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Wirtschaft

Angst bremst Investitionen

Der Mord an einem Deutschen hat die deutsche Gemeinde in Saudi-Arabien in Unruhe versetzt, doch nicht in Panik. Sie hat gelernt, mit der Terror-Bedrohung zu leben. Der Investitionsstandort Saudi-Arabien aber leidet.

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Riad: Deutscher Geschäftsmann wurde auf offener Straße erschossen

Das Einkaufzentrum Jarir im östlichen Bezirk Al Hamra der saudischen Hauptstadt Riad ist bei westlichen Ausländern beliebt. Vor wenigen Tagen war dort ein Deutscher beim Verlassen einer Bankfiliale von noch unbekannten Tätern erschossen worden. Das Opfer soll nach Angaben saudischer Behörden Chef einer Catering-Firma der Fluggesellschaft Saudi Arabia Airlines gewesen sein. Diplomaten zufolge trägt das Attentat die Handschrift von islamistischen Terroristen. Es sei jedoch unklar, ob die Täter Verbindungen zur El Kaida Osama bin Ladens haben oder aus eigenem Antrieb gehandelt hätten, hieß es in Riad.

Serie von Anschlägen

Sollte es sich um die gezielte Erschießung eines westlichen Staatsangehörigen handeln, hätte die terroristische Bedrohung in Saudi-Arabien nach Beobachtung westlicher Diplomaten eine neue Qualität erreicht, die dem Land und den dort tätigen ausländischen Unternehmen auch wirtschaftlichen Schaden zufügen könnte. Erst Anfang Mai waren bei einem Terroranschlag in der Hafenstadt Janbu am Roten Meer fünf Mitarbeiter des schweizerischen Petrochemieunternehmens ABB getötet worden. Die Attentäter hatten einen der Getöteten an die Stoßstange eines Autos festgebunden und hinter sich hergeschleift. Bei einer Serie von Selbstmordanschlägen auf den Wohnkomplex Muhaja in Riad, in dem viele Ausländer wohnen, waren im vergangenen Jahr etwa 50 Menschen getötet worden. Als Drahtzieher gilt die El Kaida.

Die deutsche Botschaft in Riad riet erneut, dass alle Deutschen in Saudi-Arabien die Notwendigkeit ihres Aufenthaltes prüfen sollen. Wie DW-WORLD aus gut unterrichteten Kreisen erfahren hat, haben die Anschläge in der deutschen Gemeinde Unruhe ausgelöst, aber keine Panik. Einen Massenexodus von Deutschen wird es nicht geben. In Saudi-Arabien leben insgesamt 1400 Deutsche, davon in Riad etwa 500. Wegen der außergewöhnlich guten Verdienstmöglichkeiten gilt Saudi-Arabien nach wie vor als attraktiver Arbeitsplatz.

Bedrohungslage akzeptiert

Die meisten Deutschen hätten sich mit der Bedrohungslage arrangiert, heißt es in Riad. Zusammen mit anderen westlichen Ausländern leben sie in schwer gesicherten Wohnanlagen. Die waren schon immer von hohen Mauern umgeben und sollten nicht nur für Sicherheit sorgen, sondern vor allem vor Blicken von außen schützen. Zur einheimischen Bevölkerung, die gewöhnlich den Regeln des strengen wahhabitischen Verhaltenskodex unterliegt, haben die Ausländer kaum Kontakt. In legerer Kleidung am Pool liegen oder Alkohol trinken ist in den luxuriösen Wohnanlagen kein Problem.

Nach der Anschlagserie und der Ankündigung Bin Ladens, alle Ausländer aus dem Land zu vertreiben, wurden die Sicherheitsvorkehrungen extrem verschärft. Zwischen 40 und 100 Soldaten sichern inzwischen eine Wohnanlage mit 100 Häusern. Stacheldrahtbarrieren wurden errichtet, die Zufahrt mit Betonpfeilern versperrt, die National Garde patroulliert mit Schützenpanzern. "Wenn sie in ein solches Viertel hinein wollen, fahren sie erst Mal auf ein Kanonenrohr zu", sagt Jochen Münker, Referatsleiter Nah- und Mittelost beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK). "Die Sicherheitslage hat sich in Saudi-Arabien zunehmend verschlechtert. Das bremst Investitionen in dem Land, das viel Potenzial bietet, auch für Deutschland", so Münker im Gespräch mit DW-WORLD.

Kolumbien und Südafrika gefährlicher

Dabei ist die empfundene Bedrohung nach Ansicht von Experten größer als die tatsächliche. "Ich halte Kolumbien, wo ständig ausländische Geschäftsleute entführt werden, oder Südafrika, wo eine hohe Kriminalitätsrate herrscht, für gefährlicher als Saudi Arabien", sagt Münker. Der Geschäftsführer des Arbeitskreises für Sicherheit der Wirtschaft, Berthold Stoppelkamp, glaubt, die Angst vor Sicherheitsanschlägen kann Vertragsverhandlungen ins Stocken geraten lassen. "Deutsche Geschäftsleute sehen sich dabei oft in der Zwickmühle. Fahren sie in die Region, gehen sie eventuell eine hohes persönliches Risiko ein. Sagen sie die Reise ab, ist die Frage, wie Geschäftspartner das auffassen und ob sie sich beleidigt fühlen", so Stoppelkamp.

Wieviel die Unternehmen in Sicherheit investieren, dazu gibt es keine statistischen Erhebungen, außerdem halten sich Firmen dazu sehr bedeckt. "Die allgemein verbreitete Ansicht, dass die Unternehmen nach dem 11. September ihre Investitionen in Sicherheitsmaßnahmen wie Überwachungspersonal oder Gebäudeschutz stark gesteigert haben, stimmt nicht", sagt Stoppelkamp. Gestiegen seien allerdings die Kosten, die indirekt mit der gestiegenen Bedrohungslage zusammenhängen. "Wenn Sie in der Unternehmenszentrale immer wieder Katastrophenübungen bei möglichen Terroranschläge machen, oder Mitarbeiter für Reisen in unsichere Gebiete schulen, dann stört das Betriebsabläufe und kostet Geld", so der Sicherheitsexperte Stoppelkamp.

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