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Kultur

Angedacht

Zugegeben, neulich habe ich auch einmal eines dieser schlimmen Wörter benutzt. Ich saß etwas beklommen in Gesellschaft, und da ist es mir passiert: Ich habe nämlich gesagt, ich hätte etwas angedacht.

Porträtfoto Burkhard Spinnen

Der Schriftsteller Burkhard Spinnen

Angedacht ist eine Neuschöpfung, die es vielleicht nie ins Wörterbuch schaffen wird. Als Passiv- oder Perfektform müsste es eigentlich von dem Verb andenken abgeleitet sein, aber das gibt es nicht. Es gibt nur das gleichlautende Nomen für die Erinnerung oder das Mitbringsel aus dem Souvenirshop. Bislang habe ich auch immer nur die Passivform angedacht gehört. Vielleicht sagt man ja in irgendwelchen Büros schon Sätze wie "Der Chef denkt gerade ein Projekt an“, aber in solche Wortschnellbrüter habe ich noch nicht hineinhören können.

Doch denken Sie jetzt bitte nicht, ich bin gegen angedacht, bloß weil es nicht in allen grammatischen Formen erscheint. Das ist mir ziemlich schnuppe. Nein, ich mag dieses angedacht nicht, weil es eine Art von Denken bezeichnet, die zwar verbreitet ist, mir aber - nun, sagen wir: problematisch erscheint.

Angedacht wie angebissen

Denn wenn ich angedacht höre, dann höre ich so etwas wie angebissen. Und angebissen verwendet man ja in den allermeisten Fällen, wenn etwas nur, ich betone: nur angebissen, also nicht weiter gegessen und damit für andere verdorben ist. Das angebissene Butterbrot ist eines, das dem Besitzer nicht geschmeckt hat und vor dem sich jetzt der Hungrige ekelt.

Und was ist angedacht? In meinem Ohr sind das die vielen Projekte, die nach einem ersten geistigen Anbiss schon ihre Frische und vielleicht sogar ihre Genießbarkeit verloren haben. Überall wird heute angedacht wie angebissen - und schon liegen die schönen Pläne herum, reif für die gedankliche Biotonne.

Angebissener Apfel

Angedachter Apfel?

Ich glaube, angedacht ist eine von jenen Rückzugsvokabeln, hinter denen sich Sprecher in rauen und schwierigen Zeiten zu verstecken suchen. Angedacht sagt man, wenn man für seine Gedanken nicht so ganz und gar verantwortlich gemacht werden will. Mir wäre es daher lieb, niemanden mehr sagen zu hören, er habe etwas angedacht. Das hat einen Beigeschmack von Feigheit. Ich wünsche mir neue Helden. Und die werde ich leicht erkennen. Sie werden nämlich ganz einfach sagen: "Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Ich habe etwas ausgedacht!"

Burkhard Spinnen, geboren 1956, schreibt Romane, Kurzgeschichten, Glossen und Jugendbücher. Sein Werk wurde vielfach ausgezeichnet. Spinnen ist Vorsitzender der Jury des Ingeborg-Bachmann-Preises. Gerade ist sein Kinderbuch "Müller hoch Drei" erschienen (Schöffling).

Redaktion: Gabriela Schaaf

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