1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Kultur

Amok - der tödliche Wahnsinn

Wie werden aus scheinbar normalen Jungs kaltblütige Mörder? Antworten sucht das neue Buch "Der Amokkomplex" von Ines Geipel. Amok als globales Gewaltphänomen.

Bildbeschreibung: Titel: Buchcover Amokkomplex Schlagworte: Ines Geipel, Amok, Buch Wer hat das Bild gemacht?: Keine Angaben Wann wurde das Bild gemacht?: keine Angabe Wo wurde das Bild aufgenommen?: keine Angabe Bildbeschreibung: Bei welcher Gelegenheit / in welcher Situation wurde das Bild aufgenommen? Wer oder was ist auf dem Bild zu sehen? Buchcover Amokkomplex In welchem Zusammenhang soll das Bild/sollen die Bilder verwendet werden?: Artikel Bildrechte: - Es handelt sich um ein durch einen Verlag, ein Unternehmen oder eine Institution bereitgestelltes Bild (außer eine Bild-Agentur, mit der die DW einen Rahmenvertrag abgeschlossen hat): Angabe der Quelle/des Zulieferers: Klett-Cotta Verlag Rechteeinräumung: Honorarfreie, einmalige Fotonutzung für diesen Artikel telefonisch von Verlag genehmigt Copyrightangabe: ©Klett-Cotta Verlag Thematische oder zeitliche Nutzungsbeschränkungen: einmalig nur für diesen Artikel

Ines Geipel und Buchcover Amokkomplex

Vor genau zehn Jahren passierte das Unfassbare. Im April 2002 stürmte ein 19-Jähriger sein Erfurter Gymnasium und richtete ein Blutbad an. Am Ende seines Amoklaufs waren 16 Schüler und Lehrer tot. Erschossen. Hingerichtet von Robert Steinhäuser, der kurz zuvor von der Schule verwiesen worden war. 

Globales Phänomen

Ines Geipel erfuhr davon nur ein paar Stunden später. Die Hochschulprofessorin unterrichtete gerade Schauspiel-Schüler in Berlin. "Einige von ihnen hatten ein paar Jahre zuvor an genau diesem Gymnasium ihr Abitur gemacht", erklärt sie mit leiser Stimme. "Wir alle waren geschockt, fassungslos. Bis dato glaubte man, so etwas passiert nur in Filmen oder wo anders."

Unidentified people grief over the victims of a school shooting in the Cathedral of Erfurt, eastern Germany, Saturday, April 27, 2002, the day after a former student killed 16 people before he killed himself in the Gutenberg high school. (AP Photo/Michael Probst)

Trauernde Schüler

Es war diese plötzliche Verwundbarkeit, die gesellschaftliche Schockstarre, die Ines Geipel begreifen wollte. In ihrem Buch "Der Amokkomplex" analysiert sie exemplarisch fünf Amokläufe und legt die Mechanismen dahinter frei. Vom australischen Port Arthur über Utøya in Norwegen bis zu den drei deutschen Tatorten in Erfurt, Emsdetten und Winnenden.

Sie fuhr an die Orte des Grauens, sprach mit Betroffenen, Augenzeugen und nahm Einblick in unveröffentlichte Polizeiprotokolle und Ermittlungsakten.

Titel: Ines Geipel Schlagworte: Ines Geipel, Amok, Autorin Wer hat das Bild gemacht?: Bernd Lammel Wann wurde das Bild gemacht?: keine Angabe Wo wurde das Bild aufgenommen?: keine Angabe Bildbeschreibung: Bei welcher Gelegenheit / in welcher Situation wurde das Bild aufgenommen? Wer oder was ist auf dem Bild zu sehen? Porträt Ines Geipel In welchem Zusammenhang soll das Bild/sollen die Bilder verwendet werden?: Artikel Bildrechte: (Grundsätzlich nur eine Variante möglich, Nichtzutreffendes bitte löschen.) - Es handelt sich um ein durch einen Verlag, ein Unternehmen oder eine Institution bereitgestelltes Bild (außer eine Bild-Agentur, mit der die DW einen Rahmenvertrag abgeschlossen hat): Angabe der Quelle/des Zulieferers: Klett-Cotta Verlag Rechteeinräumung: Honorarfreie, einmalige Fotonutzung für diesen Artikel telefonisch von Verlag genehmigt Copyrightangabe: ©Bernd Lammel Thematische oder zeitliche Nutzungsbeschränkungen: einmalig nur für diesen Artikel

Ines Geipel

Verletzte Außenseiter

"Amok ist längst zu einem globalen Phänomen geworden", erklärt die Autorin. "Und es gibt immer wieder ähnliche Muster." Fast alle Täter kommen aus gutsituierten Familien, leben in Kleinstädten und galten als Außenseiter. "Viele wurden in der Schule über Jahre gemobbt. Die wenigsten hatten Freunde", so Ines Geipel.

Hinzu käme der immense Leistungsdruck, den viele Amokläufer, vor allem in ihren Familien erfahren. Weil sie den Anforderungen nicht genügen, ziehen sie sich zurück. Meistens in eine fiktive Welt. "Die meisten von ihnen haben eine starke Affinität zum Theater und zum Film", meint Ines Geipel. "Es ist die verzweifelte Suche nach der eigenen Haut, nach der eigenen Rolle."

Die anonyme Welt des Internets wird für viele zum Schlupfloch und zur Spielwiese. Hier tauchen sie ab in das Reich der Computerspiele. Während sie in der realen Welt nicht wahrgenommen werden, können sie hier Level für Level aufsteigen. Und sie gewöhnen sich an virtuelle Gewalt. "Es ist nicht so, dass diese Jungs keine Emotionen haben", erklärt Ines Geipel. "Sie kapseln sie nur Stück für Stück ab." Immer wieder las sie in Abschiedsbriefen der Täter Sätze wie "Ich muss trainieren, nichts mehr zu fühlen."

ARCHIV - Ein Junge spielt an seinem Computer das Ego-Shooter-Spiel Counter Strike (Archivfoto vom 16.02.2007). Am Freitag (03.07.2009) findet die Jahrestagung zum Thema Internet und Computerspiele - wann beginnt die Sucht? in Berlin statt. Foto: Frank Kleefeldt dpa/lhe +++(c) dpa - Bildfunk+++

Ego-Shooter-Spiel "Counter Strike"

Mediale Gewaltspirale

Eine These von Ines Geipel ist, dass die Radikalität und die Frequenz von Amokläufen sich erhöht, besonders durch die Medialisierung. "Robert Steinhäuser hatte sich z.B. die Vorbereitungspläne der Columbine-Attentäter runtergeladen." Der Massenmord an der amerikanischen Highschool hatte 1999 die ganze Welt aufgewühlt und über Wochen die Medien beschäftigt.

"Amokläufer kopieren, imitieren sich gegenseitig", so Ines Geipel. Sie haben häufig sogar die gleiche Kampfuniform an, wie derbe Springerstiefel, Armyhosen und schwarze Masken. Das Ziel ist oftmals, das Grauen zu "toppen". "Heutzutage Filmen Jugendliche sogar ihre Morde mit der Kamera", wirft die Autorin ein. "Es ist der Drang nach maximaler medialer Resonanz."

Und eine Art stummer Hilfeschrei, die Geschichte einer verunsicherten Männlichkeit. Väter, die ihre Söhne schon als Kinder mit Schusswaffen in Kontakt bringen, sie "abhärten" wollen, gehören zu den biografischen Konstanten bei Amokläufern.

Kulturelle Unterschiede

"Dabei gibt es aber auch kulturelle Unterschiede, besonders was die öffentliche Aufarbeitung angeht", sagt Ines Geipel. In Australien sei der Name des Attentäters von Port Arthur, Martin Bryant, ein absolutes Tabu. "Und in Norwegen blättern Menschen in Cafes schnell die Zeitungsseiten um, wenn sie das Foto vom Utøya-Mörder Anders Breivik sehen. Zu groß ist die nationale Scham."

In Deutschland dagegen herrsche eine offensivere Art, mit dem Schrecken umzugehen. Vielleicht auch, weil man hierzulande aus der eigenen Geschichte, vor allem aus der NS-Zeit, gelernt hat. Die Verbrechen zwischen 1933 und 1945 sind bis heute eine nationale Wunde. Für die meisten Deutschen wurde daraus inzwischen ein Mahnmal gegen das Vergessen. Denn man weiß, wie verheerend es sein kann, gesellschaftliche Traumata zu verdrängen.

"Seit dem Amoklauf von Erfurt hat sich das Waffengesetz hierzulande verschärft, die Polizei hat für solche Fälle spezielle Strategien entwickelt. Und selbst in Kindergärten sind die Türknäufe nur noch innen, so dass man sich im Notfall verbarrikadieren kann", erläutert Ines Geipel die Veränderungen. Doch das sei nur eine trügerische Sicherheit. "Das eigentliche Problem ist, dass wir diese jungen Täter dämonisieren, von uns wegschieben. Dabei kommen Amokläufer aus der Mitte unserer Gesellschaft. Und sie sind uns oft viel näher, als wir es wahrhaben wollen."

Ines Geipel: „Der Amokkomplex oder die Schule des Tötens“, Klett-Cotta 2012, 19,95 Euro

Die Redaktion empfiehlt