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Bücher

Andreas Wirsching: Geballte Aufmerksamkeit für "Hitler, Mein Kampf"

Die Erwartungen im Vorfeld der Veröffentlichung waren hoch. Jetzt liegt die zweibändige Kritische Edition als zeithistorisches Druckwerk vor. Mit ausgeklügelten Details, erzählt IfZ-Direktor Wirsching im DW-Gespräch.

DW: Seit dem 8. Januar ist die Kritische Edition "Hitler, Mein Kampf", die Sie vom Institut für Zeitgeschichte herausgegeben haben, auf dem Buchmarkt. Die erste Auflage war sofort vergriffen. Welche Reaktionen hat die Veröffentlichung ausgelöst?

Andreas Wirsching: Die Herausgabe der Edition hat quantitativ eine riesige Resonanz ausgelöst. Das war weit mehr als wir gedacht haben. Qualitativ bin ich sehr erfreut: Wir haben ganz überwiegend in den ersten wissenschaftlichen Reaktionen und in der öffentlichen Reaktion positive Stimmen erhalten. Es gibt natürlich auch einige kritische Stimmen, das kann auch nicht anders sein, aber insgesamt sind wir sehr zufrieden. Zumal wir auch den Eindruck haben, dass das Kalkül, die geballte Aufmerksamkeit auf dieses seriöse Referenzprojekt zu richten und wenig Raum für weniger seriösere Unternehmungen zu lassen, bislang aufgegangen ist.

Es ist erstaunlich: Alle, die das Buch sehen, wollen es sofort anfassen, darin blättern und sind ganz ehrfürchtig angesichts der zwei dicken Leinenbände. Wie viel Überlegung ist in die Aufmachung gegangen, die Farbe, den Titel, das Papier?

Da sind sehr viele Überlegungen eingegangen. Allein der Titel hat ziemlich lange gedauert, bis wir den hatten. Setzt man ein Komma, setzt man kein Komma, das sind alles Details, die auch symbolträchtig sind – so wie das ganze Buch das eben ist. Die Außenhülle des Leineneinbandes sollte dezent sein, und nicht auffallen. Gleichzeitig haben wir auch, weil wir die Aufmachung sehr aufwendig gestaltet haben, ziemlich viel investiert.

Wichtig ist, dass das Layout so ist, wie es ist, weil es uns ganz wichtig war, den Hitler-Text in seiner Originalausgabe von 1925/26 zitierfähig zu reproduzieren. Es ist die Original-Ausgabe, mit der Original-Paginierung [Seitenanordnung, Anm. d. Red.], so dass wir damit auch eine wissenschaftliche Dienstleistung erbracht haben. Wir wollten, dass keine Seite Hitler-Text zu lesen sein wird, ohne dass der Kommentar daneben nicht auch mitlesbar ist.

Sehr gut gelungen ist die Aufmachung und der Druck mit der speziellen Typographie, die dem Originaltext durch die moderne Schrift ["Scala" von 1993, Anm. d. Red.] eine wissenschaftliche Abstraktheit gibt. Wie lange haben Sie darüber nachgedacht, wie Sie das setzen und auf den Seiten anordnen?

Wir hatten einen kreativen Dienstleister dabei, der das Ganze gestaltet hat. Und der da viel Aufwand und Zeit investiert hat. Es sollte keine Schriftype sein, die gewissermaßen historisch zu sehr belastet ist. Da gibt es eine ganze Reihe von Typen, die da ihre Vorgeschichte haben. So wie übrigens in Deutschland fast alles seine Problemgeschichte hat.

Interessant ist auch der extra Exkurs zur Typographie-Geschichte von "Mein Kampf". Ist das denn ein wichtiges historisches Detail?

Das war uns sehr wichtig und findet sich in der Einleitung deshalb auch ganz vorn. Wir haben das mit einbezogen, damit man als Nutzer und Leser der Edition auch über solche Details, wie unterschiedlich die Ausgaben von "Mein Kampf" gedruckt wurden, auch informiert ist.

Das Institut für Zeitgeschichte scheut populäre Darstellungen von Geschichte, die auch breiteren Leserschichten zugänglich sind, nicht. Wie sehr haben Sie darauf geachtet, dass die Anmerkungen und Texte locker und gut lesbar geschrieben sind?

Das war ein erklärtes Ziel des Teams. Und auch des Instituts insgesamt, weil wir auch wussten, dass da ein massives Interesse von einem Publikum kommt, das weit über die Fachwelt hinausgeht. Und dafür wollten wir auch ein Angebot haben. Primär ist es eine wissenschaftliche Edition, aber wir haben trotzdem versucht, den Kommentar gut lesbar zu halten. Man kann das Ganze auch selektiv lesen, beispielsweise im Index nachgucken. Zu allem gibt es Kommentare in Form von kleineren Exkursen zu einem Thema oder einem Stichwort, die man auch für sich allein lesen kann.

Es gab im Vorfeld Bedenken von jüdischer Seite. Charlotte Knobloch hat als ehemalige Vorsitzende des Zentralrats der Juden ihre berechtigte Sorge über die Veröffentlichung geäußert. Konnten die ausgeräumt werden?

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Ob die gänzlich ausgeräumt worden sind, weiß ich nicht. Aber ich fürchte nicht. Frau Knobloch hat anfangs das Projekt durchaus befürwortet und sich auf Grund anderer Stimmen dann doch anders orientiert. Das kann ich auch nachvollziehen. Für die Holocaust-Opfer und ihre Nachkommen ist das a priori ein Problem, dass dieser Hitler-Text wieder erscheint. Und da führt auch keine einfach Brücke hin. Das muss man einfach respektieren.

Man muss dann allerdings auch darüber diskutieren, was denn die Alternativen gewesen wären. Das Schlechteste wäre meiner Ansicht nach gewesen, nichts zu tun. Dann wäre der Text von "Mein Kampf" jetzt 2016 gemeinfrei und – überspitzt gesagt – könnte damit jetzt jeder machen, was er will. Und gerade das kann nicht im Interesse der Holocaust-Opfer und der Opferwürde sein. Insofern sind wir mit einer kritischen Edition da auf dem richtigen Weg.

Innerhalb der jüdischen Community in Deutschland oder international oder auch in Israel sind die Stimmen auch nicht so einheitlich. Es gibt von jüdischer Seite durchaus positive Stimmen. Josef Schuster, der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, hat sich für unsere kommentierte Edition ausgesprochen. Was nichts daran ändert, dass die kritischen Stimmen, die aus jüdischer Richtung kommen, schlicht zu respektieren sind. Aber mit der Aufrichtung neuer Tabus ist niemand gedient.

Prof. Dr. Andreas Wirsching ist Direktor des Instituts für Zeitgeschichte (IfZ) in München. Das Gespräch führte Heike Mund am 26.01.2016 im Haus der Geschichte in Bonn.