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Wissen & Umwelt

"An der G36 ist absolut nichts falsch!"

Jahrelang war die G36 die Lieblingswaffe der Bundeswehr. Jetzt wird es wegen "erheblicher Mängel" ausrangiert. Doch Waffenexperten sind sich sicher: Nicht das Sturmgewehr ist das Problem, es wurde nur falsch eingesetzt.

Alles begann im Jahr 2010, am Karfreitag, nachdem die Taliban die deutschen Streitkräfte nahe dem ISAF-Hauptquartier in Kunduz, in einen Hinterhalt gelockt hatten. Zweiunddreißig Bundeswehr-Fallschirmjäger - abgeschnitten von ihrer Kompanie - gerieten damals völlig unerwartet in einen neunstündigen Kampf um Leben und Tod.

Während des Feuergefechts überhitzten die Gewehre der Fallschirmjäger und zwangen sie zum Rückzug. Auf dem Weg zurück nach Kunduz löste ein gepanzertes Fahrzeug eine Landmine aus. Dabei starben drei deutsche Soldaten. Schon kurz darauf wurde die Frage gestellt - wie sicher ist die "Heckler & Koch G36"?

Dieses besonders leichte Sturmgewehr ist auf der ganzen Welt im Einsatz: von Spanien über Brasilien bis Indonesien. Unter anderem ist es Teil der Operationen des britischen Special Air Service (SAS) im Irak und gehört zur Grundausstattung am San Francisco Police Department. Fast zwei Jahrzehnte lang war es wichtiger Teil des Waffenarsenals der Bundeswehr. Die Mängel, die nun zu seinem Aus geführt haben, sind schon länger bekannt.

Infografik: Probleme mit Sturmgewehr G36 Englisch (Grafik: DW).

The accuracy degradation can reach 0.5 meters at a range of 200 meters, and 6 meters at a range of 500 meters

Glühender Gewehrlauf

Überhitzt die G36 aufgrund der Außentemperatur oder eines Schnellfeuers, leidet die Genauigkeit der Waffe. Grund dafür ist laut Bundesverteidigungsministerium, dass der Laufhalter des Gewehrs, der aus einem Verbundpolymer besteht, schon bei einer Temperatur von 23 Grad Celsius weicher wird und nicht mehr in der Lage ist, den Lauf gerade zu halten. Auch andere Komponenten des Gewehrs sind aus Kunststoff. Deswegen ist die G36 im Vergleich zu anderen Sturmgewehren, wie dem französischen FAMAS F1 oder dem amerikanischen Colt AR-15, erheblich leichter.

Eine Reihe von Tests, die in den vergangenen Monaten durchgeführt wurden - zwei von der Bundeswehr, ein unabhängiges - wurden von Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen Ende März vorgestellt. Die Ergebnisse sorgten für Diskussion. Denn die beauftragten Wissenschaftler konnten nachweisen, dass es nur zwei Magazine - also 60 Schuss Munition - braucht, um das Gewehr soweit aufzuheizen, das ein "ernsthafter Genauigkeitsverlust" eintritt. Bei einem Abstand von 200 Metern kann dies eine Schwankung von 50 Zentimetern bedeuten, bei einem Abstand von 500 Metern schon sechs Meter.

"So wie das G36 heute konstruiert ist, hat es keine Zukunft in der Bundeswehr", sagte von der Leyen auf einer Pressekonferenz, es sei "falsch, irrelevant und möglicherweise illegal". Heckler & Koch lehnt dagegen alle Anschuldigungen ab: nicht die Kunststoff-Halterung sei für den Genauigkeitsverlust verantwortlich, sondern vielmehr die Schutzhülle aus Metall, die von der Bundeswehr benutzt werde und zu gefährlicher Überhitzung führe.

"H&K sieht alle negativen Aussagen in Bezug auf die Genauigkeit als sachlich falsch, irrelevant und möglicherweise illegal", so die Erklärung von Deutschlands größtem Feuerwaffenlieferanten, der immerhin eine wesentliche Rolle dabei spielt, dass die Bundesrepublik weltweit drittgrößter Waffenexporteur ist. "Der jahrzehntelange Einsatz der Bundeswehr zeigt", sagt H&K, "dass das G36 bis jetzt - und in Zukunft - voll funktionsfähig ist." Jede einzelne Sendung des Sturmgewehrs werde vor dem Einsatz in Ausbildung und Kampf überprüft. Derzeit gibt es ein Kontingent von 167.000 G36-Gewehren im Waffenarsenal der Bundeswehr, so H&K, seit Jahren kommen diese in "unzähligen unterschiedlichen Betriebsumgebungen" zum Einsatz.

Afghanische Kinder folgen Bundeswehrsoldaten (Foto: JOHANNES EISELE/AFP/Getty Images)

Auch die Außentemperatur - insbesondere hohe Luftfeuchtigkeit - kann sich negativ auf die Genauigkeit von G36 auswirken

Cabrio oder Minivan?

Diese unterschiedlichen "Betriebsumgebungen" sind jedoch genau das Problem, nicht die Waffe selbst, sagen Verteidigungs- und Waffenexperten, wie Heinz Schulte: "An dieser Waffe ist absolut nichts falsch", versichert der Fachjournalist für internationale Sicherheitspolitik im DW-Interview. "Die Debatte über die technischen Mängel der G36 ist fehlinformierend", ist sich Schulte sicher. Vor allem weil das Sturmgewehr zu einer Zeit entworfen, gebaut und an die Bundeswehr verkauft wurde, als die Beteiligung von Soldaten an Feuergefechten noch unvorstellbar war. "Das ist vergleichbar mit einem jungen Mann, der sich als Junggeselle ein zweisitziges Cabrio gekauft hat und jetzt darüber klagt, dass er mit seiner Familie nicht ins Auto passt!"

Schulte kritisiert, dass die G36 nun vollständig abgeschafft werden soll. Sinnvoller wäre es, das Sturmgewehr zu überholen, sagt er und es für Einsätze aufzubewahren, in denen Feuergefechte "höchst unwahrscheinlich" seien: "Jeder, der sich mit der Technik eines Maschinengewehrs auskennt weiß, dass der Lauf gewechselt werden muss, da die Reibung des Schnellfeuers es sonst macht. Bei einem Sturmgewehr wie der G36 lässt sich der Lauf aber nicht wechseln, sodass eine Waffe mit diesem Standard für alle denkbaren militärischen Szenarien einfach veraltetes Denken ist."

Soldaten tragen am Freitag (09.04.2010) nach der Trauerfeier für die drei in Afghanistan gefallenen Kameraden im niedersächsischen Selsingen die Särge aus der St. Lamberti-Kirche. (Foto: dpa).

The Good Friday ambush back in 2010, the starting point for the current debate, led to days of mourning at home

Wird die Bundeswehr nun zu einem neuen Waffenunternehmen wechseln? "Nein", vermutet Schulte. In Zukunft werde die Bundeswehr wahrscheinlich mit einem Mix aus verschiedenen Heckler & Koch-Waffen ausgestattet werden, angepasst an unterschiedliche Einsatzsanforderungen.

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