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Einzelhandel

Amerikas Malls sterben schneller

Nichts symbolisiert den Untergang des stationären Einzelhandels drastischer als die leerstehenden Shopping Malls in den USA. Sophie Schimansky aus New York, Bilder von Seph Lawless.

Verfallene Shopping-Mall in Kansas-City, USA (Seph Lawless)

Die Shopping Malls amerikanischer Vorstädte war in den 1970ern und 1980ern ein Symbol der amerikanischen Lebensart. Sie waren sozialer Treffpunkt für Familien und Freunde. Doch nun zeugen Hunderte von Zombie-Malls vom Untergang des stationären Einzelhandels. Kaum jemand kennt diese Skelette aus Beton, Glas und Erinnerungen besser als der Fotograf Seph Lawless. Seine Bilder zeigen Betonwüsten, Rolltreppen, eingestaubte Schaufensterpuppen.

Sie zeigen nicht nur den Verfall von Gebäuden, sie zeugen auch vom Verschwinden öffentlichen Raumes und vom Verschwinden des Menschen daraus. In den meisten Malls ist es dunkel, das einzige Licht kommt herein durch die großen Dachfenster. "Das sieht dann fast aus, als würden Raumschiffe ihr Licht nach unten werfen", sagt Lawless.

Viele Pleiten in 2017

Die verlassenen Malls zeigen deutlich, wie der amerikanische Einzelhandel sich verändert hat. Wie damals die florierenden Malls, gehören nun die Konsum-Ruinen zum Bild amerikanischer Vorstädte. Laut der Seite Deadmalls.com gibt es in Amerika rund 400 von ihnen. Die Aussichten für die etwa 1100 noch geöffneten Malls waren nie schlechter. In keinem Land gibt es mehr Ladenfläche pro Kopf. In Amerika kommen laut der Ratingagentur Morningstar immer noch 21 Quadratmeter Ladenfläche auf einen Einwohner. Auf Platz zwei und drei liegen Kanada mit 15 und Australien mit zehn Quadratmetern. In Zeiten, in denen die Nachfrage sinkt, ist das Überangebot besonders verheerend.


Immer mehr der großen Einzelhändler verlassen die Malls, und mit ihnen gehen die Kunden. Anfang 2017 verkündete Sears, 150 Filialen in ganz Amerika schließen zu wollen. Sie haben 2016 insgesamt einen Verlust von 60 Millionen Dollar gemacht. Konkurrent Macys wird 68 Filialen schließen müssen. "2017 wird bei vielen Einzelhändlern über ihr Schicksal entscheiden," sagt RJ Hottovy, Analyst bei Morningstar. Er rechnet mit gleich mehreren Insolvenzen in diesem Jahr. Die Immobilien- und Analysefirma Green Street Advisors schätzte vor zwei Jahren, dass bis 2025 noch einmal 160 Malls schließen müssen. Inzwischen gehen Analysten von etwa 400 Malls für diesen Zeitraum aus. Das Sterben der Malls geht rasend schnell.

Internet und Rezession machen Einzelhändlern zu schaffen

Der Grund ist nicht neu: Der Onlinehandel gräbt den Malls das Wasser ab. Neu aber ist, mit welcher Geschwindigkeit das passiert. Dabei wirken zwei Faktoren zusammen. "Die Rezession von 2008 und die rasende Entwicklung von Amazon und anderen Internethändlern sind eine ungünstige Kombination für die klassischen Einzelhändler", sagt Mark Cohen. Er lehrt Einzelhandel an der Columbia Universität und war lange Jahre CEO des Einzelhändlers Sears. Er hat den Wandel von Anfang an beobachtet und rechnet damit, dass er sogar noch an Tempo zulegen wird.

Denn die Amerikaner lieben das Online-Shopping inzwischen wie sie einst die Malls liebten. 95 Prozent der Amerikaner shoppen regelmäßig online, sagt die Unternehmensberatung BigCommerce. Der Umsatz aus dem Onlinehandel wächst jedes Jahr zweistellig. Knapp 395 Milliarden Dollar Absatz verzeichnet der US- Onlinehandel für 2016, ein Wachstum von 15,6 Prozent gegenüber 2015. Der Online-Anteil am Einzelhandel wächst ebenfalls stetig. Lag er im ersten Quartal 2007 bei unter dreieinhalb Prozent, erreichte er dieses Frühjahr 8,5 Prozent, berichtet das US-Handelsministerium.

Malls werden abgerissen, Logistikzentren gebaut

Bruce Batkin betreibt mit Terra Capital eine Firma, die Immobilien-Investoren und den Einzelhandel zusammenbringt. Immer öfter rufen ihn verzweifelte Shopping-Mall-Besitzer an, die ihre Mall refinanzieren wollen - da muss Batkin nein sagen: "Die Wahrscheinlichkeit, dass diese Leute ihre Mall mit Mietern voll bekommen, ist gering." Meist würden Investoren nur dann bereit sein, in eine Mall oder Einzelhandelsfläche zu investieren, wenn diese umfunktioniert wird - in Altenheime, Arztpraxen und Call Center.

Während Malls reihenweise schließen müssen, schießen die Logistikzentren der Onlinehändler wie Pilze aus dem Boden. Amazon hat im April sein bislang größtes Center im Herzen von New Jersey eröffnet, mit mehr als 90.000 Quadratmetern und neuester Technologie. Und die Nachfrage nach solchen Zentren steige weiter, sagt Fred Schmidt von der Immobilienfirma Coldwell Banker Commercial Affiliates. "Konsumenten erwarten, dass sie bestellen können und noch am selben Tag beliefert werden." Das setze den Bau und Kauf von Lagerhallen und Logistikzentren voraus.

Fruchtlose Online-Gehversuche der Händler

Auch Walmart, Target und Konkurrenten haben inzwischen Online-Shops. Doch sie müssen ihre Infrastruktur teuer umbauen, Mitarbeiter entlassen und ganze Läden aufgeben. Amazon hat da einen riesigen Vorsprung. Da kann der stationäre Einzelhandel nicht mithalten, sagt Mark Cohen. Bislang seien Walmart und Co tragisch gescheitert, ein funktionierendes Geschäftsmodell aufzubauen. "Sie verkennen die Macht, die das Internet ihnen bietet."

Cohen sieht immerhin noch eine kleine Chance für Einzelhändler: Sie sollten sich auf das fokussieren, was sie dem Internet voraus haben: Das physische Erlebnis zum Anfassen, Riechen und Fühlen. Dabei helfe es, wenn sie einige ausgewählte Geschäfte neu und besser gestalten - mit mehr Service und mehr Auswahl. Doch selbst das wird die Malls nicht retten können. Sie sind Teil der Vergangenheit.

Fotograf Seph Lawless erinnert sich gerne daran, wie er als Junge auf dem Geländer eines Springbrunnens balanciert ist. Als er diese Mall Jahre später als Fotograf besuchte, flackerten all diese Erinnerungen wieder auf. Wie er Zuckerwatte isst, welche Geschäfte es gab, wie die Mall einst florierte und überall Menschen schlenderten. "Wenn ich mich dann so umschaue, Jahre später, kann ich sie fast wieder sehen und hören - und im nächsten Moment ist alles verschwunden."