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Alltagsdeutsch – Podcast

Amtssprache

Umständlich ist sie überall auf der Welt: die Sprache von Ämtern und Behörden. Den Deutschen jedoch wird nachgesagt, dass sie in dieser Hinsicht wahre Meister sind – so dass wirklich niemand mehr etwas versteht.

Zitat:

"Die Verordnung wird verfasst aufgrund § 37 Absatz 3 und des § 38 Absatz 1 des Infektionsschutzgesetzes vom 20. Juli 2000 Bundesgesetzblatt 1 Seite 10045 des Bundesministeriums für Gesundheit und (...) in Verbindung mit Absatz 3 des § 16 Absatz 1 Satz 2 und des § 19 Absatz 1 Nummer 1 und 2 Buchstabe b des Lebensmittel- und Bedarfsgegenständegesetzes in der Bekanntmachung vom 9.7.1997."

Sprecherin:

Haben Sie das verstanden? Wohl kaum. Fast hat man den Eindruck, als verfolge dieser Text den Zweck, möglichst kompliziert und umständlich zu klingen. Dabei handelt es sich keinesfalls um reinen Quatsch. Das, was Sie soeben gehört haben, sind verkürzte Auszüge aus einer Trinkwasserverordnung. Wer sich für die Gesetze interessiert, muss sich also durch ein Sprachdickicht schlagen. Christoph Hagenbruch ist Ingenieur für Trinkwasserversorgung. Sein Beruf bringt es mit sich, dass er häufig mit Gesetzesverordnungen zu tun hat, die ähnlich wie das oben zitierte Beispiel klingen. Aber auch als Privatmann ärgert er sich über die Amtssprache. Hat er zum Beispiel sein Auto falsch geparkt, erweckt die amtliche Benachrichtigung darüber den Eindruck, er habe eine kriminelle Tat begangen. Da sei von einer "Ordnungswidrigkeit" die Rede, gegen die der Beschuldigte "Widerspruch" einlegen könne. Dazu sei es aber erforderlich, den "Tathergang" genauestens zu beschreiben. Die Sprache der Ämter mache zwischen einem Parksünder und einem Kleinkriminellen keinen Unterschied, meint Christoph Hagenbruch.

Christoph Hagenbruch:

"Der Bezug ist nicht immer einfach herzustellen. Ja, das für sich einzuordnen, was heißt das jetzt, steh' ich schon mit einem Bein im Kittchen, oder ist das mit 'nem kleinen Geldbetrag abgegolten. Das ist schon für einen selbst 'n Unterschied, und das erfasst man nicht gleich. Man sieht ja auf den ersten Blick den Überweisungsträger. Da ist, wenn man Glück hat, der Betrag schon eingetragen, wenn man Pech hat, muss man sich den auch noch aus 'ner Tabelle oder aus irgendeiner Zuordnung selbst eintragen, und das ist dann schon irgendwie vielleicht, gemessen an dem, was man doch jetzt getan hat, oft doch übertrieben."

Sprecher:

Für das Wort "Gefängnis" kennt das Deutsche mehrere Wörter mit ähnlichen Bedeutungen, die den Wortgehalt – und somit auch den mit ihm verbundenen Strafbestand – entschärfen. Der umgangssprachliche Begriff Knast für "Gefängnis" stammt aus dem Jiddischen und bedeutete ursprünglich "Geldstrafe". Sitzt jemand im Knast, klingt sein Vergehen weniger verwerflich, als säße er hinter Schloss und Riegel oder wäre er weggesperrt. Harmloser noch lässt die Sprache jenen erscheinen, der im Kittchen sitzt. Sitzt jemand nur mit einem Bein im Kittchen, hat er Handlungen begangen, die, wenn sie bekannt würden, zu einem Strafverfahren führen könnten. Weitet man den Bildgehalt aus, hat der Betroffene noch ein Bein in Freiheit, weil die Chance besteht, dass die an sich straffällige Angelegenheit nicht ruchbar ist. Das Substantiv Kittchen ist die verniedlichende Verkleinerungsform des rotwelschen Wortes "Kitt" oder "Kitte", beeinflusst vom mittelhochdeutschen "kiche", das sowohl Gefängnis wie auch schweres Atmen oder Keuchen bedeutet. Ursprünglich ist das Kittchen also ein Ort, der einem den Atem nimmt.

Sprecherin:

Auch Matthias Krone hat sich über ein amtliches Schreiben geärgert. Erst nachdem er den Bescheid mehrmals durchgelesen hat, verstand Matthias Krone, dass es sich um ein Strafmandat handelte.

Matthias Krone:

"Ja, letztens habe ich 'nen Brief von der Stadt Bonn bekommen, da hab' ich mich erst gefragt, was ist das? Da war das ein Knöllchen, hab' falsch geparkt. Da stand alles Mögliche drin: Ich hab' eine Ordnungswidrigkeit begangen, dann wurden irgendwelche Paragraphen zitiert und so weiter, also dass erst mal überhaupt nicht ersichtlich war eigentlich, worum es richtig geht und was sie eigentlich jetzt wollten. Ja, das war wirklich so wieder so 'n bisschen komisch formuliert."

Sprecher:

Das Wort Knöllchen bedeutet ursprünglich rundliche Erhöhung. In der Umgangssprache benutzt man das Wort Knöllchen für zusammengefaltete Strafzettel, die unter die Auto-Scheibenwischer gesteckt wurden.

Matthias Krone:

"Im Prinzip ist es so Fachchinesisch, das 'n normaler Bürger eben gar nicht versteht, aber wahrscheinlich jemand vom Amt natürlich sofort weiß, was gemeint ist. Da verstehe ich einfach nicht, warum die nicht ganz klar schreiben, ich sag mal, so wie einem der Schnabel gewachsen ist, was man da gemacht hat, dass jeder Bürger auch einfach versteht, was jetzt falsch gewesen ist und warum man dieses Knöllchen bekommen hat."

Sprecher:

Die amtliche Aufforderung zur Zahlung eines Bußgeldes ist dem Parksünder kaum noch verständlich. Für ihn gleicht diese Redeweise einer nur schwer zu erlernenden Sprache, dem Chinesischen; schlimmer noch: Sie wählt ihre Wörter und Satzbauweisen aus einem Sprachgebiet, das nur Spezialisten beherrschen, sie bleibt für den Laien Fachchinesisch. Selbstverständlich darf eine Behörde nicht schreiben oder reden, wie ihr der Schnabel gewachsen ist. Ihre Wortwahl wäre beliebig, das Gemeinte entbehrte der Eindeutigkeit und wäre juristisch angreifbar. Ursprünglich hieß das seit dem 13. Jahrhundert belegte Sprichwort singen, wie einem der Schnabel gewachsen ist. Das Wort "Schnabel" verweist deutlich auf den Vogel. Erst im 17. Jahrhundert wird das Verb "singen" durch "reden" ersetzt. Goethe beklagt in "Wilhelm Meisters Lehrjahren" den Verfall der literarischen Sprache mit den Worten:

Zitat:

"... wenn man bei anderen Gesellschaften anfing, nur diejenige Prosa vorzutragen, wozu einem jeden der Schnabel gewachsen war."

Sprecherin:

Die typische Amtssprache ist nicht vollkommen zu vermeiden, will sie juristische Sachverhalte nicht verfälschen. Immerhin bemühen sich viele Verwaltungen inzwischen darum, so einfach wie möglich zu formulieren, wenn sie jemanden etwas Amtliches schriftlich mitzuteilen haben. So gab es bei der Stadt Bonn eine Arbeitsgruppe, die den Versuch unternahm, sich vom unverständlichen Verwaltungsdeutsch zu verabschieden, erklärt Elke Palm, Mitarbeiterin der Pressestelle der Stadt Bonn.

Elke Palm:

"Amtssprache ist 'ne Art zu formulieren, die, wie wir auch im Arbeitskreis erarbeitet haben, eigentlich so nicht erforderlich ist. Es sollte eigentlich die deutsche Sprache nur in einer Form geben, die auch Anwendung findet in Bescheiden. Man muss natürlich jetzt mal überlegen, was definiert man überhaupt als Amtssprache, wenn Amtssprache die Sprache der Ämter ist, dann, denk' ich mal, kann es im Grunde nur die normale Sprache sein, also die Schriftsprache, wie man die in Geschäftsbeziehungen auch nutzen würde. Aber das Wort Amtssprache beinhaltet für mich dann eigentlich auch schon diesen Negativtouch, dass es etwas ist, was sich von anderer Sprache, die es ja eigentlich gar nicht gibt, negativ abhebt. Der Amtsschimmel, das ist ja doch auch 'n negativ belegter Begriff."

Sprecher:

Der Amtsschimmel dient als Sinnbild für die engstirnige Haltung beziehungsweise pedantische Umständlichkeit einer Amtsperson oder Behörde. Jemand, der den Amtsschimmel reitet, hält amtliche Formalitäten sehr genau ein. Ein solches Verhalten lässt den Amtsschimmel wiehern, gibt dem Amtsschimmel wieder Futter. Die Herkunft dieser Redensart ist unklar. In keinem Fall geht sie auf den Schimmelpilz auf alten, vergilbten Akten zurück, eher wohl auf den früher berittenen Amtsboten. Ein anderer Erklärungsversuch will im Amtsschimmel das "Simile", den vorgedruckten Musterentscheid der österreichischen Kanzleien sehen, nach denen der "Similereiter" jeden neuen Fall erledigt.

Sprecherin:

Amtssprache gibt es in Deutschland schon so lange, wie es Behörden gibt. Selbst der Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe verfiel in seiner Funktion als Geheimrat bei Herzog Carl August in Weimar in eine umständliche und steife bürokratische Sprache. In einem Brief berichtet Goethe seinem Herzog von einem Vorhaben, die Niederlande um Soldtruppen zu bitten. In dem Bericht heißt es dazu:

Zitat:

"Ob ich nun gleich Eurer Hochfürstlichen Durchlaucht geheimen Consilio alsbald davon Eröffnung gethan; so wollte sich doch in Höchstihro Abwesenheit nichts in einem so wichtigen Geschäfte beschließen lassen; welche ich denn auch gedachtem Hauptmann von Einsiedel zu erkennen gegeben und demselben nach Höchstihro Rückkunft, wenn eine Resolution früher von Eurer Hochfürstlichen Durchlaucht zu erlangen nicht möglich gewesen, eine Antwort zugesichert."

Sprecherin:

Vielleicht zeigt dieses Beispiel, dass Amtssprache auch so etwas wie ein Statussymbol sein kann. Der Schreiber bediente sich zumindest früher der Amtssprache, um sich von anderen Bürgern, die dieser Sprachform nicht mächtig waren, zu unterscheiden. Elke Palm verbindet mit der Bezeichnung Amtsdeutsch deshalb bis heute eine Sprache, die schnell herablassend wirken kann:

Elke Palm:

"Man hat früher, denk' ich mal, den Anspruch gehabt, dass man sich ein bisschen abheben wollte mit der Sprache, was dann dazu führte, dass dieses Amtsdeutsch zum Teil relativ verquast, wenn man das so sagen darf, wurde. Es wurde so formuliert, dass man juristischen Background haben muss, um es überhaupt zu verstehen. Das darf natürlich nicht sein. Der Bescheid, der muss auch für den Laien verständlich sein. Und deshalb wurde damals in dieser Arbeitsgruppe auch unter anderem erarbeitet, dass man weniger die Gesetzesgrundlagen in dem Brief formuliert, sondern sie an den Schluss des Briefes zum Beispiel nimmt. Es wurde damals sogar 'ne Broschüre erarbeitet, die hieß 'Amtsdeutsch Ade', und der Untertitel war 'Neue Töne statt alter Zöpfe'. Ziel war halt, das Ganze etwas zu überarbeiten, um es für die Bürger verständlicher und lesbarer zu machen."

Sprecher:

Elke Palm will auf die Unverständlichkeit und Verstaubtheit der Amtssprache verweisen, wenn sie sagt, das Amtsdeutsch sei verquast worden. Die Sprecherin verwendet dieses Wort jedoch inhaltlich wie grammatisch nicht korrekt. Der Duden erlaubt die umgangssprachlich gebrauchte transitive Verbform etwas verquasen, im Sinne von "etwas vergeuden", eine Passivform ist unzulässig. Das Amtsdeutsch gilt als alter Zopf, den es abzuschneiden gilt. Der Zopf findet sich in mehreren Redensarten bildlich für überholtes Herkommen wie für Rückständigkeit, die es aufzuheben gilt. Zurückzuführen sind die meisten dieser Redewendungen auf die männliche Haartracht des Perückenzopfes, die im 18. Jahrhundert zur Mode wurde. Friedrich Wilhelm I. führte sie als so genannten Musketierzopf selbst im Heer ein. Unter dem Einfluss der Französischen Revolution verfiel diese Haartracht der Lächerlichkeit. In Frankreich hatte man der Aristokratie wie auch der Bourgeoisie die Perücken als Herrschaftssymbol heruntergezogen oder die Zöpfe abgeschnitten. In Deutschland hielten die Konservativen bis ins 19. Jahrhundert an ihrer Zopftracht fest. Aber der Einfluss französischen Gedankenguts auf die junge deutsche Generation war nicht aufzuhalten. So galt der Zopf im beginnenden 19. Jahrhundert bald als verhasstes Symbol für die Ursachen politischer und sozialer Missstände eines feudalen Herrschaftsstaates. Wenn die von Elke Palm genannte Broschüre neue Töne statt der überkommenen Behördensprache fordert, so werden mit den verlangten neuen Tönen auch alte Redewendungen modernisiert. Herkömmliche Redensarten kennen keine neuen Töne, aber sie sprechen beispielsweise von einem schärferen Ton, den man anschlägt, wenn man energischer mit jemandem redet, ihm unumwunden sagt, was einem nicht behagt. Ein oft zitiertes Sprichwort unbekannter Herkunft wiederum sagt: Der Ton macht die Musik. Es will darauf hinweisen, dass die Art und Weise, wie man etwas ausdrückt, oft wichtiger ist als der Inhalt des Gesagten.

Sprecherin:

Ein Leitspruch, den man auch bei der Formulierung von amtlichen Bescheiden beherzigen sollte. Manch einem Verwaltungsangestellten aber kommt jedwede natürliche Ausdrucksfähigkeit abhanden, wenn er in seinem Leben schon zu viele amtliche Schreiben verfasst hat, weiß Elke Palm.

Elke Palm:

"Ich hab' ein gutes Beispiel von 'nem Kollegen, der sagte, ich glaub', ich bin nicht mal mehr in der Lage, privat meinen Freunden und Verwandten Briefe zu schreiben, die noch irgendwie in einer normalen Sprache rüberkommen. Der hatte sich so dermaßen an dieses Amtsdeutsch gewöhnt, dass es für ihn im Privatleben schon schwierig war. Betriebsblind, ja."

Sprecher:

Jemand ist betriebsblind, wenn er durch lange Zugehörigkeit zu einem Betrieb oder durch langes Arbeiten in ein- und demselben Bereich unfähig geworden ist, Fehler und Schwächen zu erkennen. Macht hingegen einer Betrieb, verbreitet er Fröhlichkeit, aber auch Unruhe um sich. Er ist eine Betriebsnudel, weil er immer etwas in Bewegung setzt, er sich stets zu amüsieren sucht. Die Redensart Betrieb machen ist Ende des 19. Jahrhunderts aus der Studentensprache in die städtische Umgangssprache übernommen worden. Berlinerisch sagt man: "Is ja jakeen Betrieb!", wenn es nicht lebhaft und lustig hergeht.

Sprecherin:

Trotz aller Bemühungen – die Amtssprache wird es wohl weiterhin geben. Oder, um es in der Sprache der Ämter zu formulieren: Nach Prüfung der Beständigkeit der Amtssprache wurde festgestellt, dass aufgrund von juristischen und verwaltungsorganisatorischen Sachzwängen nicht auf die Verwendung der Verwaltungssprache verzichtet werden kann. Zwar sei man in Zukunft um Verknappung des Gesagten bemüht, was einer besseren Verständigung förderlich sei, man müsse zur Verdeutlichung aber immer wieder den einen oder anderen Paragraphen zur Bereitstellung akzeptieren.

Fragen zum Text:

Jemand, der falsch geparkt hat, …

1. sitzt mit einem Bein im Kittchen.

2. bekommt ein Knöllchen.

3. reitet den Amtsschimmel.

Spricht man, wie es einem beliebt, so redet man …

1. Fachchinesisch.

2. wie einem der Schnabel gewachsen ist.

3. verquast.

Ist jemand betriebsblind, so …

1. hat jemand so lange in einem Bereich gearbeitet, dass er manche Fehler nicht mehr erkennt.

2. tut er so, als sei er blind, um nicht mehr arbeiten gehen zu müssen.

3. kann er infolge eines Arbeitsunfalls nichts mehr sehen.

Arbeitsauftrag:

Suchen Sie aus Behördentexten besonders schöne Beispiele von Amtssprache heraus. Verfassen Sie anschließend einen Text, in dem Sie diese Beispiele verwenden.

Autorin: Antje Allroggen

Redaktion: Beatrice Warken

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