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Deutschland

Angekommen, aber nicht anerkannt

Deutschland ist ihre Heimat, aber anerkannt fühlen sich viele nicht. Eine neue Studie zeigt, wie türkischstämmige Menschen über Religion und Integration denken. Mit sehr gemischten Ergebnissen. Aus Berlin Daniel Pelz.

Über manche Aussagen der Studie freuen sich sogar die Autoren selber. 90 Prozent der befragten Menschen mit türkischen Wurzeln in Deutschland fühlen sich in Deutschland wohl. 87 Prozent sagen: Wir sind mit Deutschland eng oder sehr eng verbunden. Im Fall der Türkei sind es zwei Prozent weniger.

"Das hatten wir so nicht erwartet", sagt Detlef Pollack, Sprecher des Exzellenzclusters "Religion und Politik" der Universität Münster. Rund 1.200 Einwanderer aus der Türkei und ihre Kinder hat ein Meinungsforschungsinstitut im Auftrag der Universität befragt.

Positivere Sicht als Ostdeutsche

Die Studie "Integration und Religion aus der Sicht von Türkeistämmigen in Deutschland" enthält noch mehr Überraschungen. In mancher Hinsicht schätzen die meisten Befragten die Lage in Deutschland noch besser ein, als viele Deutsche selber.

Gruppenbild der drei Autoren

Die Autoren der Studie: Prof. Dr. Detlef Pollack, Dr. Olaf Müller und Dr. Gergely Rosta (v.l.)

"Wenn man die Türkeistämmigen mit den Ostdeutschen vergleicht, fühlen sich die Ostdeutschen in der Bundesrepublik weitaus ungerechter behandelt als die Türkeistämmigen", so Pollack bei der Vorstellung der Studie in Berlin.

Doch wunschlos glücklich sind die Menschen mit türkischstämmigen Wurzeln - im Fachjargon "Türkeistämmige- nicht. 54 Prozent stimmen der Aussage zu: "Egal, wie ich mich anstrenge, ich werde nicht als Teil der deutschen Gesellschaft anerkannt".

Zu wenig türkischstämmige Chefs

Keine Überraschung für Gökay Sofuoğlu, Vorsitzender der Türkischen Gemeinde in Deutschland (TGD). Sein Verband vertritt rund 200 türkische Organisationen in der Bundesrepublik.

"Die Ergebnisse der Studie decken sich mit Beobachtungen, die ich tagtäglich mache", so Sofuoğlu im DW-Gespräch. Ablehnung und Diskriminierung - für viele türkischstämmige Einwohner sei das noch immer Alltag in Deutschland. Auch der berufliche Aufstieg ist noch immer schwer. "Wenn man sich Stadtverwaltungen, den öffentlichen Dienst oder Schulen anschaut - türkeistämmige Menschen in Führungspositionen sind darin immer noch sehr selten", sagt Sofuoğlu .

Auch die Forscher aus Münster empfehlen: Mehr Aufmerksamkeit für die besondere Lage der türkischstämmigen Menschen.

"Die Botschaft an die Mehrheitsgesellschaft muss sein, dass man hier sensibler mit den Problemen der Türkeistämmigen umgeht. Zugleich muss man aber auch sehen, dass sich viele Türkeistämmige in Deutschland sehr wohl fühlen", so Religionssoziologe Pollack.

Betende Männer in einer Moschee.

Die Hälfte aller Befragten hält den Islam für die einzige wahre Religion.

TGD-Chef Gökay Sofuoğlu sieht beide Seiten in der Pflicht. Mehr Respekt vor der türkischen Sprache, der Religion - und kommunales Wahlrecht für alle, die lange hier leben - das sind seine Forderungen an den deutschen Staat. Auch die türkischstämmigen Menschen und ihre Verbände haben aus seiner Sicht Hausaufgaben zu machen. "Die türkischen Verbände müssen sich mehr einbringen, mehr Loyalität zum deutschen Staat und zur deutschen Verfassung zeigen", so Sofuoğlu

Bereitschaft zur Gewalt bedenklich

Denn die fehlende Anerkennung hat Folgen: "In unseren Augen drückt sich dieses Gefühl der mangelnden Anerkennung dadurch aus, das man den Islam vehement verteidigt", sagt Universitätsprofessor Pollack. Die Hälfte aller Befragten hält den Islam für die einzig wahre Religion. Fast die Hälfte der Studienteilnehmer sagt: Es ist wichtiger, religiöse Gesetze zu befolgen, als staatliche. 36 Prozent meinen, dass nur der Islam in der Lage ist, die Probleme der Gegenwart zu lösen. 7 Prozent halten sogar Gewalt für gerechtfertigt, um den Islam zu verbreiten.

"Man muss schon nüchtern sein: Es ist beachtlich, wie hoch die Gewaltakzeptanz ist", so Studienautor Pollack. "Das ist natürlich auch ein Resonanzboden für ausgeübte Gewalttaten", so der Forscher. Gegen die Fundamentalisierung empfehlen sie ganz klassische Rezepte: Bildung, gute Deutschkenntnisse, Arbeit - und viel Kontakt zu Nicht-Muslimen.

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