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Asien

Anerkennung für Chinas Demokratiebewegung

Die Vergabe des Friedensnobelpreises an den inhaftierten Menschenrechtsaktivisten Liu Xiaobo läßt die Pekinger Führung vor Wut schäumen. Das Lager chinesischer Liberaler und Demokratieaktivisten aber schöpft Hoffnung.

Liu Xiaobo, der Friedensnobelpreisträger 2010 (Foto:ap)

Liu Xiaobo, der Friedensnobelpreisträger 2010

Die chinesische Propagandaoffensive gegen Liu Xiaobo hat einen für Peking unerwünschten Nebeneffekt: Der Bekanntheitsgrad des Bürgerrechtlers steigt täglich. Bis vor kurzem war Liu unter den 1,3 Milliarden Chinesen relativ unbekannt. Die chinesische Presse meldet, dass Liu Xiaobo nur deshalb den Preis zuerkannt bekommen habe, weil er seit Jahren versuche, Chinas friedlichen Aufstieg zu verhindern. Die finsteren Absichten des Osloer Nobelkomitees würden ja auch daran deutlich, dass auch der von Peking als Separatist bezeichnete Dalai Lama mit dem Friedensnobelpreis geehrt worden sei. Also sei auch Liu Xiaobo nur ein politisches Instrument des Westens, um China zu schwächen und das Land ins Chaos zu stürzen. Der Friedensnobelpreis für Liu Xiaobo sei der Lohn für seinen Verrat am Vaterland, melden chinesische Medien. Als Beweis dient ein Ausspruch Lius: "China braucht einen Kolonialherrn."

Aufsteigender Stern unter chinesischen Intellektuellen

Das Zitat stammt in der Tat von Liu Xiaobo: Aus einem 1988 geführten Gespräch mit dem Hongkonger Journalisten Jin Zhong, Chefredakteur und Herausgeber des liberalen Magazins "Kaifang" - auf Deutsch "Öffnung". Der damals 32-jährige Uni-Dozent Liu war für seine offenen und gesellschaftskritischen Äußerungen in ganz China bekannt; er galt als "aufsteigender Stern" unter den chinesischen Intellektuellen. Damals besuchte Liu zum ersten Mal Hongkong - als dieses noch eine britische Kronkolonie war. Er war tief beeindruckt von der Freiheit und dem Wohlstand in der Stadt. Auf die Frage Jins, wie sich China weiterentwickeln solle, antwortete Liu deshalb spontan: "China braucht mindestens 300 Jahre Kolonialherrschaft, wenn das kleine Hongkong 100 Jahre für Freiheit und Wohlstand gebraucht hat."

Demokratiebefürworter in Hongkong protestieren für Liu Xiaobos Freilassung (Foto:ap)

Demokratiebefürworter in Hongkong protestieren für Liu Xiaobos Freilassung

"Diese Bemerkung war natürlich überspitzt formuliert", erinnert sich Journalist Jin Zhong. "Denn Liu war ein Befürworter westlicher demokratischer und freiheitlicher Werte." Das ironische Zitat Lius zum Kolonialismus wird in der chinesischen Internetgemeinschaft heftig diskutiert: Patriotische User empören sich darüber. Kritische Stimmen fragen, warum Chinas Parteikader ihre Kinder ins westliche Ausland zum Studium schicken. Schließlich betrachteten sie den Westen doch als böse.

"Er hat den Preis verdient"

Die meisten liberalen Denker in China begrüßen die Vergabe des Friedensnobelpreises an Liu. In dem Preis sehen sie nicht nur eine Auszeichnung für Liu Xiaobos Einsatz für mehr Demokratie in China - er gilt ihnen als Anerkennung für die ganze Demokratiebewegung in dem Land.

Für den in Deutschland lebenden chinesischen Journalisten Qian Yuejun gibt es keinen besseren Kandidaten als Liu: "Er ist der Einzige innerhalb der chinesischen Demokratiebewegung, der diesen Preis wirklich verdient hat", betont er. "Als Mitinitiator der Charta 08 hat Liu Xiaobo innerhalb kurzer Zeit über 10.000 Unterschriften sammeln können. Kein anderer in der zerstrittenen Demokratiebewegung hat solch eine große Überzeugungskraft und kann so viele Menschen mitreißen", erklärt Qian. Die Charta 08 ist ein Manifest für mehr Demokratie und Freiheit in China. Sie wurde Ende 2008 am 60. Jahrestag der Verabschiedung der UN-Menschenrechts-Charta veröffentlicht. Zwei Tage zuvor war Liu Xiaobo festgenommen worden. Ein Jahr darauf verurteilte ihn ein Pekinger Gericht zu elf Jahren Haft wegen subversiver Tätigkeiten.

"Zu kompromissbereit"

In der Stadthalle von Oslo wird der Nobelpreis verliehen, doch Liu Xiaobo wird nicht vor Ort sein (Foto:ap)

In der Stadthalle von Oslo wird der Nobelpreis verliehen, doch Liu Xiaobo wird nicht vor Ort sein

Unter den Regimekritikern gibt es aber auch Stimmen gegen die Entscheidung des Nobelkomitees. In ihren Augen sei Liu gegenüber dem System der chinesischen Diktatur zu kompromissbereit. "Für einen Intellektuellen ist Liu Xiaobos Denkweise sehr problematisch. Denn er hat an der Universität Marxismus studiert und verkörpert die kommunistische Ideologie. Daher hat er den Friedensnobelpreis gar nicht verdient", argumentiert etwa Zhong Weiguang, ein in Deutschland lebender chinesischer Dissident.

Trotz der Meinungsverschiedenheiten werden viele Vertreter der chinesischen Demokratiebewegung auf Einladung des Nobelkomitees an der Preisverleihung in Oslo teilnehmen. Erstmals seit 75 Jahren wird ein leerer Stuhl bei der Ehrung des abwesenden Friedensnobelpreisreisträgers im Saal stehen.

Autor: Dai Ying

Redaktion: Thomas Latschan / Ana Lehmann

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