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Kultur

Anders Breiviks Theorien auf der Bühne

Der norwegische Massenmörder hat vor seiner Verurteilung seine extremistischen Thesen vor Gericht vorgetragen. Gleich vier europäische Theater - darunter eins in Berlin - haben den Text zum Bühnenstoff umgearbeitet.

Die deutsch-türkische Schauspielerin Sascha Ö. Soydan probt am 18.10.2012 in Weimar (Thüringen) die Lesung Breiviks Erklärung unter der Regie von Milo Rau. Mit der Inszenierung über den norwegischen Massenmörder Breivik, bei der auch für die Öffentlichkeit gesperrte Auszüge verlesen werden, sorgt der Schweizer Regisseur bereits vor der ersten Aufführung am 19. Oktober 2012 für Aufregung. Das Deutsche Nationaltheater Weimar bietet ihm dafür kein Podium mehr, das Stück wird nun in einem privaten Kino gezeigt. Foto: Michael Reichel/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++

Inszenierung Breiviks Erklärung

Sascha Ö. Soydan hält Breiviks Erklärung in der Hand. Ein fast fingerdicker Stapel DIN A4-Seiten mit den Worten des norwegischen Attentäters, der im Juli 2011 77 Menschen ermordete. Breiviks Absicht war es, sich als Verteidiger einer anders gearteten nordischen Ethnie zu inszenieren und maximale Öffentlichkeit für seine Gedankenwelt zu erlangen. Seine erste Bühne war der Gerichtssaal, jetzt verliest eine türkischstämmige Schauspielerin seinen Text im schmucklosen Raum des "Theaterdiscounters", eines Off-Theaters in Berlin.

Regisseur Milo Rau will mit der Inszenierung des Textes den rechten Mainstream in Europa bloßstellen. Die Zuschauer können Soydan etwas über eine Stunde dabei beobachten, wie sie versucht, diesem Text eine Stimme zu geben. Sie steht in einem engen Lichtkegel hinter einem braun gemasertem Redepult. Sie liest pausiert und mit flacher Stimme vom Blatt, verharrt, blickt starr auf und gibt dann die nächsten Sätze wieder. Der Text ist ein krudes Gedankenkonvolut. Darin geht es um ein angeblich von Marxisten unterwandertes Bildungs- und Herrschaftssystem, das - von einer vage als Multikulturalismus bezeichneten Ideologie getrieben - die urtümlichen Europäer in den Ruin treibt. Die Inszenierung als "Breiviks Erklärung - öffentlicher Filmdreh" schafft weiter Distanz. Die Schaupielerin nimmt nur mit einer Kamera Blickkontakt auf und erst dann über eine Großleinwand ein paar Schritte rechts von ihr indirekt mit dem Publikum. Es besteht zu keinem Moment die Gefahr, dass ein Funke von Breiviks Machwerk auf das Publikum überspringt.

Der vorauseilende Skandal

Der Schweizer Regisseur Milo Rau Foto: Michael Reichel/dpa

Der Schweizer Regisseur Milo Rau

Als die szenische Lesung vor einer Woche am Deutschen Nationaltheater Weimar stattfinden sollte, sperrte sich die Leitung des Hauses dagegen. Man wolle Breivik kein Forum geben, erklärte Geschäftsführer Thomas Schmidt. Ein Mörder auf der Bühne - das sollte in diesem Fall nicht sein. Die Lesung fand in einem nahegelegenen Kino statt. Die Umstände der Verlegung wurden erregt in den Feuilletons erörtert und zum Skandal erklärt. In der Folge wuchs das Interesse an der Inszenierung und sorgt nun für einen ausverkauften Saal in Berlin. Vorne steht Soydan im altrosa Trainingskittel und kaut beim Lesen Kaugummi.

Natürlich geht es bei der Auseinandersetzung über die Lesung nicht um die Frage, ob man Mördern eine Bühne geben darf. Sind sie doch im Normalfall gern gesehene Figuren im Theater: Ödipus in den unzähligen Bearbeitungen des Stoffes seit der Antike, der Karl Moor aus Schillers Räubern, Dostojewskis Raskolnikov in "Verbrechen und Strafe". Alles Gestalten im Konflikt mit sich selbst und den Umständen ihres Seins. Sie überschreiten mit ihrer Mord-Tat eine letzte Grenze, aber sie nehmen das Publikum mit und lassen es teilhaben an der Bewältigung der Konsequenzen. Der Schlüssel dazu ist Identifikation. Bei "Breiviks Erklärung" ist dieser Mechanismus durch Besetzung und Inszenierung weitgehend ausgehebelt. Mit Anders Breivik wollen Regisseur und Leserin auch nichts zu tun haben.

Der Text des Mörders

Anders Breivik im Anzug im Gerichtssaal in Oslo Foto: REUTERS/Heiko

Urteil gegen Breivik in Oslo

Ist es wirklich skandalös, dem Machwerk eines Mörders Raum zu geben? Auch dafür gibt es in der Vergangenheit Beispiele. In den 90er Jahren zog der Kabarettist Serdar Somuncu mit einer szenischen Lesung von Hitlers "Mein Kampf" durch Deutschland und demaskierte das legendenumwobene Buch des Führers als lächerlich und grotesk. Das war unterhaltsam und lustig. Milo Rau selbst hat Heinrich Himmlers Posener Rede als Lesung gestaltet, um zu zeigen, wie flau die Worte des SS-Reichsführers tatsächlich sind. Und nun folgt das Re-enactment des Textes eines Massenmörders der jüngsten Gegenwart. Auch hier soll das Banale des Textes hervorstechen. Nach der Hälfte des Papierstapels in ihren Händen klebt die Schauspielerin den Kaugummi unter das Rednerpult. Sie vollzieht eine Geste gegen das Ernstnehmen des Textinhalts und arbeitet sich weiter durch die Sätze.

Lustlos soll es wirken. Und ja, Breiviks Erguss ist langweilig und passt zu dem, was quer durch Europa von rechtslastigen und fremdenfeindlichen Kreisen gestreut wird. Die konservativen Islamgegner in der Schweiz, die Freiheitlichen in Österreich und Nationalisten in Deutschland sprechen diese Sprache. Nichts Neues, Erstaunliches, Verstörendes in der Verteidigungsrede des Massenmörders von Utoya und Oslo. Milo Rau sagt, dass er gerade das ausstellen wolle - diese weite Verbreitung der Ideologie, mit der auch Anders Breivik seine Morde rechtfertigt. Das gelingt Rau, aber offen bleibt die Auseinandersetzung mit der Struktur der Argumente und den Leuten, die sich ihrer bedienen.

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