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Asien

Angst vor dem IS in Afghanistan

Die Berichte über den Aufschwung der Gruppe "Islamischer Staat" häufen sich in Afghanistan. In dem ohnehin von Terror gebeutelten Land ist das für viele Afghanen eine Horrorvorstellung.

"Es sind Männer mit schwarzen Fahnen und schwarzer Kleidung", berichtet Gol Mohammad nervös. "Ich habe gesehen, dass sie schwere Waffen besitzen und luxuriöse Autos fahren", beschreibt er die Kämpfer. In der westlichen Provinz Farah im Distrikt Khake Safed sollen sie eines Tages einfach aufgetaucht sein. Seitdem häufen sich die Gerüchte. Den Menschen macht das Angst. "Wir fürchten sie mehr als die Taliban", sagt Gol Mohammad, der in diesem Distrikt zu Hause ist. Bisher haben sie uns in Ruhe gelassen, aber das kann sich bald ändern". Ob die vermummten Männer tatsächlich IS-Kämpfer aus dem Irak sind, kann Gol Mohammad nicht sagen.

Ob der IS jetzt auch in Afghanistan Fuß gefasst hat, ist unklar. Eine offizielle Stellungnahme gibt es nicht. In Pakistan tauchte ein Bekennervideo auf. Einige afghanische Kämpfer in mehreren Teilen des Landes sollen behauptet haben, Teil der Bewegung zu sein. Im westlichen Farah, im südlichen Helmand und in östlichen Zabul gab es Berichte von schwarz gekleideten Männern, die nicht die Sprache der Taliban sprechen, finanziell unabhängig sind und die Flagge der IS tragen. Mehrere afghanische Offizielle äußerten sich besorgt über diese Entwicklung.

Heraufziehender Frontenkrieg?

Der ehemalige afghanische Warlord Ismail Khan, der zuletzt Minister für Energie und Wasser war, sprach in einer Pressekonferenz Mitte Januar von einem heraufziehenden Frontenkrieg. "Fremde Männer rekrutieren im Distrikt Khake Safed Milizen und trainieren sie. So bald der Frühling aufzieht, wird es zu Gefechten kommen. Die Regierung sollte darauf vorbereitet sein", so Ismail Khan. Das Gebiet liegt 150 Kilometer von der Großstadt Herat entfernt und an der Grenze zum Iran. Gleichzeitig räumte er aber ein, dass er nicht sagen könne, ob die Fremden IS-Kämpfer seien.

Abdullah Abdullah (Foto: WAKIL KOHSAR/AFP/Getty Images)

Afghanistans Abdullah Abdullah zeigt sich besorgt

Während sich der ehemalige Präsident Hamid Karzai im britischen Sender BBC zu einer Bedrohung der IS abwehrend zeigte, sind Stimmen aus der jetzigen Regierung besorgter. Afghanistans CEO Abdullah Abdullah mahnte gemeinsam mit dem iranischen Außenminister Mohammad Javad Zarif am Dienstag, das Thema IS nicht zu unterschätzen. "Das Problem IS erfordert eine bessere und ernsthaftere Zusammenarbeit zwischen den Ländern" (Iran und Afghanistan, Anm. d. Red.), so Abdullah. In den letzten Wochen mehrten sich Berichte und Aussagen von afghanischen Offiziellen, die das bestätigen.

Keine bevorstehende Gefahr

Experten können diese Sorgen jedoch nicht teilen. Borhan Osman vom Afghan Analysts Network sieht die Berichte über die IS in Afghanistan kritisch. "Es ist zu früh, um zu beurteilen, ob der IS in Afghanistan an Boden gewinnt", sagt Osman. Der IS sei keine bevorstehende Bedrohung. Vielmehr führten Konflikte innerhalb der Führungsriege der Taliban in letzter Zeit dazu, dass sich diese abspalteten und eigene Milizen bildeten. Einige davon trugen zum Zeichen der Abgrenzung andere Bekleidung und andere Fahnen. Abdul Khaliq Noorzai, der Distriktverwalter in Khake Safed habe mehrmals betont, Kämpfer mit IS-Flaggen gesehen zu haben. Gleichzeitig gab er zu, dass diese Gruppe von Kämpfern sich nach einem Streit zwischen zwei Taliban-Kommandeuren abspaltete. "Nach dem Streit hat einer der beiden einen ehemaligen Mudschaheddin-Stützpunkt übernommen und trainiert seitdem eigene Milizen. Ihre Zelte tragen schwarze Fahnen", so Noorzai. Das bestätigt die Aussage Osmans, der eine Ausweitung der IS in Afghanistan für unwahrscheinlich hält. "Der IS inspiriert vielleicht einige Kämpfer in der Region, aber die eigentliche Präsenz der IS bleibt in ihrem ursprünglichen Knotenpunkt in Syrien und im Irak".

Der afghanische Analyst und Taliban-Kenner Waheed Mozhda bestreitet eine Existenz der IS in Afghanistan. Er sieht die Gerüchte um den Islamischen Staat als Panikmache. "Es ist wichtig, die Rolle der Geheimdienste zu bedenken", sagt Mozhdah. "Der afghanische Geheimdienst übertreibt bei den Gefahren, um die ausländischen Truppen auch nach 2016 im Land zu halten und die finanziellen Hilfen wieder ansteigen zu lassen". Laut Mozhdah solle Angst geschürt werden, damit Afghanistan international nicht wieder vergessen werde. Leider wirke sich diese Angst jedoch auf die Bevölkerung aus. Anders als die vorherige Regierung, die immer versucht hat die Taliban menschlich darzustellen, werde nun Schrecken verbreitet.

Talibananschlag auf einen Bus in Kabul (Foto: REUTERS/Omar Sobhani)

Jahre des Terrors - Die Taliban haben Afghanistan viel Leid zugefügt

Sind die Taliban das geringere Übel?

Für viele Afghanen sind die IS-Kämpfer ein Horrorszenario. Angesichts dessen, dass die Afghanen seit Jahrzehnten unter dem Terror der Taliban leiden, ist das überraschend. "Es ist plausibel, dass die Taliban im Vergleich nun moderat und entgegenkommend wirken", sagt Borhan Osman.

Der Unterschied zwischen der IS und den Taliban ist sehr groß. Afghanistan und Pakistan haben ihre eigenen einheimischen militanten Gruppen, die durch eine lokale Dynamik gesteuert sind und sich auf die Grenzen des jeweiligen Landes beschränken. Das unterscheidet sie von der IS-Gruppe, die ein weltweites Kalifat anstrebt. Die afghanischen Taliban respektieren Ethnien und religiöse Unterschiede, welche die IS nicht akzeptiert, erklärt Osman. "Von allen dschihadistischen Gruppen haben der IS und die Taliban die wenigsten Gemeinsamkeiten".