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Nahost

Angst und Solidarität mit den Ägyptern

In Ägypten haben sie viele Freunde. Doch nach der Gewalt der letzten Tage haben sie das Land vorerst verlassen. Zurückgekehrte deutsche Studenten berichten über ihre Erlebnisse in Polizeihaft und am Tahrir-Platz.

Ein Demonstrant in Kairo vor einem Panzer der ägyptischen Armee (Foto:dpa)

Ein Demonstrant in Kairo vor einem Panzer der ägyptischen Armee

"Nur vor den Sicherheitskräften habe ich mich nicht sicher gefühlt", sagt Alexander Plagge. Der 24jährige ist vergangene Woche aus Kairo zusammen mit anderen Deutschen in einem Jumbojet der Lufthansa nach Deutschland zurückgeflogen. Plagge war im vergangenen August in die ägyptische Hauptstadt gereist, um ein Jahr lang dort Arabisch zu lernen. Das Land habe ihn immer fasziniert, erzählt er. "In keinem anderen Land habe ich mich so schnell zuhause gefühlt wie in Ägypten." Doch dass er mit einem Notreisepass, einer Platzwunde am Kopf und schrecklichen Erinnerungen Kairo verlassen würde, das hätte er sich nie vorstellen können.

"Wir bringen dich um und sagen, es waren die Demonstranten"

Alexander Plagge vor den Pyramiden in Ägypten (Foto:privat)

Alexander Plagge vor den Pyramiden in Ägypten

Es war am Freitag, dem 28. Januar. Alexander Plagge wollte an die frische Luft, weil das Tränengas, das die ägyptische Polizei gegen die Demonstranten eingesetzt hatte, auch in seine Wohnung eingedrungen war. Er habe zwar gehört, dass demonstriert wurde, und dass es auch in seinem Wohnviertel zu schweren Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Polizei gekommen war. Von der Ausgangssperre als Reaktion auf die Massenproteste habe er aber nichts gewusst. Mit Kleinlastern und Bussen habe die Polizei die Menschen von der Straße weg ins Präsidium gekarrt. "Ganz willkürlich. Auch Frauen waren dabei", erzählt Alexander Plagge, der ebenfalls Opfer der Massenverhaftung wurde. Dass er den Polizisten mehrmals erzählte, er sei deutscher Staatsbürger sei und habe eigentlich mit den Demos nichts zu tun, nützte ihm wenig. "Bevor wir in die Busse geschubst wurden, hat man uns regelrecht beraubt", so Alexander Plagge. "Sie haben mir meinen Reisepass und meinen Geldbeutel weggenommen. Auf dem Präsidium konnte ich mich nicht ausweisen."

Dort sei er in Handschellen und mit verbundenen Augen zu einem Offizier gebracht worden, der Plagges Wunsch ignorierte, die deutsche Botschaft in Kairo anzurufen. Stattdessen "hat man mich mehrmals in den Bauch geschlagen und mit dem Einsatz von Elektroschocks bedroht, falls ich nicht kooperiere. Sie haben mir sogar mehrmals erzählt, dass sie sich überlegen, mich umzubringen und die Tat den Demonstranten in die Schuhe zu schieben." Erst nach sieben Stunden wurde der deutsche Student freigelassen. In dieser Zeit wurde Alexander Plagge Zeuge von Misshandlungen, wie er sagt. Er musste mit ansehen, wie eine große Zahl von Menschen "im Hof des Polizeipräsidiums in Handschellen und mit Augenbinden auf dem Boden knieten und mit Holz- und Eisenstangen brutal auf den Kopf geschlagen wurden."

Anfangs war die Euphorie

Mit Gewalt gehen ägyptische Polizisten gegen die Demonstranten vor (Foto:ap)

Mit Gewalt gehen ägyptische Polizisten gegen die Demonstranten vor

"Ich bin ziemlich sicher, dass einige der Inhaftierten ihren Verletzungen erlegen sind." Alexander Plagge hält kurz inne. "Ich hätte nie gedacht, dass eine Polizei so brutal gegen die eigene Bevölkerung vorgehen würde." Das hätte sich Melanie Biggeleben auch nie vorstellen können. "Dabei wollten die Menschen ja nur für ihre Rechte demonstrieren", sagt die Ethnologie-Studentin, die seit anderthalb Jahren in Kairo lebt und dort für ihre Magisterarbeit recherchiert. "Ich habe mich sogar gefreut, als die ersten Demos angekündigt wurden", erzählt sie. Die soziale Lage in dem Land sei so dramatisch, dass es sie gewundert habe, dass es nicht vorher schon sozialen Proteste dort gegeben hatte. "Mein Arabischlehrer zum Beispiel verdient umgerechnet 120 Euro im Monat und muss davon seine ganze Familie ernähren", erzählt sie.

Deshalb fühlte sich die 27jährige sofort solidarisch mit den Demonstranten. Erst als die ersten Schüsse fielen und die Plünderungen begannen, habe sie angefangen zu zweifeln. "Ich habe mich aber sehr sicher gefühlt. Auch wegen der vielen Wachen, die die Nachbarn geschoben haben", erzählt sie. Zudem seien viele ihrer ägyptischen Freunde bei ihr geblieben, um auf sie aufzupassen. "Als ich mitbekam, dass sie nicht einmal genau wussten, wie es ihren eigenen Familien geht, habe ich mich entschieden, nach Deutschland zurückzugehen." Damit sie ihren Freunden nicht zur Last falle, sagt sie.

Auch Alexander Plagge hat im aufgewühlten Kairo jener Tage die Hilfsbereitschaft der ganz normalen Ägypter erfahren. Aus dem Polizeigewahrsam entlassen, konnte er vor Erschöpfung nicht mehr nach Hause laufen und ist auf dem Bürgersteig eingeschlafen, erzählt er. "Dann kamen Passanten vorbei und haben mich bis zum nächsten Kiosk getragen." Danach habe man seine Kopfwunde behandelt und ihm zu essen und trinken gegeben.

"Bei meinen Freunden fühle ich mich sicher"

Ein ägyptischer Arzt versorgt verwundete Demonstranten (Foto:dpa)

Ein ägyptischer Arzt versorgt verwundete Demonstranten

Dieses Erlebnis hat Alexander Plagge sehr gerührt. "Ich bin zwar froh, dass ich nun in Deutschland die Sicherheit genießen kann. Ich weiß aber, dass meine ägyptischen Freunde diese Sicherheit nicht haben." Er musste sogar erfahren, dass zwei Bekannte von ihm ihr Leben durch Polizeigewalt verloren haben. Er und Melanie Biggeleben telefonieren jeden Tag mit ihren Freunden in Ägypten. Manche von ihnen nehmen immer noch an den Demonstrationen am Tahrir-Platz teil. Sie wollen, dass Menschenrechte und Demokratie endlich einen permanenten Platz in Ägypten finden, und dass die willkürliche Polizeigewalt in ihrem Land endlich aufhört.

Umso mehr seien manche ihrer ägyptischen Freunde vom Westen enttäuscht, erzählt Melanie. "Die Kommentare, die die Regierungen der EU oder der USA bisher abgegeben haben, sind allzu diplomatisch." Die Demonstranten hätten sich mehr Unterstützung erwünscht – "einfache klare Worte, die signalisieren, dass man nicht hinter Mubarak steht", sagt die junge Studentin. Sie und Alexander Plagge sind sich ganz sicher, dass sie, sobald sich die Lage beruhigt hat, wieder nach Ägypten fahren werden. Denn dort haben sie viele Freunde, die sie nicht zurücklassen wollen. "Die Menschen, die mir geholfen haben, haben sich sogar mehrmals für das Verhalten der Polizei entschuldigt. Bei diesen Menschen fühle ich mich sicher", so Alexander Plagge.

Autor: Khalid El Kaoutit
Redaktion: Thomas Latschan