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Wahlforschung

Angela Merkel führt in den Umfragen: Stimmen die Zahlen?

Demoskopen in den USA und Großbritannien hatten sich bei Donald Trump und dem Brexit verschätzt. Wie sicher sind sich Wahlforscher in Deutschland bei der Bundestagswahl?

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Hohe Zahl unentschlossener Wähler vor Bundestagswahl

Die Bundestagswahl in Deutschland hat zwei Gesichter. Die meisten Beobachter erklären das Rennen um die Spitze für beendet, da Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mit rund 15 Prozent vor dem sozialdemokratischen Herausforderer Martin Schulz liegt. Aber es gibt Skepsis, wie verlässlich die Umfragen vor dem eigentlichen Wahltermin wirklich sind.

Denn bei vergangenen wichtigen Wahlentscheidungen wie dem Brexit-Referendum in Vereinigten Königreich oder der US-Präsidentenwahl scheiterten die Demoskopen: Sie konnten weder Donald Trumps Wahlsieg noch das Votum zugunsten eines Austritts aus der Europäischen Union vorhersagen.

Die Methoden der deutschen Wahlforscher basieren auf klassischen Telefonumfragen, durchgeführt von etablierten Instituten wie Infratest dimap und Forsa, die langjährige Kooperationen mit großen Nachrichtenmedien unterhalten. Neue Plattformen wie YouGov setzen dagegen auf Online-Umfragen. Die SPD setzt derzeit ihre Hoffnung in solche Umfragen, die zeigen, dass viele Wähler noch unentschieden sind. Aber Wahlforscher sagen: Diese Hoffnung ist vergebens.

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Das Interview mit Kanzlerin Angela Merkel

Warum sind deutsche Meinungsforscher sich so sicher?

"Es wäre die erste Wahl in der Geschichte der Menschheit, in der alle unentschiedenen Wähler mit wehenden Fahnen zu einer Partei laufen würden", sagt der Geschäftsführer von Infratest dimap, Nico Siegel, der Deutschen Welle: "Unsere neuesten Zahlen zeigen kein größeres Potential für die Sozialdemokraten als für die CDU/CSU."

Umfragen von Forsa zeigten, dass Wähler den Konservativen aktuell mehr Kompetenz in den meisten Themen zuschreiben als ihren Wettbewerbern. Selbst YouGov, die in ihrer Umfrage vom 6. September den Abstand zwischen der SPD und den Schwesterparteien CDU und CSU geringer bemessen, sehen stärkere Indikatoren zugunsten Merkels.

"Ich bezweifle den Vorsprung der CDU/CSU nicht", sagt der Forschungsleiter von YouGov, Holger Geissler, der DW: "Er wird von vielen Instituten unabhängig voneinander bestätigt. Es wäre für uns alle sehr überraschend, wenn Schulz das Defizit noch aufholen würde."

Warum sind die deutschen Demoskopen sich so sicher, obwohl ihre US-amerikanischen und britischen Kollegen so falsch lagen? Das liegt wohl in der Natur der verschiedenen Wahlen.

Brexit und Trump: Keine eindeutigen Ergebnisse

Nico Siegel sagt, ein Teil des Problems sei, dass Meinungsumfragen vor der Wahl mit tatsächlichen Prognosen verwechselt werden. Beim Brexit-Referendum in Großbritannien etwa war die Differenz zwischen dem Ja- und Nein-Lager in den letzten Umfragen vor der tatsächlichen Entscheidung so gering, dass die Meinungsforscher keine klare Vorhersage treffen konnten.

Bei Trumps Wahlsieg in den USA lagen die Umfragen mehr oder weniger richtig bei der tatsächlichen Volksabstimmung - Hillary Clinton hatte diese gewonnen. Aber sie hatten sich bei dem Wahlmänner-Kollegium verschätzt, das tatsächlich über die Präsidentschaft abstimmt.

"Sie hätten sagen sollen, dass sie keine klare Vorhersage treffen konnten", sagt der Leiter für politische Meinungsforschung von Forsa, Peter Matuschek, der DW: "In Deutschland hätten wir uns nicht getraut, auf einer Umfrage basierend die Sitzverteilung im Parlament vorherzusagen. Die Umfragen in den USA waren nicht schlecht, aber die Übersetzung in Wahlmänner war fehlerhaft."

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#DeutschlandWählt: Der Bundestag

Politische Umfragen können nur dann helfen, Sieger und Verlierer vorherzusagen, wenn sie den tatsächlichen Prozess der Wahl und die politische Landschaft widerspiegeln. Das wirft eine andere schwierige Frage auf.

Wie stark ist die AfD wirklich?

Es gibt beträchtliche Spekulationen darüber, ob die politischen Meinungsumfragen die tatsächliche Zustimmung für die rechtspopulistische Partei AfD (Alternative für Deutschland) herunterspielen. Derzeit liegt sie in Umfragen bei 11 bis 12 Prozent. Im vergangenen Jahr konnten Umfragen die größten Erfolge der AfD bei den Landtagswahlen nicht vorhersagen, 2017 aber waren sie bisher vergleichsweise akkurat.

"Wir gehen davon aus, dass wir die AfD in unseren letzten Zahlen korrekt dargestellt haben", sagt Siegel: "Die Differenz zwischen unserer finalen Meinungsumfrage und den tatsächlichen AfD-Wahlergebnisse (bei den letzten Wahlen) haben sich nicht groß unterschieden."

"Bei Online-Umfragen haben wir nicht das Problem, dass extreme Positionen zu wenig repräsentiert sind", erläutert Geissler. Auch YouGov schreibt der AfD aktuell eine Zustimmung von ungefähr 11 Prozent zu.

Matuschek stimmt dem zu, fügt aber hinzu, dass die AfD ein grundsätzliches Potential der Ungewissheit habe. Das liege an der Unbeständigkeit der Partei, der Tendenz, für Aufmerksamkeit in den Medien zu sorgen, und der Tatsache, dass die Partei erst 2013 gegründet wurde.

Geissler weist darauf hin, dass in Deutschland, wo Parteien selten die absolute Mehrheit erzielen und in der Regel Regierungskoalitionen bilden, eine Sechs-Parteien-Landschaft vieles "komplizierter" machen würde.

Kleine Parteien profitieren

Die Wahl am 24. September wird zwischen sechs Parteien entschieden, die um die Sitze im Parlament kämpfen. Nach dem Sonntag geht es darum, welche Koalition sich bildet, die den Bundeskanzler oder die Bundeskanzlerin stellt. Derzeit wird Deutschland von einer Großen Koalition aus CDU/CSU und der SPD regiert. In der Vergangenheit hatte das für die beiden Volksparteien immer eine Schwächung zur Folge.

Kleine Parteien "können profitieren", sagt Siegel. Geissler hat eine ähnliche Entwicklung in den vergangenen Umfragen festgestellt. "Ich kann mir vorstellen, dass sowohl die CDU/CSU als auch die SPD deutlich an Unterstützung verlieren werden", sagt er: "Der Trend geht zu kleineren Parteien - nicht nur in unseren Umfragen."

Die Schlüsselfrage für alle Parteien ist - vor allem für die großen -, wie sie ihre Wähler mobilisieren können. "Das Problem ist immer herauszufinden, wer tatsächlich zur Wahl geht", sagt Matuschek.

Die relativ große Zahl von Deutschen, die per Briefwahl abgestimmt haben, könnten etablierte Parteien bevorzugen. In jedem Fall, wird unabhängig davon, dass fast jeder Merkel als voraussichtliche Siegerin sieht, die spannende Frage bleiben, welche Koalitionen mathematisch möglich sind.

"Als Meinungsforscher ist es für mich unmöglich, eine Wahl langweilig zu finden", betont Siegel: "Wenn das so wäre, hätte ich den falschen Job."

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