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Europa

Angst um Kroatiens staatliche Werften

Auf Drängen Brüssels muss das künftige EU-Mitglied Kroatien die staatlichen Werften noch in diesem Jahr privatisieren. 60.000 Arbeitsplätze sind davon betroffen. Gibt es Hoffnung für die Schiffsbauindustrie?

Das Heck eines Schiffes. Davor ein Anker auf der Werft in Rijeka (Foto: Ognjen Alujevic)

Traditionsbranche Schiffbau vor dem Aus?

Es regnet in Strömen, ist kalt und schon fast dunkel. Um drei Uhr nachmittags verlassen die letzten Schweißer, Schlosser und Kranfahrer das riesige Gelände des Schiffswerks "3. Mai" in Rijeka. Die Werft ist die zweitgrößte in Kroatien. Und sie ist der Stolz der ganzen Hafenstadt. Die Werft beschäftigt etwa 3000 Arbeiter, aber alle 150.000 Einwohner der Industriestadt am Mittelmeer leben indirekt von ihr.

Ein 300-Tonnen-Kran in der Werft des Schiffbauunternehmens 3. Mai in Rijeka (Foto: DW)

Ein Koloss im Einsatz

"Das ist ein 300-Tonnen-Kran, der größte an der nördlichen Adria. Mit diesen drei Haken kann man das getragene Bauteil bis auf drei Millimeter genau positionieren", erläutert Schiffsbauingenieur Ivica Trinajstić und zeigt auf die Metallklötze, die vor der Fußballfeld-großen, halboffenen Betriebshalle liegen. Solch ein Bauteil, der fünfstöckige Wohnraum der Schiffsbesatzung, werde komplett am Boden zusammengebaut und dann auf den Rumpf gesetzt.

"Als ob ein Teil von mir gehen würde"

Ivica Trinajstic, Ingenieur bei der Werft 3. Mai in Rijeka (Foto: DW)

Der Ingenieur Ivica Trinajstic ist stolz auf jedes ausgelieferte Schiff

Trinajstić und sein Kollege Damir Mucić, beide Familienväter, stehen vor dem künftigen Heckteil eines Schiffes mit schon anmontiertem Propeller. Ein halbes Jahr dauere die ganze Produktion eines solchen Meereskolosses, erklärt Mucić: "Aus vielen Stahlplatten werden Teile zusammengebaut, die auf der Helling montiert werden. Wenn das Schiff dann ausgeliefert wird, ist es so, als ob ein Teil von mir gehen würde." Fast jeder, der mal einem Stapellauf beigewohnt hat, war zu mindestens den Tränen nah, sagt man in Rijeka.

Nur sind diese bewegenden Momente in den letzten zwei Jahrzehnten selten geworden. Bis zum Zerfall Jugoslawiens wurden in der damaligen Teilrepublik Kroatien, nach Japan und Süd-Korea, die meisten Güterschiffe weltweit gebaut. Jede der hiesigen fünf großen Werften - in Split, Rijeka, Kraljevica, Trogir und Pula - könnte auch heute noch zehn Schiffe im Jahr ausliefern. Doch das Auftragsbuch der Werft "3. Mai" weist Anfang 2010 lediglich fünf Bestellungen auf. Den meisten kroatischen Werften geht es nicht viel besser.

Warten auf Investoren

Neben dem weltweiten Einbruch des Schiffsbaus, leidet die Werft auch unter den Spätfolgen des Balkan-Krieges und der wirtschaftlichen Transformation in den 1990-er Jahren. Misswirtschaft und

Korruption

führten zur Verschuldung. Heute steht der gesamte kroatische Schiffsbau mit mehr als zwei Milliarden Euro bei ausländischen Banken in der Kreide.

Die Industrie wurde zuletzt vom Staat mit 40 Millionen Euro jährlich subventioniert. Deshalb fanden sich vor einem halben Jahr auch keine Käufer, als der Staat erstmals versuchte, die Betriebe zu privatisieren.

Zeljko Starcevic, Präsident der 3. Mai-Gruppe, des 105 Jahre alten Schiffswerks in Rijeka, in seinem Büro (Foto: DW)

Ungünstiger Zeitpunkt für Privatisierung - Direktor Zeljko Starcevic

Željko Starčević, Direktor der Werft "3. Mai", hofft beim nächsten Anlauf Mitte Februar endlich einen Investor zu finden: "Der neue Eigentümer und die Betriebe sollten für etwa 40 Prozent der Umstrukturierungskosten aufkommen." Beim ersten gescheiterten Versuch wollte Kroatien den Investoren einen Großteil der Verpflichtungen aufbürden. Jetzt müssten die Steuerzahler 60 Prozent der Altlasten tragen.

Tausende Arbeitsplätze in Gefahr

Vor allem einheimische Geschäftsleute zeigen inzwischen Interesse an den Werften. Unter Experten munkelt man, der Staat stehe dahinter, weil er sich einen Zusammenbruch der Schiffsbauindustrie nicht leisten könne.

Die Branche ist für ein Drittel des Bruttoinlandsprodukts verantwortlich und die Schiffsbaubetriebe zählen zu den wichtigsten Exporteuren des Landes. Noch vor ein paar Jahren, in Zeiten der boomenden Weltwirtschaft, war die Nachfrage nach Tankern groß. Doch viele der Profite, so sagt man hier, flossen damals

in die Koffer von Politikern und Vorstandsmitgliedern

.

Damit ist der Zeitpunkt der Privatisierung - mitten in der Wirtschaftskrise - aber ungünstig. Starčević sagt, dass die Privatisierung durch den bevorstehenden EU-Beitritt des Landes erzwungen sei, weil Kroatien sich Brüsseler Wettbewerbsregeln anpassen muss. Ein Niedergang der Industrie hätte aber verheerende Folgen. Am Schiffsbau, rechnet Starčević vor, hängen in Kroatien 60.000 Arbeitsplätze. Betroffen seien insgesamt 200.000 Menschen.

Abschied vom Jahrhundert der Schiffsbautradition

Damir Mucic, Ingenieur bei der Werft 3. Mai (Foto: Filip Slavkovic)

Der Ingenieur Damir Mucic ist Zweckoptimist

"Man spürt, dass die Lage nicht sehr gut ist", sagt auch Damir Mucić und hofft, dass der Schiffbau weitergeht. Sein "Wir werden es schon schaffen", klingt fatalistisch. Der 37-jährige Ingenieur arbeitet ebenso auf der Werft wie seine Ehefrau. Bei dem fünf Jahre älteren Kollegen Ivica Trinajstić war schon die Mutter in der Firma angestellt. Ob er sich wünschen würde, dass seine Tochter irgendwann auch hier arbeitet? "Wer weiß, was aus all dem hier wird, bis sie erwachsen ist. Ich habe es nie bereut. Wir hatten gute und schlechte Zeiten."

Das klingt nach Abschied von einem Jahrhundert der Schiffsbautradition in Rijeka. Experten meinen, nur ein Teil dieser Werft wird überleben können. Das gleiche gilt für das größte Schiffsbauunternehmen Kroatiens "Brodo-Split" sowie die kleineren "Brodo-Trogir" und "Kraljevica". Einzig "Uljanik" aus Pula hat es mit neuen Technologien rechtzeitig geschafft, sich trotz der billigeren Konkurrenz aus China und Korea zu behaupten und inzwischen Gewinne zu schreiben. Es ist ein kleiner Lichtblick am trüben Himmel über der kroatischen Adria.

Autor: Filip Slavković
Redaktion: Fabian Schmidt

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