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Transatlantische Partnerschaft

Angela Merkels Amerika-Besuch mit Schrecksekunden

"Keine Liebschaft war es nicht", möchte man nach Angela Merkels erster Begegnung mit US-Präsident Donald Trump ausrufen. Das Ass der Kanzlerin war auch diesmal ihr Pragmatismus. Damit überwand sie sogar einen Affront.

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"Sendet ein schönes Bild zurück nach Deutschland!" - Donald Trump gibt sich jovial in seinem Reich. Mit Angela Merkel sitzt er im Oval Office des Weißen Hauses. Doch dann kippt die Stimmung für einen Moment. "Handshake!", rufen mehrere Fotografen, die auf starke Motive hoffen. Der US-Präsident reagiert nicht. Die Besucherin aus Deutschland beugt sich zu ihm hinüber, fragt leise: "Sollen wir Hände schütteln?" Trump antwortet nicht; die Bundeskanzlerin verzieht kurz das Gesicht.

Die Szene zum Auftakt illlustriert, wie schwierig sich für Merkel ihre erste persönliche Begegnung mit dem neuen Staatschef in Washington gestaltet - dem Mann, der mehr als ein Jahr lang ihre Flüchtlingspolitik als "Desaster" und als abschreckendes Beispiel geißelte, der ihr vorwarf, damit Deutschland zu "ruinieren".

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Kein Handschlag?

Was Merkel in solchen Augenblicken ausspielt, ist ihre souveräne Routine. Die Regierungschefin, die seit elf Jahren im Amt ist, verliert zwar für kurze Augenblicke die Kontrolle über ihre Mimik, und über ihr Antlitz huschen Reaktionen, die irgendwo zwischen Fassungslosigkeit und irritiertem Kopfschütteln angesiedelt sind - aber sie ist Profi genug, um all diesen Emotionen nur für eine Schrecksekunde Ausdruck zu verleihen. Sofort hat sie sich wieder unter Kontrolle und macht das, was sie sich vorgenommen hat. Im Fall von Donald Trump lautet ihr Motto: Besser miteinander reden als übereinander. Soll heißen: Die Kanzlerin ist für Provokationen nicht zu haben.

USA - Donald Trump trifft Angela Merkel (Reuters/J. Ernst)

Trump streckt bei der Pressekonferenz dann doch die Hand aus

Dass dieses Rezept auch beim mächtigsten Mann der Welt offenbar wirkt, erweist sich später bei der großen Pressekonferenz. Nun ist es auf einmal Donald Trump, der die Hand ausstreckt. Beide haben, wie Reporter notieren, eine Arbeitsebene gefunden. Vorher war viel von Kooperation die Rede. Der US-Präsident unterstrich erneut seine "starke Unterstützung" für die NATO, dankte Merkel für ihre - vorsichtige - Zusage, eine Erhöhung des deutschen Verteidigungsbudgets auf zwei Prozent anzustreben, lobte den Bundeswehreinsatz in Afghanistan. Merkel wiederum sagte: "Wir kämpfen gemeinsam gegen den Terror."

Dass die beiden jemals unbefangen miteinander umgehen werden, ist fürs erste nicht zu erwarten. Nicht nur ihr Auftreten könnte unterschiedlicher kaum sein, auch inhaltlich tun sich Gräben auf, die dieser Besuch zum Kennenlernen erwartungsgemäß nicht einebnen konnte. Trump betont: Einwanderung sei "ein Privileg, kein Recht" - sein gerichtlich gestopptes Einreisedekret sieht vor, die Aufnahme von Flüchtlingen zeitweise auszusetzen. Merkel dagegen sagt, illegale Migration müsse in Kooperation mit Nachbarstaaten gesteuert werden - und wirbt dafür, durch Hilfe für Bürgerkriegsländer den Flüchtlingen "vor Ort Lebenschancen" zu verschaffen.

USA - Donald Trump trifft Angela Merkel (picture-alliance/AdMedia/CNP/P. Benic)

In der Runde mit den Wirtschaftsbossen wirkt die Stimmung gelöst

Deutlich werden auch die Differenzen in der Handelspolitik. Zwar erklärt Trump: "Ich will Fairness, keine Siege". Doch die USA pochen hier auf ihre eigene Deutung von Fairness. Die Sorgen, dass mit diesem Präsidenten eine neue Ära des Protektionismus anbrechen könnte, werden an dem Tag nicht gedämpft. Merkel, die mit den Chefs von Siemens, BMW und Schaeffler anreiste, macht dem Ex-Firmenboss klar: "Deutsche Unternehmen haben 810.000 Arbeitsplätze in Amerika zu verantworten. Wir haben Direktinvestitionen von über 270 Milliarden Dollar in den Vereinigten Staaten."

Womöglich leuchtet in diesem Zitat die Strategie der deutschen Seite auf: Nicht als Bittsteller auftreten, aber auch nicht laut polternd und fordernd. Angriffe nicht mit Gegenangriffen erwidern, jedenfalls nicht vor laufenden Kameras. Und: Die andere Seite nicht mit Appellen bedrängen, sondern die Fakten sprechen lassen.

USA - Donald Trump trifft Angela Merkel (picture-alliance/AdMedia/CNP/R. Sachs)

Zumindest das Eis ist gebrochen

Auch wenn es keine innigen Umarmungen gab bei dieser Washington-Reise der Kanzlerin - Merkel hat allem Anschein nach einen Weg gefunden, mit der zunächst diffusen, dann unbequemen Lage fertig zu werden, die durch den Machtwechsel auf der anderen Seite des Atlantiks entstand. Sie tut das, was sie schon in der berühmten Elefantenrunde des deutschen Fernsehens tat, als Noch-Regierungschef Gerhard Schröder sie vor laufenden Kameras abkanzelte - kurz bevor Merkel ihn im Amt ablöste. Sie wartet gelassen ab und vertraut einstweilen auf ihre Stärken.

jj/jv (dpa, afp, rtr)

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