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Asien

Amir zwischen den Welten

Amir war Dolmetscher bei der Bundeswehr in Afghanistan. Jetzt lebt er in Deutschland. Den Krieg hat er zurückgelassen, die Familie auch. Er hat Angst um Vater und Geschwister, möchte sie nachholen - bislang ohne Erfolg.

"Ich bin im Krieg geboren worden, im Krieg aufgewachsen, im Krieg zur Schule gegangen", erzählt Amir (Name von der Redaktion geändert) mit ruhiger Stimme und in flüssigem Deutsch. Er sitzt in Jeans und T-Shirt auf der Couch in seiner kleinen Dachgeschosswohnung mit leuchtend blauem Teppich. In Köln, weit weg von seiner Heimatstadt Kundus, weit weg vom Krieg. Seit Februar 2014 ist er in Deutschland, geht wieder zur Schule, lernt Deutsch. Im kommenden Jahr ein möchte er ein Studium beginnen, Informatik.

25 Jahre ist Amir heute alt. Er plant seine Zukunft hier. Zurückgehen, das ist für ihn derzeit keine Option. Und selbst wenn er wollte: Der Schritt könnte für ihn lebensgefährlich sein, sagt er. Von 2009 bis Ende 2012 arbeitete er für die Bundeswehr als Dolmetscher - und zog so den Zorn der Taliban auf sich. Er wurde bedroht, erhielt einen Brief, in dem die Taliban Rache dafür ankündigten, dass er als "Spion" im Dienst des Feindes stand. "Ich sollte alles erzählen, was ich für die Deutschen machen musste." Andernfalls würden sie ihm etwas antun.

Ein Bundeswehrsoldat (l) und ein Dolmetscher (r) sprechen am 31.08.2011 nahe Kundus im Distrikt von Char Darreh mit einem Mann (Foto: picture alliance/dpa)

Im Tandem unterwegs: Ein Bundeswehrsoldat (links) und sein afghanischer Dolmetscher bei der Arbeit in der Nähe von Kundus

Amir bekommt Angst, wendet sich gemeinsam mit zwei Freunden und Arbeitskollegen hilfesuchend an die Bundeswehr. "Ich habe ihnen geschrieben, dass ich nach Deutschland möchte." Danach müssen sie erst einmal monatelang warten. Im Oktober 2013 schließlich kommt der Bescheid, dass sie ausreisen dürfen. Sie bekommen eine Aufenthaltserlaubnis aus "völkerrechtlichen und humanitären Gründen" - so heißt es in Paragraf 22 des Aufenthaltsgesetzes. Doch bevor die Reise tatsächlich losgehen kann, wird einer seiner ehemaligen Arbeitskollegen ermordet. Auch er wurde vorher bedroht. Amir glaubt, dass die Taliban hinter der Tat stecken. Die Bundesregierung sieht eher einen kriminellen Hintergrund.

Kein Durchkommen nach Kundus

Amir und der andere Kollege schaffen es nach Deutschland. Er ist in Sicherheit. Einer seiner Brüder - auch ein ehemaliger Bundeswehr-Dolmetscher - lebt ebenfalls hier, gemeinsam mit seiner Familie in der Nähe von Bonn. Aber richtig glücklich kann er nicht sein. Zu groß sind die Sorgen um seine Verwandten. Der Rest der Familie aber ist noch in Afghanistan: zwei Schwestern, drei Brüder und der Vater. Amir würde sie gern nachholen, vor allem zwei der Brüder. "Ich habe auch für sie einen Antrag gestellt, nachdem sie genau wie ich von den Taliban bedroht wurden. Am 4. September 2015 habe ich eine Antwort vom Auswärtigen Amt bekommen. Leider keine positive."

Amir geht zum Schrank und holt einen Aktenordner heraus, halb voll. Der gesammelte Briefverkehr mit den deutschen Behörden ist darin abgeheftet. Zuoberst das Schreiben einer deutschen Behörde von Anfang September. Die Informationen über eine "etwaige Gefährdung" der Brüder seien nicht ausreichend, steht dort. Einer Aufnahme im Nachzugsverfahren könne daher nicht entsprochen werden. Keine konkrete Gefährdung? Darüber kann Amir nur den Kopf schütteln. "Ich soll jetzt noch einmal die Situation erklären. Dabei war doch klar, wie schlecht die Sicherheitslage ist."

Auszug aus dem Brief des AA an Amir (Foto: Esther Felden / DW)

Der Brief vom Auswärtigen Amt kam weniger als einen Monat vor dem Sturm der Taliban auf Kundus

Angst als ständiger Begleiter

Genau 24 Tage nachdem der Brief des Auswärtigen Amtes bei Amir ankommt, überrennen die Taliban am 28. September Kundus, übernehmen für mehrere Tage die Kontrolle über die Stadt. "Das war schrecklich für mich. Anderthalb Tage konnte ich meine Familie nicht erreichen, weil weder das Handy- noch das Festnetz funktionierten. Ich konnte mich auf nichts anderes mehr konzentrieren, musste pausenlos an sie denken und habe nur noch gehofft, dass sie weg sind aus Kundus."

Tatsächlich sind ein Bruder und eine Schwester mit ihren Familien geflohen, leben zurzeit in Kabul. Aber das ist natürlich kein Dauerzustand, sagt Amir. "Ihre ganze Existenz ist in Kundus. In Kabul können und wollen sie nicht bleiben." Und ob sie dort wirklich sicherer sind? Auch in Kabul kommt es immer wieder zu Anschlägen, bei denen auch Zivilisten getötet werden. Amir hofft, dass sie entweder zurück in ihre Heimatstadt gehen - oder aber es doch noch nach Deutschland schaffen. Darauf hofft er. "Ich wünsche mir, dass wir alle gemeinsam hier in Frieden und Freiheit leben können. Denn sie alle sind dort durch meinen Job bei der Bundeswehr mit in Gefahr geraten." Die Angst um Vater und Geschwister ist immer da, erzählt er. Jedes Mal, wenn er den Fernseher anschaltet, fürchtet er, dass wieder über Afghanistan berichtet wird, dass wieder irgendwo etwas passiert ist.

Eine Aussage, die Amir nicht verstehen kann

Afghanische Soldaten in Kundus (Foto: Getty Images/AFP/W. Kohsar)

Mehrere Tage dauerte es, bis die afghanische Armee wieder die Kontrolle über Kundus hatte

Vor einigen Tagen bekam Amir in den deutschen Medien noch eine ganz andere Meldung im Zusammenhang mit Afghanistan mit. Eine für ihn verstörende Meldung: Der deutsche Innenminister Thomas de Maizière (CDU) hatte angekündigt, abgelehnte afghanische Asylsuchende künftig verstärkt abzuschieben. Es sei viel deutsche Entwicklungshilfe nach Afghanistan geflossen. Deutsche Soldaten und Polizisten würden dazu beitragen, Afghanistan sicherer zu machen. "Da kann man erwarten, dass die Afghanen in ihrem Land bleiben", so Thomas de Maizière.

Afghanistan hat Deutschland viel zu verdanken, meint Amir, das dürfe man natürlich nicht vergessen. Trotzdem ist die Aussage des Ministers für ihn nicht nachvollziehbar. "Alle wissen doch, was in Kundus passiert ist. Jeder kann es nachlesen. Die Stadt war zeitweise völlig unter Taliban-Kontrolle." Zwar hatte de Maizière auch eingeräumt, dass die Sicherheit in Afghanistan nicht so hoch sei wie anderswo, aber aus seiner Sicht gibt es "durchaus sichere Gegenden".

Ein Land im Krieg

Auch den immer wieder gezogenen Vergleich zwischen Flüchtlingen aus Afghanistan und solchen aus Syrien findet er schwierig. " Man kann nicht pauschal sagen: Die einen haben mehr Probleme, die anderen weniger. Die Syrer fliehen vor einem Krieg, und die Afghanen auch." Aber miteinander vergleichen ließen sich diese Kriege nicht. Afghanistan, fügt er hinzu, befinde sich praktisch seit über 35 Jahren im Kriegszustand, seit der sowjetischen Invasion 1979, seit das Land praktisch nicht mehr zur Ruhe gekommen. Gewalt und Terror seien für die Menschen zu traurigen Begleitern im Alltag geworden. Viele Afghanen - so wie er auch - kennen ihr Land gar nicht im Frieden.

Zerstörter Innenraum der Klinik von Ärzte ohne Grenzen in Kundus (Foto: Shahpoor Akbari)

Im Zuge der Kämpfe um Kundus wurde bei einem US-amerikanischen Luftangriff auch eine Klinik der Organisation Ärzte ohne Grenzen getroffen und zerstört – dabei starben auch 13 Mitarbeiter der Organisation.

Amir hat Fuß gefasst in Deutschland, er spricht die Sprache, findet sich in seinem Alltag zurecht. Er ist "stabil geworden", wie er sagt. Seine Aufenthaltsgenehmigung ist derzeit noch befristet. Aber wenn alles klappt, wenn der 25-Jährige einen Studienplatz bekommt, dann hofft er, dass das nach drei Jahren geändert wird und er unbefristet bleiben darf. Dass sich die Sicherheitslage in Afghanistan in absehbarer Zeit deutlich verbessert, glaubt er nicht. Und er will weiter kämpfen. Dafür, dass seine Familie irgendwann hier bei ihm sein kann. So lange bleibt die ständige Angst um sie. Knapp 5000 Kilometer Luftlinie liegen zwischen Köln und Kundus. Die Heimat ist weit weg. Und doch in seinem Kopf so nah.

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