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Europa

Angst vor der Ansteckung

Unklare Lage für Portugal: Der Finanzminister ist optimistisch. Wirtschaftswissenschaftler erwarten einen Schuldenschnitt. Die Investoren üben Zurückhaltung.

Die Einschätzungen zur Zukunft Portugals sind alles andere als einheitlich. Analysten, Geldgeber des Rettungspakets, Wirtschaftswissenschaftler, der Finanzminister des Landes und nicht zuletzt die Portugiesen - sie alle haben ihre eigene Sichtweise. Und jede Sichtweise hat ihre Berechtigung.

Vertrauen und Glaubwürdigkeit zurück gewinnen

Portugals Finanzminister Vitor Gaspar während einer Pressekonferenz (Foto:AP/dapd)

Portugals Finanzminister Vitor Gaspar

Angesichts der Lage an den Finanzmärkten  ist Portugals Finanzminister Vitor Gaspar  bemüht, das Ansehen seines Landes in ein besseres Licht zu rücken. Überschuldung, die fehlende Tragfähigkeit des öffentlichen Haushalts, das schwache wirtschaftliche Wachstum und die geringe Produktivität hätten das Land unter den EU-Rettungsschirm gebracht. "Über ein Jahrzehnt hinaus sind das makroökonomische Ungleichgewicht und die Strukturschwäche stetig größer geworden", erklärt Gaspar und wirbt mit Offenheit für Vertrauen.

Auf dem richtigen Weg

Portugiesische Demonstranten mit Masken von Angela Merkel und Passos Coelho (Foto: dpa)

Demonstranten mit Masken von Merkel und Coelho

Mit Hilfe des 78 Milliarden Euro umfassenden Rettungspakets von EU und IWF und des einhergehenden wirtschaftlichen Anpassungsprogramms sei, so Gaspar, "der richtige Weg beschritten." Das Programm verlangt vor allem die Ankurbelung des Wirtschaftswachstums und des Arbeitsmarktes. Aber auch die Absicherung der öffentlichen Finanzen und der Wiederaufbau der internationalen Wettbewerbsfähigkeit sind Teil der Maßnahme.

Die hierfür notwendigen Reformen bedeuten für die portugiesische Bevölkerung Steuererhöhungen bei gleichzeitig sinkenden Reallöhnen. Auch Einschnitte im Sozialwesen müssen die Menschen hinnehmen. Im Land wächst die Unruhe.

Gaspar setzt dessen ungeachtet auf einen breiten sozialen Zusammenhalt und spricht sich für das Rettungspaket aus.

Durch den Schutz, den das Paket vor den Launen des Marktes biete, sei wertvolle Zeit gewonnen. "Das ist Zeit, in der Portugal das notwendige Vertrauen wiedererlangen kann, um sich im Verlauf von 2013 wieder über die Märkte zu finanzieren", sagte Gaspar.

Umsetzung des Anpassungsprogramms zeigt positive Effekte

Auch die Troika - die Gutachter der EU, der Europäischen Zentralbank (EZB) und des Internationalen Währungsfonds (IWF) - bewertet die Entwicklungen Portugals positiv. Durch das wirtschaftliche Anpassungsprogramm habe Portugal ein leichtes Wachstum erreicht.

Der Analyst für Länderrisiken bei der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba),  Diplomvolkswirt Ulrich Rathfelder, traut Portugal zu, durch das Programm aus der Krise herauszukommen. "Die Portugiesen hatten schon 1984 ein IWF-Programm absolviert. Das war keine freudige Zeit für das Land, aber danach hatten sie sogar einen Leistungsbilanzüberschuss."

Dass Portugal sich bereits 2013 wieder selbst an den Märkten finanzieren kann, glaubt er hingegen nicht: "Aus heutiger Sicht ist das nächstes Jahr noch zu früh."

Schuldenbarometer erkennt Notwendigkeit des Schuldenschnitts

Zu eher düsteren Prognosen kommt das Institut für Weltwirtschaft an der Universität Kiel (IfW). Die beiden Ökonomen David Bencek und Henning Klodt haben ein Schuldenbarometer entwickelt, das die Tragfähigkeit von Staatsschulden in einigen EU-Ländern beurteilt. Daran gemessen ist die Situation Portugals nicht so desaströs wie die Griechenlands, dennoch wird das Land aus Sicht der beiden Ökonomen nicht ohne Schuldenschnitt davonkommen. "Der Schuldenschnitt ist das kleinere Übel, wenn ein Staat auf die ungeordnete Insolvenz zusteuert", so Bencek.

Dominoeffekt muss nicht zwangsläufig eintreten

Kippt Griechenland, kippen Portugal und weitere Länder, so das Prinzip des Dominoeffekts. Hierbei wird angenommen, dass die Ursachen der Probleme identisch sind.  Das sei jedoch nicht der Fall, schreiben  die Ökonomen des IfW Klaus Schrader und Claus Friedrich Laaser in einem Ländervergleich  zwischen Griechenland, Portugal und Spanien: "Die Krisenmuster und –historien sind zu unterschiedlich, wie auch das Problemlösungspotenzial der Länder."

Qualifikationsmängel, Produktivitätsdefizite sowie private und staatliche Steuerlasten führten – so die Studie – Portugal in die Krise. Das Land müsse schnell und entschieden gegensteuern, so Schrader und Laaser.

Auch der Diplomvolkswirt Ulrich Rathfelder setzt auf eine rasche Konsolidierung. "Es gibt ja in Portugal leistungsfähige Betriebe in der Automobilindustrie, im Zuliefersektor und auch kleine effiziente Betriebe im IT-Sektor, sodass die industrielle Basis nicht so schlecht ist."  Es sei wichtig, gesamtwirtschaftliche Verbesserungen zu erzielen und dadurch Vertrauen zu generieren – auch für die Kapitalanleger.

Autorin: Beatrix Beuthner
Redaktion: Andrea Lueg

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