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Kultur

"Amour Fou": Kleists Leiden an der Zeit

Goethe, Schiller, Kleist - die Deutschen lieben Klassiker, auch im Kino. Doch der Film "Amour Fou" von Jessica Hausner, der den Selbstmord Heinrich von Kleists zeigt, dürfte die Erwartungen der Zuschauer unterlaufen.

"Würden Sie mit mir sterben wollen?" Eine unerhörte Frage. Doch so oder ähnlich stellte sie einst der Schriftsteller Heinrich von Kleist Henriette Vogel, einer jungen, verheirateten Mutter, die er vor nicht allzu langer Zeit kennengelernt hatte. "Sie würden mich damit sehr glücklich machen", fügt der Dichter noch hinzu. So zumindest inszeniert die Regisseurin Jessica Hausner die entscheidende Szene im

Film

"Amour Fou", die mit dem berühmten Doppelselbstmord der beiden im November 1811 am Kleinen Wannsee bei Berlin endet.

Wahllos: Kleist suchte Selbstmord-Partner

Doch das tragische Ende ist keinesfalls der Schlusspunkt einer klassischen Amour Fou, wie man es als Zuschauer zunächst vermuten würde. Zwar hat die österreichische Regisseurin ihren Film so genannt, doch steht der Selbstmord nicht am Ende einer Liebe aus Leidenschaft, die an den Klippen der Gesellschaft scheitert. Hausner hatte etwas anderes im Sinn: "Mich interessierte, dass Kleist anscheinend mehrere Leute gefragt hatte, ob sie mit ihm sterben wollten - seinen besten Freund, eine Cousine und dann schließlich Henriette Vogel."

Filmstill Amour Fou (Foto: dpa/Neue Visionen Filmverleih)

Todesversprechen: Henriette Vogel und Heinrich von Kleist am Kleinen Wannsee

Kleist habe der romantischen, übersteigerten Idee von Doppelselbstmord aus Liebe eine banale, leicht lächerliche andere Seite hinzugefügt, sagt Jessica Hausner. "Amour Fou" arbeitet mit Ironie und Doppeldeutigkeit. Der Film verzichtet dementsprechend auf jegliche pralle Ausmalung historischer Tableaus, wie das Philipp Stölzl bei dem publikumswirksamen Film "Goethe" vor fünf Jahren getan hatte. Und auch Dominik Grafs Schiller-Film "Die geliebten Schwestern" aus dem vergangenen Jahr wirkt im Vergleich zu "Amour Fou" fast wie eine Produktion aus Hollywood.

Kleist: Ein belächelter Feingeist

Hausner stellt Kleist in ihrem Film als blassen, am Leben gescheiterten Dichter vor, der orientierungslos zwischen den Adeligen seiner Zeit lebt. Seine Dichtungen werden zwar im Rahmen von Abend-Gesellschaften goutiert, doch richtig ernst nehmen mag den Schriftsteller niemand. Da gibt es andere Sujets: Mögliche Steuern für alle etwa, das ist ein Thema, das die Gemüter erregt. Oder die Nachwirkungen der Revolution im Nachbarland Frankreich. Kleist und seine dichterischen Ergüsse, das ist nicht viel mehr als unwichtiges Beiwerk an den Höfen der preußischen Oberschicht.

Jessica Hausner (Foto: Hubert Boesl/dpa)

Jessica Hausner

Heinrich von Kleist scheint das zu spüren. Auch wenn der Dichter heute als einer der größten Autoren der deutschen Literaturgeschichte gefeiert wird - damals war das anders. So arbeitet Kleist in Hausners Film beharrlich an seinem Plan, dem eigenen und dem Leben eines Partners ein Ende zu setzen. Nach den Absagen von Freund und Cousine klammert er sich an die kränkelnde Henriette Vogel, bei der die Ärzte wechselweise einen Tumor oder eine Erkrankung der Seele diagnostizieren. Nach anfänglichem Zögern lässt sich die junge Frau auf Kleists Vorhaben ein.

Kein pralles Historiendrama

Doch dieses an sich hochdramatische Geschehen wird von Jessica Hausner mit aller Zurückhaltung, fast schon kühl-distanziert und mit streng zurückgenommener Ästhetik auf die Leinwand gebracht. Sie habe anhand eines konkreten Beispiels eine allgemein menschliche Situation durchexerzieren wollen, erzählt die Regisseurin: "Mir geht es eigentlich in alle meinen Filmen, aber speziell in diesem, nicht so sehr um einen konkreten historischen Fall, sondern um die verschiedenen Varianten einer Behauptung, in diesem Fall von Liebe."

Deutschland Literatur Geschichte Grab von Heinrich von Kleist und Henriette Vogel in Berlin (Foto: Tilman Vogler dpa/lbn)

Hier ruhen der Dichter und Henriette Vogel: Friedhof am Wannsee bei Berlin

Unterstützt wird diese ein wenig abstrakt-kühl daherkommende Versuchsanordnung in Sachen Liebe und Tod von der Form, die Hausner für ihren Film gewählt hat.

Was wissen wir schon von der Vergangenheit, wie die Menschen gesprochen und tatsächlich gelebt haben? Natürlich existieren schriftliche Dokumente, Briefe und Tagebücher, doch all das hat wenig mit gesprochener Sprache zu tun. Jeder Film, der sich einer lang zurückliegenden Zeit widmet, begibt sich auf unsicheres Terrain. Hollywoods Historienepen sind zwar perfekt gestaltete Ausstattungsopern, doch mit der historischen Realität dürften sie meist wenig zu tun haben.

In der Tradition europäischer Autorenfilmer

Europäische Filmemacher haben oft einen anderen Ansatz gepflegt. Regisseure aus Frankreich (wie Robert Bresson, Eric Rohmer oder Bertrand Tavernier) oder auch aus Deutschland (Jean-Marie Straub und Danièle Huillet) haben auf eine distanziert-intellektuelle Herangehensweise gesetzt, die immer auch andeutet, dass die gezeigte (Film-)Version nur eine Möglichkeit historischer Darstellung ist.

In diese Tradition reiht sich Jessica Hausner mit ihrem Kleist-Film ein: "Wenn ich eine Geschichte in die Vergangenheit verlege, dann bekommt das Ganze von selbst eine viel größere, eine ironische Distanz und dadurch auch ein reflexives Moment, das ich in Filmen sehr schätze."

Filmstill Amour Fou (Foto: dpa/Neue Visionen Filmverleih)

Verloren in der Welt des Adels: Birte Schnöink als Henriette Vogel und Christian Friedel als Kleist

Hausner behauptet mit ihrem Film "Amour Fou" nicht zu wissen, warum und unter welchen Umständen sich der Dichter und Henriette Vogel damals zu der unerhörten Tat entschieden haben. Er bietet dem Zuschauer lediglich eine spröde Form, in die dieser dann seine ganz persönlichen Projektionen lenken kann. Das wird nicht jeder Zuschauer mögen. Das zeigen auch die sehr unterschiedlichen Reaktionen auf den Film, der seine Welturaufführung im vergangenen Jahr bei den Filmfestspielen in Cannes erlebte und der nun in die deutschen Kinos kommt.

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