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Welt

Andorra: Ein kleiner Staat in Europa

Das Fürstentum Andorra auf einer Karte zu finden, ist die erste Herausforderung für den interessierten Besucher. Andorra ist nur etwa zweieinhalbmal so groß wie beispielsweise die Hauptstadt der USA, Washington DC.

Der Panoramablick über Andorra

Der Panoramablick über Andorra

Andorra liegt in einem Hochtal in den Pyrenäen – der Bergkette, an der entlang die spanisch-französische Grenze verläuft. Jahrhundertelang war Andorra als Hinterwäldlerprovinz verschrien, bis der Tourismus dem Fürstentum in den 1960er Jahren das Tor ins moderne Zeitalter öffnete. Heute wird Andorra hauptsächlich mit Wintersport und seinen guten Einkaufsmöglichkeiten in Verbindung gebracht. Aber Andorra ist weitaus mehr als angeschnallte Ski und gezückte Kreditkarten.

Im Schatten der großen Brüder

Stadt in den Bergen

Stadt in den Bergen

Roser Jordana ist die Leiterin von Andorras Fremdenverkehrsamt. Bei Auslandsreisen höre sie die immer gleichen Fragen: "Entschuldigung, wo liegt noch mal Andorra? Sind Sie aus Spanien?" Das hörten Andorraner ganz und gar nicht gerne, bemerkt sie.

Jordanas Aufgabe ist es, im Ausland für das Fürstentum zu werben, und das gestaltet sich nicht immer einfach. Ein Grund dafür ist, dass das Land zwischen den zwei großen Nachbarländern Frankreich und Spanien ein wenig untergeht. "Wir sind weder Spanier noch Franzosen, wir sind ein unabhängiges Land," betont Jordana, "und oft hören wir, ach, die sind von beidem etwas; sie sind also nichts Eigenständiges. Das ist vollkommen falsch. Wir haben eine Identität- wir sind Andorraner."

Tradition versus Kommerz

Das Steuerparadies Andorra

Das Steuerparadies Andorra

Klein aber fein - und stolz! So lässt sich Andorra wohl am treffendsten beschreiben. Stolz sind die Andorraner auf die lange, kriegsfreie Geschichte des Landes, auf seine Musik und die Folkloretanz-Tradition, die romanischen Kirchen und die herrliche Berglandschaft. In der Hauptstadt Andorra la Vella mit ihren verstopften Straßen trifft man jedoch auf das kommerziell-touristische Andorra, das mit seinen Geschäften lockt. In den Schaufenstern glitzern Uhren, während Gucci-Handtaschen und Dior-Sonnenbrillen um die Gunst der Käufer werben.

Andorra ist nach wie vor ein Steuerparadies. Auf Güter werden keine oder nur niedrige Steuern erhoben, und so sind besonders Luxuswaren und Zigaretten bedeutend billiger als in Frankreich oder Spanien. In den 1960er Jahren begann das Land aus seinem Steuerstatus Vorteile zu ziehen, und immer mehr Touristen und Gastarbeiter kamen ins Land. Die Folge war ein verhältnismäßig riesiges Bevölkerungswachstum: Lebten 1950 noch etwa 6.000 Menschen in Andorra, so sind es heute rund 82.000.

Ein Land in ständigem Wandel

Susan Vela arbeitet in Andorras Landesarchiv. Auf den Fotografien aus den 1950er Jahren, stellt sie fest, erkenne man Andorra beinah nicht wieder. Es sei ein völlig anderes Land gewesen, zudem ein anderer Arbeits- und Lebensstil. In den 60ern und 70ern habe es eine regelrechte wirtschaftliche und touristische Explosion unten in den Tälern gegeben. Auf die sei dann in den 80ern und 90ern das Gleiche in den Bergen gefolgt. Das könne man eigentlich kaum fassen.

Karte Terra Incognita Andorra la Vella Andorra

Seit geraumer Zeit bemüht man sich in Andorra jedoch, das Image des reinen Einkaufsparadieses abzuschütteln. Hoch auf einem Hügel, entrückt vom emsigen Treiben im Tal, steht Andorras kleines Parlamentsgebäude. Eine Glocke im Inneren des winzigen Plenarsaals läutet die Sitzungen ein. Der Premierminister steht hier einer Versammlung von 28 gewählten Abgeordneten vor. Andorra ist das einzige Land der Welt mit einer Doppelherrschaft. Gleich zwei ausländische Amtsträger nehmen die Funktion des Staatsoberhauptes wahr: der Bischof von Urgell in Spanien und der Präsident von Frankreich. Sie haben jedoch keinerlei Regierungsbefugnis.

Ein attraktives Ziel für Touristen

Andorra erlangte im Jahre 1278 als eines der ersten Länder der Welt seine Unabhängigkeit. Heute versucht das Fürstentum, aus seiner langen Geschichte und seinem einzigartigen Erbe Profit zu schlagen. Das Angebot des Fremdenverkehrsamts erstreckt sich heute von Besichtigungen der romanischen Kirchen bis hin zu Wandertouren im Madriù-Tal. Das von Gletschern und steilen Klippen geprägte Madriù-Tal ist Teil des UNESCO-Weltkulturerbes und größtenteils von der Urbanisierung verschont geblieben.

Früher wurde hier und in Andorras anderen Tälern Eisen gewonnen und in Schmieden verhüttet. Heute sind die Schmieden kleine Museen, und einen Großteil der Arbeitsplätze bietet mittlerweile der Fremdenverkehr, oft in den zahlreichen Skiorten des Landes. Im Sommer werden die Pisten kurzerhand in familienfreundliche Freilandspielplätze umgebaut.

Sehnsucht nach Stille

Fernab vom Lärm der Hauptstadt

Fernab vom Lärm der Hauptstadt

Zurück in der Hauptstadt Andorra la Vella zeigt sich Ramón Villerò unbeeindruckt vom geschäftigen Treiben. Der Journalist und Autor stattet seinem Elternhaus einen Besuch ab. Es steht nicht weit von einer der wichtigsten Geschäftsstraßen entfernt an einem Hang. Ramón sieht ein, dass Andorra auf seine Geschäftswelt angewiesen ist. Dennoch, so sagt er, liegen Andorras Vorzüge nicht in billigen Designergütern. "Wir haben ein Haus in Ordino am Fuß der Berge", erklärt Villerò, "oft wache ich morgens schon gegen sechs Uhr auf, gehe in die Berge und bleibe dort für sechs oder sieben Stunden. Über die Seen wandere ich zurück. Das ist mein Andorra, das mir so sehr gefällt. Dieses Stille abseits des Zentrums des Landes, abseits all der Geschäfte und der Banken. Das ist das Andorra, in dem ich groß geworden bin." Ramón wünscht sich, dass Besucher genau dieses Andorra in Erinnerung behalten. Und noch mehr wünscht er sich, dass es ihm und seinen Landsmännern und –frauen gelinge, dieses Andorra noch für viele Jahre zu erhalten.

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