybody". Das Lied hatte zwar nur begrenzt mit Musik zu tun, mit ihrem sympathischen Auftritt holten die Omas aber Punkte. Auf Rang drei landete ebenfalls wie erwartet der Serbe Zeljko Joksimovic.

Einschaltquoten in Deutschland deutlich gesunken

Bei der Bekanntgabe der Abstimmung schien es vorübergehend so, als würde dagegen Roman Lob eine Pleite drohen. Lange lag der Deutsche weit zurück, die angestrebten Top Ten schienen in weiter Ferne. Doch mit andauernder Bekanntgabe der Voten läpperte sich das Punktekonto des 21-Jährigen. Der achte Platz bedeutete am Ende die zweitbeste Platzierung eines Deutschen in den vergangenen zwölf Jahren. "Top Ten ist super", freute sich Lob - den Platz hatte sich der bei einem Vorentscheid im Februar ausgewählte Newcomer durch einen sehr gut gesungenen Auftritt redlich verdient.

Der deutsche ESC-Finalist Roman Lob bei seinem Auftritt in Baku (Foto: picture-alliance/dpa

Immerhin: Der deutsche ESC-Finalist Roman Lob schaffte es auf Rang acht

Doch obwohl sich die Auswahl des deutschen Starters durch eine Castingshow damit bewährt hat, steht das "Unser Star für..."-Konzept angeblich auf der Kippe. Die Einschaltquoten des Vorentscheids waren mau, und auch das ESC-Finale am Samstagabend wollten deutlich weniger Menschen in Deutschland sehen als in den vergangenen zwei Jahren die Auftritte von Lena Meyer-Landrut. Nur noch 8,29 Millionen Deutsche schalteten ein - bei Lenas zehnten Platz in Düsseldorf vor einem Jahr waren es 13,89 Millionen, bei ihrem Sieg in Oslo vor zwei Jahren sogar 14,69 Millionen. Falls es ein Protest mit der Fernbedienung gegen die Regierung in Baku war: Im nächsten Jahr - genau am 18. Mai - dürfte es wieder einen zu hundert Prozent "politikfreien" ESC geben - weil das Finale dann in Schweden stattfindet.

sti/SC (afp, dapd, dpa)