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Europa

Anders essen im "Guerilla-Restaurant"

Statt klassisch ins Restaurant essen zu gehen, verabreden sich Menschen im Internet zum Essen im privaten Wohnzimmer - wo sie gegen eine Spende bekocht werden. In London lebt einer der bekannteren "Guerilla-Köche".

Junge Leute schauen aus dem Heckfenster der U-Bahn (AP Photo / Dominic Lipinski)

Mit der U-Bahn ins underground-Restaurant

Nur eine Viertelstunde braucht die S-Bahn vom feinen Hampstead nach Ostlondon zum weniger feinen Dalton Kingsland. In der Hauptstraße drängen sich Kebabbuden, türkische Pizzaläden und westindische Weinbars. Dazwischen Abrisshäuser, Wettbüros und ein Geschäft mit Videoüberwachungsanlagen.

Der Stadtplan ist hier nutzlos. Weit und breit ist kein Straßenschild in Sicht. Über niedrigen viktorianischer Reihenhäuschen türmen sich Hochhäuser, dazwischen liegt ein Labyrinth aus niedrigeren Wohnblocks mit Namen wie Bellevue und Rosenhain.

"Drinnen ist es toll"

Bioobst und -gemüse (Nürnberg Messe)

Außergewöhnliches aus Obst und Gemüse gibt es im "Restaurant" von Horton

Horton Jupiters Wohnung ist nur über den Hintereingang zu erreichen. Der selbsternannte Meisterkoch steht in seiner winzigen Küche, schneidet Berge von Zwiebeln, und ärgert sich. Er sei wahnsinnig im Verzug, dabei habe er ausnahmsweise schon gestern mit den Vorbereitungen begonnen. "Das kommt davon, wenn man zu entspannt ist“, schimpft er.

Horton ist Ende 20. Er hat freundliche braune Augen und einen sehr schrägen Seitenscheitel. Eigentlich ist er Musiker. Seine Popband heißt "They came from the Stars I saw them" und mache – so Horton - nur fröhliche Musik. Heute trägt er eine fröhliche Küchenschürze und erwartet 16 wildfremde Gäste, die sich über die Internetplattform Facebook angemeldet haben. Das erste Dinner beginnt um sieben, das zweite um neun Uhr.

Die Wohnung ist festlich geschmückt: Kerzen, Glitzervorhänge, drei Tischchen sind mit praktischem bunten Wachstuch belegt. Die alte Ledergarnitur steht vorübergehend im Garten. Nur der mit Lichterketten veredelte Gummibaum darf bleiben. Ein junges Pärchen sitzt erwartungsvoll in der Ecke. Die anderen Gäste haben sich auf dem Weg hierher verirrt. Sie stoßen erst allmählich hinzu. „Irgendwie hat mich die Gegend etwas nervös gemacht, sie ist nicht gerade hübsch. Aber hier drinnen ist es einfach toll“, bemerkt ein Ankömmling.

Wen man sonst nicht trifft

Koch mit Pfanne

Statt zum Koch ins Restaurant zum Koch nach Hause

Jung, hip und weit gereist – so ist das Gästeprofil heute Abend. Die Besucher stammen aus Irland, aus den USA und aus Nordengland, und leben seit ein paar Jahren in London. Jeder kann mit Stäbchen essen, man kommt sofort ins Gespräch. Es geht um exotische Geschmackserlebnisse, ungewöhnliche Fernreisen und exzentrische Underground-Tipps.

Als ersten Gang gibt es eingelegte Ume-Pflaumen mit scharfen Zwiebeln und Fischflöckchen auf zierlichen Tellern angerichtet, dazu ein Gläschen Weißwein. Der zweite Gang wird auf kleinen Spiegeln serviert. Rachel, Hortons Freundin, trägt die kulinarischen Kunstwerke auf: Knallgrüne Röllchen aus Seetang und Chinakohl, karmesinrote Rettichröschen, mit Zitronen und Apfelscheibchen gefüllt, geriebener Ingwer mit scharfen Chilistreifen auf Rettichblatt, feine Kartoffel-, Gurken- und Karottenstäbchen mit einer Minischärpe aus Algenpapier zusammengehalten. Graham, Werbefachmann und Hobbykoch, genießt jeden Bissen: "Die Bandbreite an Geschmacksrichtungen ist phänomenal. So etwas können normale Esslokale einfach nicht bieten. Wo würde man schon mit wildfremden Tischnachbarn so zwanglos ins Gespräch kommen?"

Behörden bleiben ruhig

Auf Hortons Herd bruzzeln braune Shiitake-Pilze, in einer zweiten Pfanne brät Horton tiefgrüne Brokkoli. Das Guerilla-Restaurant läuft erst seit Januar. Ursprünglich geht es auf den Kultratgeber von Benrik zurück. Der steckt voller verrückter Vorschläge, "die Dein Leben verändern" - wie der Einband verspricht. Und einer hieß: Verwandle dein Wohnzimmer in ein Restaurant.

Während Horton die Häppchen für den nächsten Gang anrichtet - Tofubällchen auf schwarzen Schalen mit Misosuppe und sticky rice - geht Rachel kurz an die frische Luft. Tagsüber ist Hortons Freundin TV-Produzentin für eine Kochshow, Hortons Küche passt wunderbar ins Konzept. Aber was denken eigentlich die Nachbarn? "Eigentlich müsste es auffallen, wenn hier jeden Mittwoch ein Dutzend Leute aufkreuzen. Aber ich glaube nicht, dass sie wissen was hier läuft", meint Rachel.

Die Gäste speisen genussvoll den fünften und sechsten Gang und trinken zum Abschluss heißen Reiswein. Dann bezahlen sie eine Spende von 15 Pfund. Juristisch gesehen bewegt sich das Guerilla-Restaurant auf unsicherem Boden. Aber wenn ihm die Behörden etwas anhaben wollten, wären sie – so glaubt Horton – längst aufgetaucht. "Was ich tue, ist moralisch korrekt“, meint er. "Meine Küche hat unglaublich viel Aufmerksamkeit erregt. Die Medien sagen, das habe mit der Finanzkrise zu tun. Aber ich glaube, das liegt eher daran, dass die Leute ein tiefes Bedürfnis haben, mit anderen in Verbindung zu treten.“

Inzwischen ist es halb zehn, die Gäste tauschen Telefonnummern aus. Sie sind satt und zufrieden. Auf der Sitzgarnitur im Garten wartet schon der nächste Schub: eine Großfamilie und ein junges Paar.

Autorin: Ruth Rach
Redaktion: Mareike Röwekamp

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