1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

10 Jahre Krieg in Afghanistan

Angst statt Hoffnung

Alles sollte anders werden: Als die USA und ihre Verbündeten vor zehn Jahren das Taliban-Regime angriffen, hatten viele Afghanen die Hoffnung, dass es endlich vorbei sein werde mit dem Elend der unzähligen Kriegsjahre.

Archiv-Foto aus September 2010: Wähler werden von bewaffneten Sicherheitskräften untersucht (Foto: AP)

Das Vertrauen schwindet ...

Anlass zur Hoffnung gaben die vielen Versprechungen aus den USA - für viele Afghanen damals ein unbekanntes Land. Der Krieg sei nicht gegen das afghanische Volk gerichtet, sondern gegen die Terrororganisation Al Kaida und deren Verbündete, die Taliban, hieß es aus Washington. Das Regime von Taliban-Führer Mullah Omar solle durch eine von den Afghanen gewählte Regierung ersetzt werden. Der Wiederaufbau Afghanistans werde der Bevölkerung Sicherheit und Wohlstand bringen. Nach über 20 Jahren Krieg und Bürgerkrieg konnten die Menschen von solchen Versprechungen nicht genug bekommen.

Eine feierliche Rasur auf der Straße

Das Vertrauen in den Westen war groß, und die Stimmung war vielerorts euphorisch. Habibur Rahman aus der südafghanischen Taliban-Hochburg Kandahar kann sich noch gut an den Beginn der Intervention erinnern. Er war damals 15 Jahre alt: "Die Taliban wurden schnell besiegt. Wir wussten nicht, was nun folgen wird und waren unsicher. Aber wir hatten gleichzeitig auch die Hoffnung, dass sich ab jetzt alles zum Besseren wenden würde."

In Kabul bildeten sich nach dem Sturz des radikal-islamischen Regimes lange Schlangen vor den wenigen Frisörläden der Stadt, erinnert sich ein Bewohner der Hauptstadt: "Die Taliban verließen die Stadt über Nacht. Am nächsten Tag waren alle verschwunden. Dann gab es kein Halten mehr. Jeder wollte so schnell wie möglich den Bart loswerden, den die Taliban uns aufgezwungen hatten. Ich habe viele Männer gesehen, die sich öffentlich auf der Straße rasierten. Die Freude war riesengroß."

Die Taliban hatten die Bevölkerung während ihrer Herrschaft dazu gezwungen, nach ihren fundamentalistischen Idealen zu leben. Alle erwachsenen Männer mussten lange Bärte tragen. Die Frauen durften nicht arbeiten und Mädchen nicht zur Schule gehen. Sie durften das Haus nur in Begleitung eines männlichen Familienmitglieds verlassen. Musikhören, Fernsehen und Kino, Drachenfliegen und Ballspiele waren verboten.

Zwei afghanische Jungen mit einem roten Drachen auf einer Holzbrücke - Szene aus dem Film Der Drachenläufer nach dem gleichnamigen Roman von Khaled Hosseini (Foto: dpa)

Der Kinofilm "Drachenläufer" nach dem gleichnamigen Roman von Khaled Hosseini schildert auch die Bedeutung des Drachenfliegens in Afghanistan.

Die Menschen hatten nicht einmal das Recht, das anzuziehen, was sie gerne wollten, erinnert sich ein anderer Bewohner aus Kabul: "Ich hatte eine Lederjacke. Eines Tages ging ich an einem Talib vorbei. Er schrie mich an, zog mir die Jacke aus und riss sie in Stücke. Lederjacken, sagte er, würden aus Schweinehaut gemacht. Ein Muslim sollte so etwas nicht anziehen".

Ein unlösbares Rätsel

Es gab zu Beginn der westlichen Intervention tausende solcher Alltagsgeschichten. Sie handelten vom Leben unter den Taliban und erzählten von den unglaublichen, unmenschlichen Begebenheiten aus zwei Jahrzehnten Dauerkrieg. Doch damit sollte es nun endgültig vorbei sein, dachten viele Afghanen, nachdem das westliche Bündnis eingegriffen hatte.

Tatsächlich gab es besonders am Anfang Anlass zur Hoffnung: Es wurde zügig eine neue Verfassung erarbeitet, und im Jahr 2004 gab es die ersten demokratischen Wahlen in der Geschichte des Landes. Aus dem vom Westen bestimmten Übergangspräsidenten Hamid Karsai wurde ein vom Volk gewählter Präsident. Nur ein Jahr später wurde dann auch ein Parlament gewählt.

Dennoch hat sich die Sicherheitslage nach der großen Anfangseuphorie sehr schnell wieder verschlechtert. Von Jahr zu Jahr sterben mehr Menschen durch Krieg, Gewalt und Terror. 2011 markiert einen neuen, traurigen Höhepunkt: Nach Angaben der Vereinten Nationen wurden allein im ersten Halbjahr fast 1500 Zivilisten getötet.

Die Taliban-Bewegung ist zurück, und ein landesweiter Frieden ist wieder in weite Ferne gerückt. Viele in Afghanistan fragen sich nun, wie es möglich ist, dass die über 130.000 ausländischen Soldaten unter Führung der NATO nicht für Sicherheit, Stabilität und Ordnung im Land sorgen können?

Die Menschen können auch nicht verstehen, warum die mächtigsten Staaten der Welt die afghanische Regierung nicht dazu zwingen können, das Land gut zu regieren. Warum erlaubt das westliche Bündnis Wahlfälschung, Korruption und Vetternwirtschaft? Besonders bei der zweiten Präsidentschaftswahl 2009 wurde massiv gefälscht, doch Hamid Karsai wurde mit Zustimmung des Westens wieder vereidigt. Für viele Afghanen ist das ein unlösbares Rätsel.

Alltagsszene: Vater und Sohn reiten auf einem Esel, im Hintergrund versammeln sich Männer vor einer Mauer aus Lehm (Foto: AP)

Angst statt Hoffnung als Grundgefühl...

Ein neues Versprechen

Auch die Unzufriedenheit mit dem Wiederaufbau ist sehr groß. Während einige wenige Menschen in den vergangenen zehn Jahren sehr reich geworden sind, haben mehr als sieben Millionen Afghanen nach Angaben der Vereinten Nationen noch nicht einmal genug zu essen - und das, obwohl mehrere Milliarden Dollar ins Land geflossen sind.

Die große Hoffnung ist der großen Angst gewichen. Auch die Träume von Habibur Rahman aus Kandahar haben sich nicht erfüllt. "Damals dachte ich wirklich, dass sich alles verbessern wird. Es wurden so viele Versprechungen gemacht. Doch sie wurden nicht erfüllt. Die Sicherheitslage ist heute viel schlimmer als damals."

Viele Afghanen fürchten nun, dass die Taliban und die mit ihnen verbündeten Dschihadisten nach dem geplanten Abzug der internationalen Kampftruppen Ende 2014 zurückkehren könnten. Versprechungen der US-Regierung oder anderer Staaten, dass das afghanische Volk nicht wieder allein gelassen werde wie nach dem Abzug der sowjetischen Besatzungstruppen 1989, glaubt kaum noch jemand am Hindukusch. Es sind in den vergangenen zehn Jahren zu viele Versprechen gebrochen worden, ohne dass die betroffenen Menschen dafür jemals eine Erklärung bekommen hätten.

Autor: Ratbil Shamel
Redaktion: Sandra Petersmann