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Nahost

Analyse: Der verlorene Bruder

Zwischen der Türkei und Syrien herrscht politische Eiszeit. Der Abschuss eines türkischen Kampfjets – offenbar im syrischen Luftraum – ist ein neuer Tiefpunkt. Dabei haben sich die Nationen lange Zeit gut verstanden.

Anfang 2011 sprach der türkische Regierungs-Chef Erdogan noch von der "türkisch-syrischen Brüderlichkeit", doch diese Zeiten sind vorbei. Seit über einem Jahr kämpfen in Syrien Regierungs- und Oppositionstruppen gegeneinander. Die Türkei wollte im Konflikt vermitteln, wurde aber vom syrischen Regime ignoriert. Danach wiesen beide Länder ihre Diplomaten aus.

Dabei waren die Schicksale beider Länder lange Zeit eng miteinander verknüpft. Jahrhunderte lang war Syrien Teil des Osmanischen Reiches. Die Türken beherrschten die gesamte Gegend, auch Teile Nordafrikas. Im Ersten Weltkrieg brach das Reich dann auseinander, und die Araber in Syrien standen nicht länger unter türkischer Herrschaft. Historisch gesehen, gebe es also diverse Verbindungen, meint Nahost-Experte Peter Philipp, doch eine nachhaltige Prägung sieht er nicht. "Ich glaube nicht, dass die Alltagspolitik davon heute beeinflusst ist."

Spannung und Entspannung

Peter Philipp, Journalist und Nahost-Experte (Foto: DW)

Journalist und Nahost-Experte Peter Philipp

Spannungen zwischen der Türkei und Syrien gab es seitdem immer wieder. Zur Zeit des Kalten Krieges gehörte die Türkei dem Lager der Westmächte an, Syrien dagegen pflegte gute Beziehungen zur Sowjetunion. Noch heute liegt Russlands einziger Marinestützpunkt des Mittelmeeres im Hafen der syrischen Stadt Tartus.

In den 1990er Jahren kam es zu einem Politikum: Syrien bot Abdullah Öcalan, dem Führer der Arbeiterpartei Kurdistans, politisches Asyl an. Die Türkei drohte mit Krieg. Der PKK-Führer Öcalan musste schließlich Syrien verlassen. Er kam in der Türkei in Haft.

Danach entspannten sich die Beziehungen zwischen der Türkei und Syrien deutlich: Die Grenze wurde geöffnet, die gegenseitigen Visa-Bedingungen aufgehoben und die Handelsbeschränkungen an der gemeinsamen Grenze  gänzlich abgebaut.

Wirtschaftliche Interessen

Syrische Flüchtlinge in der Türkei (Foto: DW)

Mehr als 30.000 syrische Flüchtlinge hat die Türkei aufgenommen

Die Türkei - die in den vergangenen Jahrzehnten einen starken wirtschaftlichen Aufschwung erlebte - sei natürlich auch am Ausbau seiner Handelswege interessiert gewesen, meint Experte Peter Philipp. "Die Türkei unterhält sehr enge wirtschaftliche Kontakte zu den meisten nahöstlichen Ländern. Und Syrien als Nachbarland ist natürlich auch ein interessanter Markt." Auf jeden Fall sei es ein Transitland für Waren aus der Türkei in andere nahöstliche Länder.

Doch trotz der verbesserten Beziehungen blieben einige Fragen weiterhin ungeklärt. Seit beinahe hundert Jahren streiten sich die Länder um die Küstenprovinz Hatey, die nach den Wirren des Ersten Weltkriegs später der Türkei zugesprochen wurde. Auch die staatenlosen Kurden, die sowohl in der Türkei als auch in Syrien unterdrückt werden, sorgen für zusätzliche Spannungen.

Unterschiedliche Außenpolitik

Erdogan und Assad 2008 in Damaskus (Foto: AP)

Da waren die Beziehungen noch unbelastet: Erdogan und Assad 2008 in Damaskus

Die Türkei verfolgte gegenüber anderen Staaten in der Region jedoch lange Zeit eine Außenpolitik, die stark auf Neutralität und Dialog ausgerichtet war. Die türkische Regierung vermittelte zum Beispiel zwischen Syrien und Israel. "Das wirkte sich lange Zeit positiv auf die gegenseitigen Beziehungen zwischen Ankara und Damaskus aus", so Philipp. Syriens Außenpolitik sei damit nicht zu vergleichen gewesen. Nahost-Experte Philipp zufolge waren die Syrer bei größeren diplomatische Aktionen immer sehr zurückhaltend.

Zum Bruch zwischen den beiden Staaten kam es erst 2011. Die türkische Regierung musste sich entscheiden, ob sie den langjährigen "Bruder" Assad weiter unterstützen wollte, oder die Opposition, die Assad gewaltsam niederschlagen ließ. Die Türkei  verließ ihren neutralen Kurs und bezog eindeutig Stellung. Seitdem unterstützt sie die Oppositionsbewegung. Sie fordert den Rücktritt von Assad, gewährt syrischen Oppositionskräften im Grenzgebiet Unterschlupf und hat mehr als 30.000 Flüchtlinge aufgenommen. "Damit ist die Türkei heute bei weitem nicht mehr der freundliche Nachbar Syriens", meint Peter Philipp. Auch wenn sich das in den vergangenen Jahren immer deutlicher abgezeichnet habe. 

Türkische Kriegsflugzeuge (Foto: AP)

Im syrischen Luftraum leben türkische Kampfpiloten dieser Tage gefährlich

Semih Idiz, Spezialist für Außenpolitik bei der liberalen Tageszeitung "Milliyet", glaubt, dass die Türkei mittlerweile anders aufgestellt ist als noch vor wenigen Jahren: "Durch die Parteinahme in schweren Konflikten in der Region hat die Türkei ihre frühere Rolle verloren", sagte Idiz im Gespräch mit der DW. Auch gegenüber Israel, dem Iran und dem Irak hätten sich die Beziehungen verschlechtert.

Unabsehbare Folgen

Dass die Türkei in Syrien militärisch eingreifen könnte, hält Nahost-Experte Philipp aber für unwahrscheinlich. Man wolle nicht weiter hineingezogen werden in diesen Krieg, auch zum Selbstschutz. Die Grenze zwischen der Türkei und Syrien ist 900 Kilometer lang. Ein Krieg könnte große Regionen der Türkei destabilisieren.

Doch ein Land wie die Türkei könne in eine Konfrontation hineinschlittern, auch wenn es das gar nicht wolle, betont Philipp. Sowohl die Türkei als auch Syrien hätten starke Truppen. Die Türkei ist Mitglied der NATO, und Syrien hat einen Beistandspakt mit dem Irak. Es könne also zum Bündnisfall kommen, und  das hätte unabsehbare Folge für beide Länder.

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