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Asien

Angriff der Todesengel

Der Drohnenkrieg in Afghanistan und Pakistan geht in unverminderter Härte weiter. Und das, obwohl es viele Hinweise gibt, dass immer wieder Zivilisten unter den Opfern sind.

In Gomal in der ostafghanischen Provinz Paktika hatten sich am Wochenende zahlreiche Menschen zu einer Demonstration versammelt. "Wir wollen Gerechtigkeit!", riefen die Teilnehmer immer wieder. Ihr Protest richtete sich gegen die amerikanischen Drohnen-Angriffe im Land.

Anfang April fielen ihnen mindestens siebzehn Menschen in Paktika zum Opfer, wie unter anderen die New York Times berichtete. Zeugen zufolge fanden am selben Ort drei Anschläge innerhalb kürzester Zeit statt. Laut lokalen Dorfbewohnern handelte es sich bei allen Opfern um Zivilisten. Dieser Umstand wird allerdings sowohl von der Polizei als auch vom afghanischen Militär verneint. Beide behaupten weiterhin, dass ausschließlich militante Kämpfer getötet worden seien. Auch das US-Militär spricht von getöteten "Terroristen".

Jahrelanger Drohnenkrieg

Ein solches Szenario ist typisch in Afghanistan. Laut dem Bureau of Investigative Journalism (TBIJ), einer in London ansässigen Organisation, die sich ausführlich mit dem Drohnen-Krieg befasst, ist Afghanistan das am meisten von Drohnen bombardierte Land der Welt. Mindestens 1.670 Angriffe sollen sich allein im Zeitraum 2001 bis 2013 ereignet haben.

Männer stehen auf den Überresten eines pakistanischen Hauses nach einem Drohnenangriff 2008

Die Überreste eines pakistanischen Hauses nach einem Drohnenangriff

Genauere Daten als die Zahl der Drohnen-Angriffe im Land existieren jedoch kaum. Wie viele Menschen durch die "Todesengel", wie die bewaffneten Flugkörper von den Menschen in Afghanistan und Pakistan genannt werden, getötet wurden, ist unbekannt. Recherchen des TBIJ machten jedoch deutlich, dass es sich bei über achtzig Prozent der identifizierten Drohnen-Opfer in Pakistan um Zivilisten handelte. Lediglich vier Prozent von ihnen stammten aus einem Al-Kaida nahen Umfeld. Schätzungen zufolge wurden seit 2004 über 3.000 Menschen durch Drohnen-Angriffe in Pakistan getötet.

Vierjähriger Taliban-Kämpfer

Wie möglicherweise auch in Paktika werden oftmals Zivilisten zum Ziel und anschließend von Politikern oder Militärs als "Militante" oder "Terroristen" bezeichnet. Das zeigt ein Beispiel aus der östlichen Provinz Kunar: Im April 2013 wurden der vierjährige Amir und sein Onkel, der 25-jährige Abdul Wahid, gemeinsam mit dreizehn weiteren Menschen durch einen Drohnen-Angriff getötet.

Amir und Abdul Wahid waren auf dem Weg in ihr Dorf, nachdem sie im nahegelegenen Asadabad ein Krankenhaus aufgesucht hatten. Naqibullah, Amirs Vater, hatte beide vorausgeschickt und wollte später nachkommen. Doch als er zu Hause anrief, um sich nach Amirs und Abdul Wahids Ankunft zu erkundigen, erfuhr er die schreckliche Nachricht. "Ich konnte die Nachricht nicht ertragen und war ganz von Sinnen. Plötzlich kamen alle Erinnerungen hoch. Ich sah nur noch meinen Sohn und meinen Bruder vor mir, während ich in Tränen ausbrach", erzählt Naqibullah im Gespräch mit der Deutschen Welle.

Nachdem sich Naqibullah an das lokale Militär wendete, wurde ihm erklärt, dass sowohl sein Sohn als auch sein Bruder als getötete Taliban-Kämpfer betrachtet werden. "Dies gilt, solange Sie nicht das Gegenteil beweisen", hieß es. "Es ist absurd und verabscheuungswürdig, dass behauptet wird, mein Bruder sowie mein Sohn, ein vierjähriges Kind, seien Taliban-Kämpfer gewesen", so Naqibullah.

Ein Drohnenpilot vor Monitoren auf der Creech Air Force Base (Foto: dpa)

Die Piloten operieren oft tausende Kilometer entfernt vom Einsatzgebiet der Drohnen

Unabhängige Überprüfung kaum möglich

Warum das Militär solche Behauptungen aufstellt, ist unklar. "Es ist schwierig festzustellen, ob derartige Fälle auf absichtlichen Desinformationen beruhen oder auf Fehleinschätzungen. Meiner Erfahrung nach sind die Stellungnahmen von Polizei, Militär und Regierung die Hauptquellen für die journalistische Berichterstattung. Oft ist allerdings nicht klar, woher die genannten Akteure ihre Informationen erhalten", meint etwa Jack Serle vom TBIJ, der Drohnen-Angriffe in Afghanistan seit Jahren beobachtet. "Oft heißt es, dass die Informationen vom NDS, dem afghanischen Geheimdienst, stammen. Dieser wiederum bezieht sie von den Amerikanern. Allerdings scheint das auch nicht immer der Fall zu sein", fügt Serle hinzu. Es herrscht demnach vor allem Unklarheit.

Erschwerend kommt hinzu, dass viele Schauplätze, an denen sich Drohnen-Angriffe ereignen, kaum von Journalisten oder Menschenrechtsaktivisten aufgesucht werden. "Viele Gegenden, in denen diese Angriffe stattfinden, gelten als Todeszonen und werden gemieden. Dadurch entstehen falsche Informationen", meint etwa Waheed Mozhdah, ein politischer Analyst aus Kabul.

Unverminderte Intensität der Angriffe

In den letzten Wochen und Monaten haben die Berichte zu Drohnen-Angriffen in Afghanistan zugenommen. Allein am Freitag (15.04.2016) sollen in der Provinz Nangarhar abermals mindestens 46 Menschen getötet worden sein. Auch in diesem Fall wurde ausschließlich von getöteten Militanten berichtet. Ob das so ist, lässt sich nicht überprüfen.

Währenddessen ist für Naqibullah und den Demonstranten in Paktika allerdings klar, dass ihre Freunde und Verwandten unschuldige Menschen waren - egal, was in Washington und anderswo behauptet wird.

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