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Afrika

Angespannte Lage im Sudan

Der Südsudan steht kurz vor seiner Unabhängigkeit. Derzeit verschärfen sich die blutigen Kämpfe in den Grenzregionen Abyei und Süd-Kordofan. Droht ein neuer Bürgerkrieg?

Demonstranten in Juba ballen die Fäuste und halten ein Banner hoch. (Foto: AP)

Südsudanesen protestieren gegen die nordsudanesische Militärpräsenz

Am 9. Juli wird der Südsudan ein unabhängiger Staat. Bisher gibt es für die Menschen aber kaum Grund zum Feiern. Entlang der zukünftigen Staatsgrenze mit dem Norden sind wieder gewaltsame Konflikte ausgebrochen, die bereits zahlreiche Todesopfer forderten. Mehr als 100.000 Menschen sind auf der Flucht. Die Lage ist so angespannt wie seit dem Ende des Bürgerkriegs vor sechs Jahren nicht mehr.

Krisenherd Abyei

Besonders umkämpft ist das Gebiet Abyei, dessen Status völkerrechtlich noch ungelöst ist: Truppen aus dem Norden halten die Grenzregion seit Mai 2011 besetzt. Sowohl die Regierung in Khartum als auch die Führung des neuen Südsudan in Juba erheben Anspruch auf das Gebiet. Ursprünglich sollten die Menschen in Abyei zeitgleich mit den Bewohnern des Südsudan im Januar über die Unabhängigkeit vom Norden abstimmen. "Weil man sich nicht einigen konnte, wer von den dort lebenden Menschen das Recht zu wählen hatte, fand die Abstimmung jedoch nicht statt", erklärt Andrews Atta-Asamoah vom Institute for Security Studies in Nairobi.

Menschen stehen an einem Wassertank Schlange. (Foto: EPA)

Viele Flüchtlinge in der Krisenregion haben keinen Zugang zu humanitärer Hilfe

In Abyei lebt vor allem die sesshafte südsudanesische Volksgruppe der Dinka-Ngok, doch in der Region lassen auch Nomaden aus dem Norden vorübergehend ihre Herden grasen. Beide Bevölkerungsgruppen befürchten, dass die Gegend dem jeweils anderen Landesteil zufallen könnte. Es ist ein Streit um Land und Wasser – und um Abyeis Erdöl.

Streit um Abyei strategisch motiviert

Landkarte Nordsudan und Südsudan (Grafik: DW)

Besonders umkämpft: Das Gebiet um die Stadt Abyei an der Grenze zwischen Nord- und Südsudan

Doch in dem Konflikt geht es für die Politiker im muslimischen Norden und im christlich geprägten Süden um mehr. Marina Peter vom Verein Sudan Forum vermutet, dass der Streit um Abyei auch strategisch motiviert ist. Denn Fragen wie die zukünftige Grenzführung und die Verteilung der Ressourcen zwischen Nord- und Südsudan seien noch immer ungelöst. Zudem wollten sich beide Seiten einen Vorteil für die noch ausstehenden Verhandlungen verschaffen, ist Marina Peter überzeugt.

Präsident Omar al-Bashir hat durch die bevorstehende Teilung des Sudan innenpolitisch an Ansehen verloren. Im Januar hatten 99 Prozent der Südsudanesen in einer Volksabstimmung dafür gestimmt, sich vom Norden abzuspalten. Der bisher größte Staat Afrikas verliert mit dem Süden rund ein Drittel seiner Fläche und den Großteil seiner Erdölvorkommen. Denn dass der Südsudan am 9. Juli seine Unabhängigkeit erklären wird, sehen Experten trotz der blutigen Gefechte nicht in Gefahr. Die Staatsgründung stehe aber unter schlechten Vorzeichen, sagt Andrews Atta Assamoah: "Es kann sein, dass der Status von Abyei bis Juli nicht geklärt werden kann. Das bedeutet, dass die neue Republik Südsudan einen Brennpunkt übernimmt, der zu Konflikten mit dem Norden führen wird."

Lage in Süd-Kordofan kritisch

Eine Gruppe von Flüchtlingen sitzt unter einem provisorischen Zeltdach. (Foto: dpa)

Zehntausende Menschen aus Süd-Kordofan sind auf der Flucht

Abyei ist nicht der einzige Brennpunkt im Sudan. Die ungelöste Krise in Darfur im Westen des Landes brodelt weiter, und seit zwei Wochen kämpfen auch im benachbarten Gebiet Süd-Kordofan, das ebenfalls an den Süden grenzt, die Soldaten des Nordens gegen Milizen aus dem Süden. "Einige Gegenden, die am Unabhängigkeitskampf gegen den Norden beteiligt waren, sind dort jetzt in der Schwebe. Denn sie gehören nach wie vor dem Norden und nicht dem Süden an", erklärt Konfliktforscher Andrews Atta-Asamoah. So sei auch der Status von Süd-Kordofan nach wie vor unklar.

Allein in der Region sind nach Schätzungen der UNO mindestens 60.000 Menschen auf der Flucht. Ihre Lage ist alarmierend, weil sie bisher von humanitärer Hilfe abgeschnitten sind. Eberhardt Hitzler vom Lutherischen Weltbund sagt, die Kommunikation nach Süd-Kordofan sei stark behindert und die Regierung in Khartum blockiere den Zugang. Man sehe aber, "dass es viele Hinweise darauf gibt, dass es sich bei den jüngsten Auseinandersetzungen nicht nur um Kämpfe zwischen bewaffneten Gruppen handelt, sondern dass auch die Zivilbevölkerung und insbesondere Christen gezielt verhaftet oder sogar erschossen werden."

Was kann die internationale Gemeinschaft tun?

Andrews Atta-Asamoah fordert eine Erhöhung des internationalen Drucks auf den Norden, damit die Regierung ihre Truppen aus Abyei abzieht. Außerdem brauche man eine internationale Beobachtermission, die überwacht, ob Flüchtlinge tatsächlich in ihre Heimat zurückkehren können. Ein Ende der Gewalt im Sudan sei nicht in Sicht, sagt Marina Peter vom Sudan Forum. Die internationale Gemeinschaft müsse sich auf einen langwierigen Prozess der Demokratisierung einstellen, so die Sudan-Expertin. Man habe aber auch Druckmittel zur Verfügung: "Die internationale Gemeinschaft muss beiden Seiten klar machen, dass die versprochenen Hilfen, wie ein Schuldenerlass oder die Streichung des Sudans von der Terrorliste, natürlich nicht passieren können, so lange weiter Krieg geführt wird."

Denn eine Rückkehr zum Bürgerkrieg ist das letzte, was die Menschen in Nord und Süd des krisengeschüttelten Sudan jetzt gebrauchen können. Ein vager Hoffnungsschimmer: Nach Angaben der Afrikanischen Union haben Nord- und Südsudan am Montag (20.06.2011) eine vorübergehende Einigung zum Rückzug ihrer Truppen aus der umstrittenen Grenzregion Abyei erzielt. Danach hat Äthiopien sich bereit erklärt, Truppen zur Überwachung des vereinbarten Waffenstillstands zu stellen. Ob die Bürger des neuen Staates Südsudan den Tag ihrer Unabhängigkeit in drei Wochen allerdings tatsächlich in Frieden feiern können - diese Aussicht bleibt zum jetzigen Zeitpunkt mehr als ungewiss.

Autorin: Gönna Ketels
Redaktion: Katrin Ogunsade

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