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Bildung

Angst vor einem neuen Kalten Krieg

Milliardenschulden, Korruption, steigende Preise - und über dem Land schwebt die Kriegsgefahr. Wie der Austauschstudent Stanislav Kotovych den Konflikt in seiner ukrainischen Heimat erlebt, schildert er im DW-Gespräch.

Voller Sorge blickt die ganze Welt auf die Ukraine, um die ein Kampf zwischen den Westmächten und Russland ausgebrochen ist. Viele Studenten, die als Rückgrat der Maidan-Bewegung für eine pro-westliche Politik galten, sind sehr beunruhigt und enttäuscht. Wirtschaftsstudent Stanislav Kotovych aus Dnipropetrowsk ist seit Oktober 2013 als Stipendiat des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) in Saarbrücken. Der 22-jährige Ukrainer hofft auf eine engere Anbindung seines Landes an den Westen und auf Reformen an den Hochschulen, die von Korruption und veralteten Lehrplänen geprägt sind.

DW: Herr Kotovych, nach wie vor ist die Lage in der Ukraine sehr angespannt. Nach den blutigen Demonstrationen für eine stärkere Westorientierung der Ukraine gibt es jetzt immer wieder gewaltsame pro-russische Proteste. Machen Sie sich Sorgen um Ihre Kommilitonen und die Familie in Dnipropetrowsk?

Stanislav Kotovych: Ja, natürlich. Meine Freunde und ich sind sehr besorgt darüber, was gerade in der Ostukraine passiert. Mit den Demonstrationen in Kiew ist zwar erreicht worden, dass Präsident Janukowitch gehen musste, aber es besteht natürlich weiterhin die Gefahr der Invasion Russlands und der Abspaltung von Teilen der Ostukraine. Wir wissen nicht, wie es nun weitergeht. Zwar hat die offizielle Regierung eine klare Position gegenüber den Separatisten, aber die Auseinandersetzungen zwischen den Parteien im Parlament verhindern eine eindeutige und handlungsfähige Politik.

Im Mai soll eine neue Regierung in der Ukraine gewählt werden. Was erwarten Sie konkret von den Politikern?

In Charkiw demonstrieren Euromaidan-Unterstützer (Foto: picture-alliance/RIA Novosti)

Die Ukraine ist gespalten: In Charkiw demonstrieren Euromaidan-Unterstützer

Ich erwarte von den Politikern, die im Mai gewählt werden, aber auch von denjenigen, die derzeit an der Macht sind, vor allem die Verringerung der Korruption in unserem Land. Ich hoffe auch, dass sie unser Land wirtschaftlich und sozial stärken, so dass die Menschen ein besseres Leben führen können. Derzeit liegt das durchschnittliche Einkommen ja nur bei 250 Euro. Viele Ukrainer sind aufgrund der wirtschaftlichen Krise sehr arm. Ich erwarte auch eine bessere Zusammenarbeit zwischen dem Präsidenten und dem Parlament. Außerdem hoffe ich auf eine Vertiefung der Partnerschaft mit der Europäischen Union. Aber die Interessen unseres Landes müssen auch auf der internationalen Ebene stärker vertreten werden, insbesondere im Hinblick auf Russland.

Die Europäische Union will die Ukraine finanziell unterstützen, verlangt dafür aber auch Reformen, vor allem den Kampf gegen Korruption und Vetternwirtschaft. Wie stark sind die Hochschulen davon betroffen?

Ich würde sagen, das Korruptionsniveau ist recht hoch an unseren Universitäten. Die Nachfrage bestimmt das Angebot, das heißt, die Professoren verlangen zwar kein Geld für bestimmte Gefälligkeiten, aber wenn ihnen die Studenten Geld anbieten, etwa, damit sie die Prüfung auch bei einer schwachen Leistung bestehen, dann nehmen viele Professoren dieses Angebot an.

Sie sind seit Oktober in Saarbrücken und haben als DAAD-Stipendiat nun auch ein anderes Studiensystem kennengelernt. Welche Reformen müssen Ihrer Ansicht nach dringend an den Hochschulen in der Ukraine angegangen werden?

In Donezk fordern pro-russische Demonstranten die Abspaltung von der Ukraine (Foto: dpa)

In Donezk fordern pro-russische Demonstranten die Abspaltung von der Ukraine

Wir brauchen auf jeden Fall eine Modernisierung der technischen Ausstattung, aber auch der Lerninhalte an unseren Unis. Sie sind zu veraltet und gehen zu wenig auf die Veränderungen ein, die etwa die Globalisierung für Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt mit sich bringt. Außerdem kritisieren meine Kommilitonen und ich, dass der Bologna-Prozess in der Ukraine kaum umgesetzt wird. Die Professoren beurteilen die Leistungen ihrer Studenten mal so und mal so. Niemand hält sich an die einheitlichen Richtlinien, die das Bologna-System vorgibt. Wir haben in unserem Studium auch wenig Freiheiten in der Wahl unserer Fächer. In Deutschland ist das anders. Da kann ich mich als Wirtschaftsstudent ganz anders zum Beispiel fürs Personalmanagement spezialisieren. Das hätte ich mir auch in meiner Heimat gewünscht.

Wie ist Ihr Eindruck: Wünschen sich in der derzeitigen prekären politischen Situation viele ukrainische Studierende, an Austauschprogrammen teilzunehmen?

Ja, viele möchten gern nach Polen oder Deutschland gehen, um dort eine modernere Welt kennenzulernen. Den Wunsch, die Ukraine für immer zu verlassen, haben auch einige Kommilitonen von mir. Aber die Mehrheit möchte in die Ukraine zurückkommen und dann in einem internationalen Unternehmen arbeiten, denn dort sind die Chancen am besten, einen einigermaßen gut bezahlten Job zu bekommen.

Was möchten Sie nach Ihrem Stipendium machen?

Wenn ich meinen Master in Wirtschaftswissenschaften gemacht habe, würde ich gern noch eine Promotion anschließen. Zurückgehen möchte ich eigentlich nur, wenn ich in der Ukraine auch eine berufliche Zukunft habe, zum Beispiel in einer international tätigen Organisation.

Das Gespräch führte Sabine Damaschke.

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