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Nahost

Angst vor Chaos im Jemen

In dem südarabischen Land ist Gewalt auf dem Vormarsch. Die Regierung in Sanaa kämpft an mehreren Fronten - und hat bereits die Kontrolle über einzelne Landesteile verloren.

Jemenitische Soldaten (Foto: DW/Klaus Heymach)

Der Jemen wird immer unsicherer - nicht nur für Touristen

"Allahu akbar", ruft der Bärtige mit dem verwegenen Blick und tritt auf die Bremse. Als sein Jeep vor einer Gruppe Ausländer zum Stehen kommt, zündet er den Sprengsatz. Die schwere Explosion reißt zwei Geländewagen in Stücke. Auftrag erfüllt: Die Ungläubigen sind tot.

Szenen aus dem Film Die verlorene Wette, Rozana Productions (Pressefoto)

Gegen Gewalt: der erste Spielfilm in der Geschichte des Jemen

Die spektakuläre Szene stammt aus einem Film - dem ersten
abendfüllenden Spielfilm, den ein jemenitisches Team je produziert hat. Mit viel Action und Dramatik warnt er junge Männer davor, sich Fundamentalisten anzuschließen. Denn immer wieder ist der Jemen in den vergangenen Monaten von Terror und Gewalt erschüttert worden. Vor anderthalb Jahren starben acht spanische Touristen bei einem Selbstmordanschlag. Im September 2008 kamen 16 Menschen bei einem Angriff auf die amerikanische Botschaft ums Leben. Und nun wurden schon wieder Ausländer tot aufgefunden.

Sicherer Hafen für Islamisten


"Wir wollen mit dem Film die Jugend erreichen, auf sie haben es die Extremisten abgesehen", sagt Regisseur Fadl al-Olofi. "Sie werben gezielt um junge Männer, die keine Arbeit haben und kein Geld. Sie wollen sie in den Jihad schicken gegen die Ungläubigen." Der 39-jährige Filmemacher bekam das Geld für diesen Aufklärungsfilm von der Regierung. Lange galt das Land als Rückzugsgebiet für Islamisten. Sie blieben unbehelligt, und dafür verübten sie auch keine Anschläge auf jemenitischem Boden.

Doch dieses Stillhalteabkommen gilt nicht mehr, wie Präsidentenberater Faris Sanabani sagt. Die Regierung habe verstanden, dass sie den "Terror ausrotten" müsse: "Eine andere Option gibt es nicht." Der Kampf gegen Extremismus und Gewalt werde aber weiter Opfer fordern, warnt Sanabani: "Erst mal wird es schlimmer werden im Kampf gegeneinander, bevor es dann aufwärts geht."

Armut die Ursache für Gewalt



Jemenitische Soldaten (Foto: DW/Klaus Heymach)

Der Jemen kämpft an allen Fronten - mit dürftigen Mitteln

Sanabani berät den Staatschef in Medienfragen. Außerdem gibt er den "Yemen Observer" heraus, eine englischsprachige Zeitung. Themen wie Terrorismus, Gewalt und Entführungen sind keine Tabus für das Blatt. "Unsere Herausforderung ist die Wirtschaft", sagt Sanabani. "Das Bevölkerungswachstum ist hoch, es kommen wenig Investitionen ins Land, unser Ruf in den Medien ist katastrophal." Armut und Hunger schafften Hass, Neid und Unzufriedenheit, sagt der Präsidentenberater.
"Das Wichtigste sind jetzt Investitionen und Jobs."

Sanabanis Vorgesetzter, Präsident Ali Abdallah Saleh, regiert in Sanaa seit 30 Jahren. 1990 hatte er den von Stämmen geprägten Nordjemen mit dem sozialistischen Süden vereinigt, geschickt erkaufte er sich die Loyalität konkurrierender Clans. Doch in Zeiten wirtschaftlicher Not fehlt dafür das Geld, und Salehs Rückhalt schwindet. Die Regierung kämpft an mehreren Fronten.

Für den Sozialisten Aiderus al-Nagib sind die Probleme im Land
unübersehbar. "Der Staat ist in der Krise", sagt der Fraktionschef.
Der Krieg gegen die schiitischen Rebellen im Norden gehe weiter, im Süden forderten immer mehr Menschen eine neuerliche Abspaltung. "Die Menschen wissen ja nicht einmal, wovon sie leben sollen", sagt Nagib. "Die Regierung ist weder in der Lage, Entführungen zu verhindern, noch tut sie etwas gegen die Korruption. Und wenn sie es für nötig hält, dann macht sie
sogar gemeinsame Sache mit den Leuten von El Kaida."

Angst vor neuem Somalia

Jeministische Hauptstadt Sanaa (Foto: DW/Klaus Heymach)

Der Jemen ist das ärmste Land im Nahen Osten

Im vereinigten Jemen spielt Nagibs Partei, die frühere Einheitspartei des Südens, keine große Rolle mehr. Auch die übrigen Oppositionsparteien seien kaum in der Lage, die korrupte Regierung abzulösen, sagt der Politikwissenschaftler Abdallah al-Faqih von der Universität in Sanaa. Die zahlreichen Einflussgruppen blockierten sich gegenseitig, und dem Präsidenten gelinge es nicht mehr, alle einzubinden, sagt der Politologe. Staatschef Saleh wirft er vor, auf seinem Sessel zu kleben. "Wenn dieses Regime an der Macht festhält und sich nicht bewegt, dann fallen die Regionen nacheinander in die Hände lokaler Führer, wie in Somalia."

Das hieße: Bürgerkrieg und Staatszerfall. Die Gebirgsregion im Norden, in der die Deutschen nun Opfer blutiger Gewalt wurden, ist in den Augen Faqihs ein erstes Beispiel dafür. Noch ist unklar, auf wessen Konto die Entführungen gehen. Möglicherweise kämpft die Regierung hier an mehreren Fronten. Gegen sunnitische Extremisten der El Kaida auf der einen Seite und gegen Anhänger des Huthi-Clans auf der anderen Seite. Diese schiitischen Rebellen kämpfen seit fünf Jahren gegen die Regierung, die ihnen vorwirft, mit Unterstützung des Irans einen schiitischen Gottesstaat errichten zu wollen.

In Wahrheit habe die Regierung die Provinz längst aufgegeben, fürchtet Abdallah al-Faqih. "Ich bin da ganz pessimistisch: Wirtschaftlich geht es weiter bergab, das führt zu mehr Gewalt – von Al-Qaida und von anderen."

Autor: Klaus Heymach

Redaktion: Mahmoud Tawfik