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Kultur

Amstetten: "Irgendjemand musste etwas wissen"

Hunderte Menschen haben mit einem Lichtermeer ihre Solidarität mit den Inzest-Opfern ausgedrückt. Der Vater sitzt nun in Untersuchungshaft. Viele Bürger fragen sich: Hatte der 73-jährige Mittäter?

In dieser Klinik werden die Inzest-Opfer behandelt

In dieser Klinik werden die Inzest-Opfer behandelt

Diese Frage steht auch im Mittelpunkt der Ermittlungen. Untersucht wird vor allem das Verlies, in dem der Mann 24 Jahre lang seine Tochter gefangen hielt. Der Vater misshandelte die heute 42-jährige und zeugte sieben Kinder mit ihr. Drei von Ihnen mussten mit der Mutter im Kellerverlies leben. Aber wie war es möglich, dass über viele Jahre niemandem etwas auffiel? Die Polizei hat bisher betont, dass die Ehefrau völlig ahnungslos gewesen sei. Allerdings wird nicht ausgeschlossen, dass es Mittäter geben könnte.

Der eigene Keller als Hochsicherheitstrakt

Franz Polzer, Leiter des Landeskriminalamts Niederösterreich und der Arzt der Opfer Albert Reiter

Franz Polzer, Leiter des Landeskriminalamts Niederösterreich und der Arzt der Opfer Albert Reiter

Der Eingang des Gefängnisses war zwar gut versteckt. Der Keller sei zudem so weit verzweigt, dass ein Auffinden der Eingangstür ohne Vorwissen nur schwer möglich gewesen sei, erklärte der Leiter des Landeskriminalamts Niederösterreich, Franz Polzer der Agentur APA. Gesichert war der Eingang jedoch durch eine schwere Stahltür und ein elektronisches Sicherheitssystem. Die Ermittler überprüfen nun, ob der Täter diese Tür allein transportiert und eingebaut haben kann.

Der Mann muss außerdem jahrelang mehrere Menschen mit Lebensmitteln und Kleidung versorgt und den Müll der Eingeschlossenen entsorgt haben. Viele Menschen in Österreich und auch in Deutschland können sich kaum vorstellen, dass dies völlig unbemerkt blieb. Der "Fall von Amstetten" beherrscht deshalb die Schlagzeilen und sorgt für Diskussionen in beiden Ländern. Auch Polzer sagte gegenüber der Presseagentur dpa: "Irgendjemand aus dem Umfeld musste etwas wissen".

Täter hat vermutlich Machtkomplex ausgelebt

Sollte der Täter allein gehandelt haben, müsste er ein perfektes Doppelleben geführt hat: Auf der einen Seite der geachtete Bürger und Familienvater – und auf der anderen Seite? Psychologen gehen davon aus, dass er einen Machtkomplex auslebte. Der Drang andere zu beherrschen, habe vermutlich im Mittelpunkt gestanden. Dies vermutet auch die deutsche Organisation „Melina“, die sich speziell um Inzest-Opfer kümmert. Der Täter suche sich gezielt Schwächere, so die Vereinsvorsitzende Ulrike Dierkes. Der Inzest erzeuge ein geschlossenes System der Kommunikation und des Handelns, in dem die Außenwelt als schlecht dargestellt werde. Für die Opfer sei es deshalb sehr schwierig, über ihr Leid zu sprechen. Die Aufarbeitung des Falls wird nach Einschätzung der Ermittler noch Monate dauern. (jb)

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