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Globale Zusammenarbeit

Angst vor Arbeitslosigkeit

Gesetze sollen in Deutschland die Mitbestimmung der Arbeitnehmer garantieren. Doch in Krisenzeiten sieht die Realität oft anders aus. Das mussten die Mitarbeiter eines Call-Centers in Dresden erleben.

Nordrhein-Westfalen/ ARCHIV: Ein Mann steht in Gladbeck im Flur des Arbeitsamtes und schaut aus dem Fenster (Foto vom 07.06.04). Die Bundesagentur fuer Arbeit gibt am Dienstag (03.01.12) in Nuernberg die Arbeitslosenzahlen fuer Dezember und das Gesamtjahr 2011 bekannt. Experten rechnen mit einem Anstieg der Arbeitslosigkeit von November auf Dezember um 60.000 bis 90.000 auf etwa 2,8 Millionen Personen. (zu dapd-Text) Foto: Oliver Stratmann/dapd

Bundesagentur gibt Arbeitslosenzahlen fuer Dezember und 2011 bekannt

Beate Radeberg hat wenig Zeit. Nur auf einen Sprung kann sie ins Gewerkschaftsbüro in die Dresdner Innenstadt kommen. In einer Stunde muss sie an ihrem Arbeitsplatz im Call–Center sein. Tag für Tag beantwortet sie Anrufe von Kunden eines Telekommunikationsunternehmens. Telefonieren im Akkord: sieben Minuten darf ein Kundengespräch dauern. Bei acht Stunden am Tag macht das etwa 70 Telefonate.

Wenn jemand länger brauche, müsse sie das durch kürzere Gespräche wieder wettmachen. "Das kann schon sehr nervig sein", erzählt sie, "vor allem weil nicht alle Anrufer die Grundregeln der Höflichkeit beherrschen." Beate Radeberg ist diejenige, die antworten muss, wenn jemand anders einen Fehler gemacht hat: Wenn ein Gerät nicht funktioniert, eine Rechnung falsch ist, eine Lieferung nicht eingetroffen ist. "Viele sind ja zu Recht verärgert", sagt sie. "Aber manche Leute rufen auch einfach nur an, weil sie mal jemanden beschimpfen wollen."

Angst vor Kündigung

Arbeitsplatz im Callcenter in Pforzheim aufgenommen im April 2011 von Mathias Bölinger

Schlechte Arbeitsbedingungen im Call-Center

Ganz besonders aber nervt sie das Chaos in der Organisation: ständig wechselnde Schichten, plötzliche Anrufe am Wochenende, weil sie kurzfristig einspringen muss. Zusätzliche Belastungen an diesem Arbeitsplatz. Sie findet, das müsse nicht sein. Vor etwas mehr als einem Jahr beschloss sie deshalb gemeinsam mit mehreren Kollegen, etwas zu unternehmen.

Sie wollten einen Betriebsrat gründen, eine im Gesetz garantierte Mitarbeitervertretung mit Rechten und Pflichten bei der Gestaltung der Arbeit im Betrieb. Obwohl durch eine solche Initiative keine Nachteile entstehen dürfen, waren Beate Radeberg und ihre Kollegen vorsichtig. "Wir wussten, dass es schon mal Versuche gegeben hat, einen Betriebsrat zu gründen", erzählt sie. "Aber von den Mitarbeitern, die damals dabei waren, ist keiner mehr da.“

Der Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), Michael Sommer, spricht am Dienstag (01.05.12) in Stuttgart waehrend der zentralen Kundgebung des DGB zum 1. Mai. (zu dapd-Text) Foto: Daniel Maurer/dapd

Gewerkschaft kämpft für gerechte Löhne und soziale Sicherheit

Beate Radeberg heißt nicht wirklich Beate Radeberg. Dass sie einen Betriebsrat gründen wollte und Mitglied in der Gewerkschaft ist, verschweigt sie ihrem Arbeitgeber lieber. Niemand darf in Deutschland gekündigt werden, weil er oder sie Mitglied in einer Gewerkschaft ist. Doch auch Gudrun Schmiedgen, Gewerkschaftssekretärin von ver.di in Dresden, rät ihren Mitgliedern zur Vorsicht. "Wirklichen Kündigungsschutz gibt's nirgends", sagt sie.

Sie habe schon oft erlebt, dass missliebige Mitarbeiter unter einem Vorwand gekündigt wurden, habe erfahren wie lange es dauert bis eine Kündigungsschutzklage vor dem Arbeitsgericht entschieden ist, und am Ende bleibe es oft dabei: der Beschäftigte stehe auf der Straße. Ihre Aufgabe ist es, Mitarbeitern zu helfen, wenn sie einen Betriebsrat gründen wollen. Damit die Initiatoren anonym bleiben können, so lange der Betriebsrat noch nicht gewählt ist, kann sie Mitarbeiterversammlungen einberufen und die Wahl vorbereiten. Genau das tat sie auch im Fall von Beate Radeberg.

Arbeit für den Mindestlohn

500 Kilometer sind es von Dresden nach Pforzheim, wo der Arbeitgeber von Beate Radeberg, die Firma DV-COM, ihre Zentrale hat. DV-COM betreibt im Auftrag von mehreren großen Telekommunikationsunternehmen deren Kundendienst. Über ein Dutzend Großraumbüros verteilt sitzen Mitarbeiter vor Arbeitsplätzen, die mit rotem Filz bespannt sind.

Der Stoff dämpft ein wenig das Stimmengewirr, trotzdem dreht man sich als Besucher ständig um: "Guten Tag, was kann ich für sie tun" schallt es aus jeder Ecke. Der Besucher ist nicht gemeint. Die Mitarbeiter sprechen in ihre Headsets und protokollieren gleichzeitig das Gespräch in einem elektronischen Formular. "Wir heben uns von den üblichen Call-Centern ab, weil es bei uns nicht diese Kaninchenställe gibt", sagt Dieter Gretzschel, der Inhaber von DV-COM, nicht ohne Stolz. "Platz an Platz mit einem Meter zwanzig Abstand." Bei DV-COM bemühe man sich um eine gute Arbeitsatmosphäre. Aufgelockerte Büros gehören dazu, noch wichtiger aber: DV-COM bezahle seine Mitarbeiter anständig.

Dieter Gretzschel, Inhaber der Firma DW-COM, Pforzheim, mit Zweigwerk in Dresden aufgenommen im April 2011 von Mathias Bölinger

Verteidigt seine Unternehmenspolitik: Dieter Gretzschel

Dieter Gretzschel ist ein Firmenpatron der alten Schule, blaues Sakko, die Haltung gerade, das weiße Haar gescheitelt. An den Wänden seines Büros hängen Bilder des Verpackungskünstlers Christo. Gretzschel legt wert auf die Feststellung, dass er sich seiner sozialen Verantwortung stelle. Niemand im Unternehmen verdiene weniger als acht Euro die Stunde. Das entspricht immerhin dem Stundenlohn, den die Gewerkschaften als Mindestlohn fordern. Viele Call-Center-Mitarbeiter in Deutschland verdienen weniger -in manchen Betrieben wird so wenig gezahlt, dass der Staat den Mitarbeitern noch Geld zuschießen muss, damit sie ihren Lebensunterhalt finanzieren können. Gretzschel dagegen betont gerne, wie sehr sich DV-COM von solchen Praktiken abhebt, dass der Betrieb Essens- und Fahrtkostenzuschläge zahle und sich auch an der Altersvorsorge der Mitarbeiter beteilige. Nur wenn es um Mitbestimmung in seinem Betrieb geht - dann wird Dieter Gretzschel kategorisch. "Der Kundenservicebereich erfordert eine sehr hohe Flexibilität", sagt er. "Gerade bei kleineren Projekten ist es in unserem Markt nicht möglich, immer Zustimmung einzuholen.“

Strategie der Angstmache

Schwierige Arbeitsbedingungen: Callcenter (Foto: Matthias Böhlinger)

Arbeitsplatz Call-Center

In Dresden sitzt Beate Radeberg im Gewerkschaftsbüro und sagt, sie seien wohl alle ein wenig naiv gewesen damals. "Wir dachten, naja begeistert werden sie nicht sein, aber was sollen sie machen." Doch die Geschäftsführung wusste, was sie machen soll. Als sie erfuhr, dass die Gewerkschaft einen Betriebsrat durchsetzen wollte, lud sie schnell selbst zu einer Versammlung ein. Betriebsräte seien von der Gewerkschaft ferngesteuert, erklärten leitende Angestellte den Mitarbeitern. Das würde dem Unternehmen schaden. Der Verlust von Arbeitsplätzen stand im Raum. Den Mitarbeitern sei mehrmals gedroht worden, den Standort Dresden zu schließen, sagt Radeberg -was die Firma bestreitet. Die Belegschaft stimmte jedenfalls gegen einen Betriebsrat. Äußerst aggressiv sei die Stimmung unter den Mitarbeitern gewesen -die Strategie der Angstmache sei aufgegangen. "Woraus setzt sich die Belegschaft eines Call-Centers zusammen?", fragt sie, um dann gleich die Antwort zu geben. "Das sind entweder Menschen, die nichts gelernt haben oder solche, die lange arbeitslos waren und deshalb nicht in ihre alten Berufe zurückfinden können."

Mathias Bölinger - Privatarchiv aufgenommen im März 2011 von Mathias Bölinger

DW-Reporter Mathias Bölinger

In der Gegend um Dresden liegt die Arbeitslosigkeit noch immer bei 12 Prozent, die Chancen, einen neuen Job zu finden, seien schlecht. Auch sie war schon einmal länger arbeitslos. Deshalb wird sie auch weiter vor ihren Kollegen geheim halten, dass sie damals für die Einrichtung eines Betriebsrats war -auch wenn das bedeutet, dass sie weiterhin mit Chaos in der Organisation, Stress und plötzlichen Anrufen aus dem Call Center rechnen muss, weil mal wieder jemand kurzfristig einspringen muss.