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Kultur

Angst vor Parkplätzen

"Eure Kinder sind nicht sicher, ganz gleich wo und ganz gleich wann." Mit dieser Meldung hat sich der Heckenschütze von Washington an die Polizei gewandt und einem Pressebericht zufolge 10 Millionen Dollar gefordert.

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Die Behörden rätseln über den Heckenschützen

Der Albtraum begann in der Nacht des 2. Oktober 2002. Innerhalb von 27 Stunden erschoss ein Heckenschütze in den Vororten Washingtons sechs Menschen, weitere Tote folgten in den Wochen darauf. Das Unheimliche an den Verbrechen ist die kalte Präzision des Killers. Alle Opfer traf er mit einem einzigen Schuss.

Hilflose Behörden

Die Ermittler stehen den Verbrechen, die in kein bekanntes Muster passen, hilflos gegenüber. Obwohl mittlerweile mehr als 1000 Polizeibeamte und sogar Aufklärungsflugzeuge der Air Force in der Region im Einsatz sind, fehlt nach wie vor ein handfester Hinweis. Zu den wenigen Spuren zählen Zeugenaussagen, die von einem weißen Kleinlaster an den Tatorten berichten, eine zurückgelassene Nachricht, die lautet: "Lieber Polizist, ich bin Gott", sowie eine Patronenhülse. Für das Kaliber kommt jedoch eine Vielzahl von Waffen in Frage, die zum großen Teil auch legal erwerblich sind. Unter einer Telefonnummer, die ebenfalls an einem der Tatorte gefunden wurde, nahm die Polizei inzwischen kurzen Kontakt mit einem Unbekannten auf.

Kein gewöhnlicher Triebtäter

Die Persönlichkeit des Schützen gibt Behörden und Psychologen Rätsel auf. Im Gegensatz zu anderen Massenmördern, die unbewusst darauf hinarbeiten, von der Polizei gefasst zu werden, agiert er zunehmend vorsichtiger. Nachdem die ersten sechs Morde in kurzer Zeit verübt wurden, ging man von einem typischen Amokläufer aus, der durch Hass auf die Gesellschaft oder sexuelle Triebe gesteuert wird. Doch dann wurden die Pausen zwischen den Morden länger – bis zu fünf Tagen.

Das kaltblütigen Vorgehen passt nicht in bekannte Bilder von Triebtätern. Jack Levin, Leiter des Brudnick Center on Violence and Conflict an der Northeastern Universität in Boston, meint, es könnte "ein rationaler Killer, der nicht durch seine Emotionen kontrolliert wird", sein. Lothar Adler, Psychiater und Experte für Verbrechen wie Massentötungen sagt: "Ich kenne keinen vergleichbaren Fall." Eine hochgradig gestörte Persönlichkeit kommt auch für ihn nicht in Frage: "Sie können keinesfalls über längere Zeit planvoll vorgehen."

Zynisches Spiel

Doch genau das tut der Täter: Er treibt ein zynisches Spiel mit den Behörden. Nach den ersten Morden informierte die Polizei, Kinder könnten weiterhin sicher zur Schule gehen, der Killer habe bisher nur auf Erwachsene angelegt. Prompt wurde ein 13-jähriger Junge vor seiner Schule angeschossen. Dann vermuteten die Ermittler, der Schütze habe einen Wochenend-Job, da er stets an Werktagen zuschlug. Kurz darauf wurde ein Mann an einem Samstag angeschossen, noch dazu im Staat Virginia, rund 150 km von seinen bisherigen Tatorten entfernt, was Vermutungen über einen möglichen Aufenthaltsort des Täters über den Haufen warf.

Der Ablauf der Verbrechen nährt unterschiedlichste Gerüchte über den Hintergrund des Täters. Seine stets erfolgreichen Fluchten trotz massiver Polizeiaufgebote könnten auf einen ehemaligen Mitarbeiter der Polizei deuten, der sich bestens mit Fahndungsmustern auskennt. Das Pentagon durchsucht Personalakten nach ehemalige Militär-Scharfschützen mit psychischen Problemen. Einer weiteren, etwas verwegenen Spekulation nach ist der Täter ein desertierter französischer Militärsschüler, den Kameraden auf Phantombildern wiedererkannt haben wollen. Der Fahnenflüchtige kehrte von einem Nordamerikaaufenthalt nicht zurück. Der Killer könnte jedoch auch nur ein geübter Jäger sein. Offiziell schließen die Ermittler einen terroristischen Hintergrund trotz seines überlegten Vorgehens aus.

Als Terrorist hätte der Schütze sein Ziel längst erreicht, denn Angst und Verunsicherung begleiten die Anwohner inzwischen durch den Alltag.(ah)