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Sprachbar

Amtsdeutsch

Postwertzeichen, Fahrtrichtungsanzeiger, Spontanvegetation – Amtsdeutsch sprechen in Deutschland nur Juristen und Behörden. Normale Bürger verstehen meist nichts. Sie hören nur den Amtsschimmel wiehern.

Eine bürokratische Ausdrucksweise wird oft als Amtsdeutsch bezeichnet. Amtsdeutsch ist so verbreitet, dass jeder schon einmal damit Bekanntschaft gemacht hat. Deshalb wird es auch gern parodiert. Schließlich hat es einen hohen Wiedererkennungswert.

Rotkäppchen mal anders

So kursiert im Internet der Text eines anonymen Verfassers, der eine amtsdeutsche Version des Märchens "Rotkäppchen und der Wolf" geschrieben hat. Dort heißt es, in der "Stadtgemeinde" sei eine "noch unbeschulte Minderjährige aktenkundig, welche durch ihre unübliche Kopfbekleidung gewohnheitsrechtlich Rotkäppchen genannt zu werden pflegt". Die Komik dieser sehr förmlichen Ausdrucksweise besteht darin, dass sie gar nicht zu der einfachen Sprache passt, in der Märchen erzählt werden: "Es war einmal ein kleines Mädchen, das im Dorf Rotkäppchen genannt wurde, weil es immer eine rote Mütze trug."

Wenn Behörden und Verwaltungen Amtsdeutsch verwenden, meinen sie dies aber keineswegs humorvoll. Auch Mitarbeiter großer Wirtschaftsunternehmen bevorzugen oft so eine Ausdrucksweise. Und schließlich drücken sich auch Anwälte und Menschen, die einem juristisch geprägten Beruf nachgehen, gern "amtsdeutsch" aus. Übrigens tun sie das nicht ohne Grund und ganz bewusst. Unter Juristen herrscht die Ansicht vor, eine umständliche Ausdrucksweise sei gerechter, weil sie präziser sei.

Verkleidete Wirklichkeit

Tatsächlich verhält es sich in der Regel umgekehrt. Eine bürokratische Ausdrucksweise benennt nicht die Wirklichkeit, sondern verkleidet sie bis normale Bürger sie kaum noch wiedererkennen. Ein Kind, das zur Schule geht, wird "beschult". Der Blinker am Auto wird zum "Fahrtrichtungsanzeiger". Statt vom "Wald mit Tieren" ist die Rede von "forstwirtschaftlicher Nutzfläche mit Wildtierbestand". Unkraut wird zur "Spontanvegetation". Briefmarken sind selbstverständlich nicht Briefmarken, sondern "Postwertzeichen". Falls ein Fahrschein im Zug nicht gilt, dann hat er "in diesem Zug keine Gültigkeit".


Im Amtsdeutschen sind Substantive nämlich besonders beliebt. Wo es kein passendes Substantiv gibt, werden Verben oder Adjektive dazu gemacht: "Durchführung", "Vornahme", "Tätigkeit". Typisch Amtsdeutsch sind dabei extrem lange Substantive, regelrechte Wortmonster wie "Abgassonderuntersuchung", "Rechtsbehelfsbelehrung" oder – bitte festhalten! – "Kostenzusageübernahmeerklärung".

Umständliche Überwältigung

Bürokratische Briefeschreiber bevorzugen das Passiv, so dass sich für ihre Adressaten kaum noch erkennen lässt, wer die handelnde Person ist: "Sie werden zu gegebener Zeit informiert". Ja, aber von wem wohl? Eigentlich sollten Amtstexte so gestaltet werden, dass sie für Bürger leichter verständlich sind. Dann werden sie auch besser akzeptiert.

Das verträgt sich aber nicht so gut mit einem ganz menschlichen Bedürfnis der Bürokraten: sie wollen Respekt, möchten wichtig erscheinen und Widerspruch oder Nachfragen schon im Voraus gerne abwehren. Also gehen sie hinter ihrer umständlichen Ausdrucksweise regelrecht in Deckung. Ein Satz, der schwierig klingt und mit ungewohnten oder unverständlichen Wörtern durchsetzt ist, soll Eindruck machen und den Leser regelrecht überwältigen.

Wilde Stilblüten

Wenn die Umständlichkeit aber erst einmal auf sprachliche Ungeschicklichkeit trifft, treibt die Sprache der Bürokratie "Stilblüten". So hat ein Polizist in seinem Bericht über einen Tathergang etwa geschrieben: "Zeugen liegen bei". Gemeint hat er wohl, dass er aufgeschrieben hat, was Zeugen ihm berichtet haben, und deren Aussagen dann beigefügt hat. Vielleicht handelt es sich auch nur um Fotos vom Tatort. Jedenfalls bestimmt nicht um atmende, lebendige Zeugen zwischen Aktendeckeln.

In so einem Fall sagt man auf Deutsch: "Da wiehert der Amtsschimmel!" Damit ist kein echtes Pferd gemeint. Dieser Ausdruck für ein Übermaß an Bürokratie stammt wahrscheinlich aus dem 19. Jahrhundert. Damals haben Bürokraten oft einen Standard-Vordruck verwendet, der mit einem lateinischen Wort als "Simile" (von similis, ähnlich) bezeichnet wurde. Daraus ist schließlich der scherzhafte "Amtsschimmel" geworden. Er kommt ohne Heu und Wasser aus und gedeiht trotzdem ganz prächtig.

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