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Politik

Amin Maalouf: Der Graben zwischen Orient und Okzident wächst

Seit Tagen liefern sich Jugendliche und Polizisten in den Trabantenstädten von Paris Straßenschlachten. Über die Wurzeln dieses Gewaltausbruchs sprach Brigitte Neumann mit dem libanesischen Schriftstellers Amin Maalouf.

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Kein Ende der Unruhen in Sicht

Auf die Frage, ob er - ein Symbol für gelungene Integration - nicht als Vermittler zwischen den Fronten wirken könne, lacht Amin Maalouf nur erstaunt auf. Nein, seine Aufgabe sei es nachzudenken. Für solche Aufgaben des Kampfes mit einer entfesselten Wirklichkeit sei er nicht geeignet. Aber der Träger des Prix Goncourt sowie einiger weiterer Literaturpreise, ein anerkannter Spezialist für die Fragen der arabischen Welt und der Beziehung zwischen Okzident und Orient scheut vor deutlichen Worten nicht zurück. Warum vertreiben sich Jugendliche in den Vororten von Paris seit einer Woche die Zeit damit, Autos abzufackeln?

"In Frankreich versteht man auch nicht so recht, warum", antwortet Maalouf. Aber es sei ja nicht das erste Mal. Deshalb könne man inzwischen ein bestimmtes "Reiz-Reaktions-Muster" feststellen. "Junge Männer in den Vorstädten zünden Autos an, die Polizei schreitet ein und für ein paar Tage spricht ganz Frankreich darüber. Beruhigt sich das ganze wieder, verstummen im selben Moment auch die Diskussionen über Ursachen und Abhilfe. Dann dauert es wieder ein, zwei Jahre und das ganze fängt von vorn an. Spannungen gibt es permanent."

Zeit heilt die Wunde nicht

Die starken Worte des Innenministers Nicolas Sarkozy, der angekündigt hatte, die Vorstädte mit dem "Hochdruckreiniger vom Gesindel" zu säubern ändern nichts daran. Die Ausschreitungen in den "banlieues" von Paris, dort, wo eine überwältigende Mehrheit der Einwohner vornehmlich aus dem Maghreb oder aus dem frankophonen Afrika zugewandert ist, hören nicht auf. Dass die Polizei mit Gerät und Sondervollmachten aufgerüstet werden soll, bestätigt den Gemeinplatz, dass die französische Integrationspolitik gescheitert ist.

Nach Ansicht Maaloufs liegt das Problem mit der Integration in Frankreich daran, dass man darauf zählt, die Zeit würde es schon richten. "Und man geht davon aus, es gäbe eine Art Zaubereffekt, der irgendwann einträte, und die Jungen aus den Vorstädten irgendwann zu richtigen Franzosen werden ließe. Aber es klappt nicht. Was fehlt, ist eine gründliche und von der Politik unabhängige gedankliche Aufarbeitung des Problems", bemängelt der Schriftsteller. "Wie kann Koexistenz sichergestellt werden? Wie Integration bewerkstelligt? Leider sehe ich keinerlei Bemühungen in diese Richtung."

Keine Frage der Sprachkenntnisse

Trotz der gemeinsamen Sprache scheint die Kommunikation zwischen den Lagern in Frankreich seit längerer Zeit abgerissen. Warum? Es gebe etliche Punkte, die die Verständigung ausgesprochen schwierig machen, trotz der gemeinsamen Sprache, meint Maalouf. "Denn Französisch wird auch von den Arabern und Afrikanern im Land gesprochen. Es gibt aber auch auf internationaler Ebene keine Verständigung mehr zwischen Arabern und dem Westen. Und meiner Meinung nach ist der Graben, den wir heute zwischen Orient und Okzident haben, viel tiefer als noch vor 20 oder 30 Jahren."

Für arabische Muslime in Frankreich ergebe sich so ein schwerwiegendes Identitätsproblem. Sie fühlen sich ihrer Herkunftsgesellschaft zugehörig, aber auch der, die sie aufgenommen hat. In Wirklichkeit sind junge Araber in Frankreich nicht sehr viel anders als gleichaltrige Franzosen. Aber es bleibt das Problem der Zerrissenheit. Niemand scheint ein Interesse daran zu habe, das zu regeln. Oder es erst einmal ernst zu nehmen."

Vorstadt-Ghettos fördern Gewalt

Die Zeit drängt. Beobachtet wird allenthalben eine Abnahme der Integrationsbereitschaft, was gerade bei Jugendlichen verbunden ist mit einer Zuwendung zum islamischen Glauben oder wenigstens zu seinen Bräuchen. Viele Gelegenheiten wurden verpasst, sagt der in Paris wohnende Ex-Journalist Maalouf. Welche Fehler der Vergangenheit müssten als erstes beseitigt werden?

"Es ist zum Beispiel falsch, alle Kinder aus Immigrantenfamilien in eine Schule zu packen. Und ein Hohn ist es, dann denen noch zu sagen: In Frankreich herrsche Chancengleichheit." Eine derartige Konzentration von Unterprivilegierten müsse in Schulen und in Wohnquartieren verhindert werden. Man habe die Leute aus Afrika in diese Vorstadt-Ghettos gesteckt, um andere Wohnquartiere zu schützen. Aber diese Trennung in Arm und Reich sei sehr ungesund für die ganze Gesellschaft. "Man sagt den Kindern der Einwanderer: Ihr seid alle Franzosen. Aber die Betroffenen haben das Gefühl, von der französischen Gesellschaft abgeschnitten und auf die eigene Gemeinschaft zurückgeworfen zu sein."

Frankreich ist ein Land, das kaum herausragende Persönlichkeiten mit Immigrantenhintergrund aufweisen kann. Höchstens im Sport gibt es ein paar allgemein bekannte Figuren. "Die Franzosen machen sich zwar gerne lustig über solche Alibi-Figuren wie Pele in Brasilien, die hochgejubelt werden, während der Rest der Schwarzen sein Leben auf dem Abstellgleis fristet. Aber in Wahrheit haben wir eine vergleichbare Situation. Und auch da scheint niemand zu merken, wie sich der Graben vertieft."

Amin Maalouf

Der libanesische Romancier und Sachbuchautor Amin Maalouf

Der libanesische Schriftsteller Amin Maalouf floh in den 1970er Jahren vor dem Krieg im Libanon nach Paris. Dort arbeitete er jahrelang als Journalist für die in Frankreich erscheinenden Zeitschrift "Jeune Afrique". Die Familie des 56-Jährigen gehört der christlichen Minderheit im Libanon an.

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