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Deutschland

Angriff auf Obdachlosen: Ein betäubtes Viertel

Der Übergriff auf einen Wohnungslosen in der Berliner U-Bahn geschah in einem Viertel, das für Multikulturalität steht. DW-Autor Jefferson Chase wohnt dort und hat sich in seinem Kiez umgehört.

Einmal mehr steht Deutschlands Flüchtlingspolitik unter Beschuss. Am ersten Weihnachtstag hatten sieben Männer in der Berliner U-Bahn-Station Schönleinstraße versucht, einen Obdachlosen anzuzünden. Alle sieben Tatverdächtigen sind als Flüchtlinge registriert, sechs von ihnen stammen aus Syrien, einer aus Libyen.

Ich lebe seit 17 Jahren im Norden von Neukölln, die Schönleinstraße ist von meiner Wohnung aus die nächste Haltestelle des öffentlichen Nahverkehrs. An der Bank, unten auf dem Bahnsteig, sind noch immer die Brandspuren der Attacke zu sehen. Der Anblick ist beunruhigend, widerlich, er macht wütend - nicht nur mich, sondern das ganze Viertel.

Glücklicherweise blieb der Mann unverletzt, weil ein aufmerksamer U-Bahn-Fahrer und Passanten die Flammen rechtzeitig löschten. Aber soll der Übergriff die Haltung Deutschlands gegenüber Asylbewerbern verändern?

Der Besitzer einer Döner-Bude am Ausgang der U-Bahn-Station sagt, dass die Verantwortlichen ausgewiesen werden sollten. Ein Kunde widerspricht. Wenn sie verurteilt werden, sollten sie in Deutschland ins Gefängnis kommen. So sehe es das deutsche Gesetz vor - auch für Leute, die irgendwann abgeschoben werden könnten.

Deutschland Berlin - Schönleistraße (DW/J. Chase)

Die Brandspuren an der Bank sind noch immer sichtbar

An einem Zeitungsstand erzählt eine gut gekleidete Frau, sie sei über Weihnachten nicht in der Stadt gewesen, habe aber von dem Vorfall gehört und sei bestürzt darüber. Die Eigentümerin des Ladens, dem Akzent nach gebürtige Berlinerin, wirkt ebenfalls fassungslos: Vielleicht seien die Tatverdächtigen traumatisiert und abgestumpft durch das, was sie in ihrer Heimat erlebt hätten, mutmaßt sie. Anders könne sie sich das nicht erklären. Mir geht es ähnlich.

"Idioten sind das Problem, nicht Migranten"

Der Norden Neuköllns ist ein türkisch geprägtes Arbeiterviertel, das seit einigen Jahren einer beachtlichen Gentrifizierung unterliegt: Inzwischen gibt es ebenso viele Bio-Supermärkte wie Wettbüros. Der "Türkenmarkt", der zweimal pro Woche am nahe gelegenen Maybachufer stattfindet, ist zur Touristenattraktion avanciert und gilt als Symbol der multikulturellen Hauptstadt.

Die Haltestelle Schönleinstraße spiegelt beide Seiten des Viertels wider. Am Mittwochmorgen atmet am Nordausgang ein offenbar berauschter Mann die Dämpfe ein, die von einem Stück Alufolie emporsteigen. Auf der anderen Seite der Station bietet ein Kiosk Pendlern Onigiri, japanische Reisbällchen und Cappuccino an. Es ist nicht ungewöhnlich, hier Gruppen nicht deutsch aussehender Jugendlicher zu sehen, aber Gewalt ist keineswegs an der Tagesordnung.

Am Südeingang hofft der etwa 60-jährige Peter mit einem Pappbecher in der Hand auf etwas Kleingeld. Natürlich habe er von der Weihnachts-Attacke gehört, aber ihn interessiere nicht, erklärt er mir, ob die Angreifer Migranten waren oder nicht: "Für mich sind das bloß Idioten. Mir ist es egal, ob sie Syrer, Türken oder Deutschen waren. Die Welt ist leider voll von solchen Idioten."

Auch er habe manchmal Angst, erzählt er, und er würde sich sicherer fühlen, wenn U-Bahn-Stationen bewacht wären. Aber um Geld zu sparen, würden längst nicht mehr alle U-Bahn-Haltestellen vom Sicherheitsdienst der Verkehrsbetriebe überwacht. Diese Aufgabe übernehmen inzwischen weitgehend Kameras.

Zwei sinnlose Gewaltakte

An der Schönleinstraße hält nur eine U-Bahn, die U8, die Berliner manchmal - halb im Scherz - "Ghetto-Linie" nennen. Denn sie verbindet Neukölln mit Wedding, einem weiteren Stadtteil, in dem die Einkommen niedrig sind und die Bevölkerung stark muslimisch geprägt ist. Die U8 war in letzter Zeit häufiger in den Nachrichten: Ende November trat ein Mann aus Bulgarien fünf Stationen südlich von Schönleinstraße eine Frau die Treppe hinunter.

Polizei in Berliner U-Bahn (picture-alliance/dpa/M. Gambarini)

Ein Anstieg von Gewalt in der U-Bahn sei statistisch nicht nachweisbar, so die BVG

Bei den Berliner Verkehrsbetriebe BVG heißt es, das seien Einzelfälle: "Die sorgen natürlich für große öffentliche Aufmerksamkeit", sagt BVG-Sprecher Markus Falkner. "Statistisch gesehen - und in solchen Zeiten muss man wirklich nüchtern auf die Zahlen schauen - gibt es keine negative Entwicklung für Gewalttaten in der U-Bahn insgesamt, und auch nicht in der U8", so der BVG-Sprecher.

Das passt zu meiner eigenen Erfahrung: Ich fühle mich nicht bedroht durch Migranten - weder in der Haltestelle Schönleinstraß, noch sonst wo in der U-Bahn. Dennoch ist der Medien-Effekt kaum von der Hand zu weisen, den die beiden Vorfälle ausgelöst haben - insbesondere wegen ihrer sinnlosen Unmenschlichkeit. 

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