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Ostmitteleuropa

Amtshilfe in Grün

- Deutsche Polizisten sorgen gemeinsam mit ihren ungarischen Kollegen am Plattensee für Ordnung

Budapest, 11.6.2002, BUDAPESTER ZEITUNG, deutsch, Gunnar Erth

Die Deutschen kommen wieder an den Balaton - und zwar nicht nur die Touristen, auch die Ordnungshüter. Im vergangenen Jahr halfen 16 deutsche Beamte den ungarischen Kollegen in offiziellem Auftrag dabei, die Ordnung am Plattensee aufrecht zu erhalten und Straftaten aufzuklären. Aufgrund der positiven Erfahrungen kommen von Anfang Juli bis Ende August auch in diesem Jahr wieder deutsche Amtshelfer in Grün.

"Deutsche Urlauber haben einfach mehr Vertrauen in Polizisten aus der Heimat", beschreibt János Tóth, Chef der Polizeidirektion Somogy in Kaposvár, die Erfolgsformel. "Und auch die Deutschen, die hier auffällig werden, hören eher auf Ermahnungen, wenn sie von Landsleuten kommen."

Angefangen hatte die deutsch-ungarische Beamten-Freundschaft ganz informell. "Dank persönlicher Kontakte halfen deutsche Polizisten den hiesigen Kollegen. Die machten am Balaton Urlaub und arbeiteten nebenbei mit", erinnert sich Tóth. Die Zusammenarbeit lief glänzend und das Bewusstsein stieg, dass es für deutsche Polizisten in der ungarischen Tourismushochburg eine Menge zu tun gibt. Deshalb schlossen die Innenministerien beider Staaten ein Abkommen auf Regierungsebene, das die Kooperation genau regelte und im vergangenen Jahr erstmals umgesetzt wurde.

16 Beamte aus Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen wurden von ihren Vorgesetzten abkommandiert und der Polizei unterstellt, die am Plattensee und dem Velence-See während der Saison für Ordnung sorgt. Drei Komitate kooperieren hierbei, der Vorsitz rotiert. War im vergangenen Jahr das Komitat Somogy federführend, so unterstehen die Polizisten diesmal der Direktion in Veszprém. Bezahlt werden sie aus Deutschland, für Unterkunft und Verpflegung sorgen die ungarischen Kollegen. "Wir haben gute Kontakte, oft helfen die Kommunen oder Hotels; Essen gibt's in Restaurants", erklärt Tóth.

Die Planung für diesen Sommer ist noch nicht abgeschlossen. "Wir wissen noch nicht, wie viele deutsche Polizisten uns in diesem Jahr helfen werden. Einige kommen für einen Monat, andere für zwei. Es ist aber sicher, dass wir in diesem Jahr auch Kollegen der Wasserschutzpolizei vom Bodensee bekommen - auch das lief über persönliche Kontakte", so der Polizeidirektor.

In der Praxis setzen sich je ein ungarischer und deutscher Kollege gemeinsam ins Polizeiauto. Es sei nicht schwierig gewesen, geeignete ungarische Beamte zu finden, schließlich besteht das ungarische Kontingent an den beiden Badeseen aus 500 Ordnungshütern. "Die Kollegen, die in den letzten fünf Jahren die Polizeischule verlassen haben, hatten auch Deutsch als Unterrichtsfach", ergänzt Tóth. Das reicht zwar nicht immer für geschliffene Dialoge und den gepflegten Plausch, aber doch, um gemeinsam die Fachsprache zu lernen und zusammenzuarbeiten.

Es seien keine Probleme in der Zusammenarbeit festgestellt worden, das stellten auch die deutschen Beobachter fest, die die 16 Kollegen besuchten und befragten. "Viele Beamte wollen wiederkommen", weiß der Polizeidirektor. Ob sie die Erlaubnis bekommen, steht nicht fest. Die deutschen Reviere sind im Sommer aufgrund der Ferienlage nicht üppig besetzt - dies sei auch der Grund, warum 2001 lediglich 16 Beamte ihren Dienst am Balaton versehen durften.

Ein beliebter Einsatzort sind Einkaufszentren und Veranstaltungen. Außerdem überprüfen die Polizisten Luxuskarossen auf Diebstahl und patrouillieren am Strand. Meistens handelt es sich um Orte, an denen sich überdurchschnittlich viele deutsche Touristen aufhalten. Tóth: "Die deutschen Polizisten können oft besser helfen, wenn ihre Landsleute bestohlen wurden. Nicht nur wegen der Sprache, sondern auch wegen versicherungstechnischer Abläufe."

Lehrreich ist die Amtshilfe für beide Seiten, die so die Rechtsvorschriften und Polizeimethoden der Partner kennen lernen. "Die deutschen Beamten haben berichtet, dass sie erstaunt sind, wie hart die Ungarn arbeiten müssen", erzählt Tóth. Während der Zwölf-Stunden-Schichten gibt es allerhand zu tun: Zwischen 6000 und 8000 Verbrechen wurden in den vergangenen Jahren zwischen Mai und September registriert, alleine in der Touristenhochburg Siófok sind es während der Hauptsaison 50 bis 60 Straftaten pro Tag, vom Autodiebstahl bis zum Einbruch.

Und die deutschen Beamten sind mittendrin: "Die haben Autodiebe geschnappt, wurden zu Wohnungseinbrüchen gerufen, haben Rauschgiftdealer gefasst und halfen mit, wenn es Probleme in den Discos gab." Gelegentlich werden die deutschen Polizisten dabei auch von Landsleuten beleidigt oder provoziert, die einen über den Durst getrunken haben. Die große Mehrheit der Urlauber aus dem Bundesgebiet verhalte sich zwar zivil, so die Polizei. Es gebe aber immer einige, die fern der geregelten Heimat über die Stränge schlagen. Dies sei besonders in Siófok und am Balaton-Südstrand der Fall.

Doch nicht nur zum Sonnen, Baden und Trinken kommen die Deutschen zum See, einige reisen bereits in krimineller Absicht an. "Die Mehrzahl der ausländischen Verbrecher sind zwar Rumänen, Ukrainer und Serben, aber es gibt auch welche aus dem deutschen Sprachraum darunter", bedauert Tóth. In den meisten Fällen wird noch in Ungarn ein Verfahren eingeleitet, das dann in Deutschland fortgesetzt wird. Der Kriminaldirektor: "Es kommt aber nur selten vor, dass wir die Verbrecher bis zur Grenze fahren und dann übergeben."

Trotz so mancher brenzliger Situation - der Aufenthalt soll für die deutschen Kollegen aber nicht nur Arbeit bedeuten, sondern auch angenehm sein. Deswegen stellen die ungarischen Polizisten für die deutschen Kollegen auch ein Freizeitprogramm mit Ausflügen zusammen. "Außerdem haben im vergangenen Jahr unsere Kollegen am Hungaroring einige der deutschen Polizisten für zwei Tage angefordert, um das Formel-Eins-Rennen abzusichern." (fp)

  • Datum 12.06.2002
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